Player laden ...

Theater Basel | Aus einem Totenhaus

Publiziert am 20. November 2009

Janáčeks letzte Oper erfährt in Basel eine musikalische und szenische Wiedergabe, die niemanden unberührt zurücklehnen lässt – gnadenlos und hart, aber mit ergreifender Kraft
Mehr lesen

Inhalt:
Ort: Ein Strafgefangenenlager, z. B. in Sibirien
Den Rahmen der Oper bildet die Einlieferung des aus politischen Gründen verhafteten Gorjatschikow, der sich mit dem jungen Häftling Aljeja anfreundet, und seine überraschende Entlassung am Ende der Oper. Dazwischen erfährt man in längeren und kürzeren Monologen von Einzelschicksalen, Hoffnungen und Enttäuschungen der Mitgefangenen, erlebt die Brutalität, mit welcher die Aufseher die Häftlinge traktieren, nimmt an einem Osterfest und an einem Theaterspiel im Lager teil und begreift, warum einigen Insassen nur noch der Weg in den Wahnsinn bleibt. Ein brutal klingender Marsch ruft die Gefangenen am Ende der Oper wieder zur Arbeit und setzt einen unversöhnlichen Schlusspunkt.

Kritik:
Mit brutalem, gnadenlosen Realismus zeigt Regisseur Calixto Bieito die Hölle dieses Gefangenenlagers; ein Hölle, die sowohl durch den Umstand des Freiheitsentzugs als auch – frei nach Sartre – durch die Andern, die Mithäftlinge, den Kommandanten und seine Schergen entsteht und der keiner entfliehen kann. Die unerbittliche Ausweglosigkeit dieser unmenschlichen, von schreiender Ungerechtigkeit erfüllten, durch Menschen verursachten Situation, welche zu Tod, Mord, Wahnsinn, Korruption und sexuellem Missbrauch führt, wird in der Basler Neuinszenierung ungeschönt, aggressiv und direkt dargestellt. Bereits beim Fussballspiel im Gefängnishof, zu der vom Sinfonieorchester Basel so eindringlich gestalteten Ouvertüre, sind die kommenden Gefühlsschwankungen zwischen Freude, Wut, Verzweiflung und Aggression passend zu den unterschiedlichen musikalischen Motiven angelegt.

Für Emotionen oder Mitgefühl bleibt in diesem Lager, das überall stehen könnte, praktisch kein Platz, und wenn Gefühle dann doch einmal kurz aufschimmern, wie in der Zuwendung des politischen Häftlings Gorjantschikow zum von zwei Wachmännern vergewaltigten Alej, werden sie durch Todesschüsse gleich wieder zum endgültigen Verstummen gebracht. Wenn man dieser Inszenierung einen Vowurf machen könnte, dann den, dass jegliche Menschlichkeit gleich abgewürgt wird. Von den göttlichen Funken in jedem Menschen ist kaum etwas zu spüren, selbst der Appell des alten Sträflings „Auch ihn hat eine Mutter geboren“ verhallt ohne Echo. Selbst das Osterfest und die anschliessenden, von unterdrückten sexuellen Wünschen durchsetzten Pantomimen enden nach dem orgiastischen Tanz in Vergewaltigung und Massenhinrichtung.

Janáčeks sperrige letzte Oper erfährt in Basel eine Wiedergabe von allergrösster szenischer und vor allem auch musikalischer Intensität. Sämtliche Sänger (es sind nur Männer, auch die einzige weibliche Rolle, eine Dirne, wird in Basel von einem Mann dargestellt) verschreiben sich mit jeder Faser ihres Körpers und ihrer Stimme den geforderten Rollen, zeichnen ergreifende Psychogramme ihrer Figuren. Sie singen und spielen mit überwältigender Eindringlichkeit, bis zur Selbstentblössung: Rolf Romei als Skuratow, der immer mehr die Gestalt seiner geliebten Luisa annimmt, Claudio Otelli als Schischkow, der seinen langen Monolog zu einem grandiosen Moment des Abends werden lässt oder Eung Kwang Lee, der so ergreifend seine Hilflosigkeit zeigt, als sein Geliebter Alej (anrührend: Fabio Trümpy) blutüberströmt nach dem sexuellen Missbrauch durch die Schergen in seinen Armen liegt. Ludovit Ludha als Filka und KarlHeinz Brandt als Schapkin ergänzen überzeugend das Ensemble der Gefangenen. Auf der andern Seite agieren Andrew Murphy und Erlend Tvinnereim mit krasser, menschenverachtender Brutalität als Platzkommandant und Wache.

Die karge Bühne von Calixto Bieito und Philipp Berweger, mit dem Doppeldecker (anstelle des Adlers im Libretto) als Symbol der Hoffnung und der Freiheit und die durch Ingo Krügler so treffend entworfenen Bekleidungen tragen das ihrige zur stimmigen Umsetzung des Dramas bei. Sie unterstreichen damit gekonnt die Kargheit der Musik und fokussieren den Blick des Zuschauers auf die Abgründe und die Hölle, durch welche die Gefangenen gehen müssen.
Ein ganz besonderes Lob gebührt der Maskenbildnerei des Basler Theaters. Wie die Abgestumpftheit, die Aggression, die Wut und die psychischen und physischen Verletzungen in den Gesichtern der Gefangenen zu erkennen sind, zeugt von grösster Professionalität.
Das Sinfonieorchester Basel unter der einfühlsamen Leitung von Gabriel Feltz evoziert die expressionistischen Klänge mal mit feiner, dann wieder kräftig herber Klangmalerei.

Fazit:
Janáčeks letzte Oper erfährt in Basel eine musikalische und szenische Wiedergabe, die niemanden unberührt zurücklehnen lässt – gnadenlos und hart, aber mit ergreifender Kraft.

Werk:
Leoš Janáček – neben Puccini und Richard Strauss der meistgespielte Komponist des vergangenen Jahrhunderts – schuf mit seiner letzten Oper ist zugleich eines der ungewöhnlichsten Werke des 20. Jahrhunderts. Als Vorlage diente dem Komponisten Dostojewskis autobiografisch gefärbter Roman, in welchem Dostojewski eigene Erlebnisse als Häftling im Gefängnis von Omsk verarbeitete. Leoš Janáčeks formte die Vorlage unter Verwendung von zum Teil wortgetreuen textlichen ?bernahmen in eine bewegende Oper ohne klar durchgehende Handlung um. Als Motto schrieb Janáček über seine Partitur: In jeder Kreatur ein Funke Gottes.
Die Ouvertüre war zuerst als Violinkonzert (mit dem Titel Wanderung einer Seele) konzipiert.
Die für Janáček so typischen, minimal gehaltenen Motive, die rhythmischen Ostinati und herb, aber transparent klingenden Akkordschichtungen und die reine Männerbesetzung verleihen dem quer zur Operntradition stehenden, schwer verdaulichen Werk eine Ausnahmestellung.

Für oper-aktuell: © Kaspar Sannemann, 9. November 2009

weniger lesen