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St.Galler Festspiele | Giovanna d`Arco

Publiziert am 22. Juni 2008

Mit der mitreissenden Verdi-Oper «Giovanna d’Arco» eröffnet St.Gallen die 3. St.Galler Festspiele im einmaligen Ambiente des zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Klosterhof St.Gallen. Ein einmaliges Erlebnis! Mehr lesen
st.galler festpiele | giovanna d'arco

Kritik:
Eine riesige, blutbefleckte schwarze Treppe hat Regisseur und Ausstatter Giancarlo del Monaco vor die barocke Fassade der Klosterkirche St. Gallen bauen lassen. Auf ihr nimmt die dramatische, kriegerische Handlung ihren unerbittlichen Lauf. Historische Kostüme, brennende Fackeln, ein durchdachtes, faszinierendes Lichtdesign (Guido Petzold) und metallisch glänzende Speere, die auch mal zu unheimlich mysteriös leuchtenden Baumstämmen umfunktioniert werden können und ab und an aus den Gitterrosten aufsteigende Rauchschwaden prägen diese einfache Bühne. Die Auftritte des Chores (begleitet vom Kampfeslärm über Lautsprecher) und der Protagonisten finden meist über die Zuschauerränge statt, was mitunter zu Längen führt, da es gewaltige Wege zu meistern gilt. Insgesamt setzt der Regisseur die fantastisch singenden Chöre (Chor des Theaters St. Gallen, Theaterchor Winterthur, Chor der Oper Craiova) sehr statisch ein (wie von ihm aus seinen Zürcher Inszenierungen gewohnt), es ergeben sich hübsch anzuschauende Tableaus, doch von überzeugender, individualisierender Choreografie leider keine Spur. Auch die drei Protagonisten scheinen weit gehend sich selbst überlassen worden zu sein. Konventionelle Operngestik beherrscht die Szene. Wahrscheinlich kann man von einer Openair Aufführung nicht mehr erwarten … .
Dass die Aufführung aber dennoch Schmiss hat und berührt, liegt an den hervorragenden Stimmen der Sopranistin Paoletta Marrocu in der Titelrolle, des Tenors Gustavo Porta als Carlo VII, des Baritons Anooshah Golesorkhi als Giacomo und am differenzierten Spiel des Sinfonieorchesters St. Gallen unter der Leitung von Antonino Fogliani. Obwohl sich das Ohr zuerst an den über Lautsprecher verstärkten Klang des Orchesters und der Sänger gewöhnen muss und es manchmal einige Zeit dauert, die Sänger auf der Bühne zu orten, kann man sich an den wunderbaren, einfallsreichen und mitreissenden Melodien des jungen Verdi erfreuen.
Frau Marrocu singt mit gewohnt metallischem Timbre, sicherer Höhe und wunderbar grossem Atem eine restlos begeisternde Giovanna. Gustavo Porta glänzt mit kerniger, herrlich aufblühender Stimme und weichen Kantilenen. Ich habe ihn persönlich noch nie so gut gehört wie an diesem Abend in St. Gallen. Verdi hat mit der Rolle des Giacomo eine weitere seiner dankbaren Vaterfiguren geschaffen (Rigoletto, Boccanegra, Miller, Nabucco, Germont … ). Der Bariton Anooshah Golesorkhi vermag mit warmer, kräftiger Stimme die widersprüchlichen Gefühle dieses Menschen überzeugend und sehr differenziert zu vermitteln, einerseits ist er der besorgte Vater, andererseits der religiös verblendete Eiferer.

Als Giovanna tödlich verwundet zu ihrer letzten Phrase ansetzt und den Himmel sich öffnen sieht, schlägt eine nahe Kirchenglocke 23 Uhr, die Fassade der Klosterkirche erstrahlt in gleissendem Licht und starke Scheinwerferstrahlen vereinigen sich im schwarzen Nachthimmel über dem Klosterhof zu einem leuchtenden Punkt – ergreifend.

Fazit:
Mitreissende Oper des jungen Verdi, gesungen von grossen Stimmen und aufgeführt vor der imposanten Kulisse der barocken Klosterkirche St. Gallen.

Für art-tv: Kaspar Sannemann

Musikalische Höhepunkte:
Ouvertüre mit dem zauberhaften Flötensolo im Mittelteil
Sempre all’alba ed alla sera, Gebet der Giovanna, Prolog
Pondo è letal, martiro, Arie des Carlo, Prolog
Pronto sono … Son guerriera, Duett Carlo-Giovanna, Prolog
So che per via di triboli, Arie des Giacomo, Akt I
O fatidica foresta, Arie der Giovanna, Akt I
Vieni al tempio, Finale Akt I
Ti discolpa … Imbianca e tace, Finale Akt II
Or dal padre benedetta, Duett Giacomo-Giovanna, Akt III
Che mai fu? … S’apre il cielo, Finale Akt III

Inhalt:
Frankreich zur Zeit des 100jährigen Krieges, 1429
Der noch ungekrönte Dauphin Frankreichs, Karl VII., trifft bei einer Madonnenstatue im Wald beim Dorf Domrémy auf Giovanna. Sie überredet ihn, die schon verloren geglaubte Schlacht gegen die Engländer wieder aufzunehmen und zieht mit ihm in den Krieg. Giacomo, Giovannas Vater, beobachtet die beiden unbemerkt. Er ist überzeugt, dass seine Tochter die Geliebte des Königs ist, was er nicht akzeptieren kann und will. Nach der erfolgreichen Schlacht danken die Franzosen Giovanna. Diese will zu ihrem einfachen Leben zurückkehren, doch Carlo (Karl VII. ) überredet sie zu bleiben und gesteht ihr seine Liebe. Obwohl die Jungfrau von inneren Stimmen gewarnt wird, gibt sie nach und begleitet ihn zur Krönung in der Kathedrale von Reims. Nach der Zeremonie tritt Giovannas Vater vor das Volk und beschuldigt seine Tochter der Unreinheit und der Hexerei. Giovanna schweigt aus Schuldgefühlen zu den Anschuldigungen. Sie wird als Hexe den Engländern zur Verbrennung ausgeliefert. Angekettet bittet sie Gott, sie zu befreien, damit sie den Franzosen abermals im Kampf beistehen kann. Ihr Vater merkt nun, dass er sich geirrt hat. Er durchtrennt ihre Ketten und sie stürzt sich in die Schlacht. Die Franzosen erringen dank ihrer Hilfe einen weiteren Sieg, doch Giovanna wird tödlich verwundet. Sterbend sieht sie, wie sich der Himmel für sie öffnet.

Werk:
«Giovanna d’Arco» ist Verdis siebte Oper und gehört wie «Nabucco» und «Il Lombardi» zu den grossen Choropern seiner jungen Schaffensperiode.
Wie Nabucco und Attila ist das Werk ganz dem Geiste des Risorgimento verpflichtet, den Bestrebungen, die Einheit Italiens wieder herzustellen und sich vom Joch der österreichischen Herrschaft zu befreien. So übte auch Giovanna d’Arco eine starke patriotische Wirkung auf das italienische Publikum aus und brachte es in der ersten Spielzeit auf beachtliche 17 Aufführungen. Obwohl das Werk nicht die Geschlossenheit des Nabucco oder des Ernani erreicht, verfehlen die schmetternden Kabaletten und martialischen Chöre, aber auch die anrührenden Gebete Giovannas und die himmlischen Stimmen ihre mitreissende Wirkung nicht.
Letztmals in Zürich 1982 in einer konzertanten Wiedergabe unter Nello Santi und mit Margaret Price in der Titelrolle zu erleben.

Ein Werk, das wie geschaffen ist für diesen so beeindruckenden Aufführungsort!

Die Geschichte der Jungfrau von Orléans, für die Franzosen der Nationalmythos schlechthin, ist spätestens mit ihrer Dramatisierung durch Friedrich Schiller ein Stück Weltliteratur geworden. Ob auf der Theaterbühne oder als eindrucksvolle Vorlage für spektakuläre Historienfilme, der Stoff fasziniert heute wie eh und je. Begeistert von Schillers Drama komponierte Giuseppe Verdi im Jahre 1845 eine Oper mit dem Titel Giovanna d’Arco und schrieb an seinen Librettisten Piave, dies sei ohne Ausnahme und ohne Zweifel die beste seiner bisherigen Opern. Trotz der prominenten Vorlage von Friedrich Schiller ist Verdis Oper für lange Zeit in Vergessenheit geraten und gelangte erst mit der Renaissance des Belcanto wieder ans Tageslicht. Vielleicht liegt das an den romantischen Schauplätzen, den imposanten Chortableaus und der Mischung aus melancholischem Belcantoschmelz und spannungsgeladener Dramatik, die für die Opern des jungen Verdi so typisch ist.

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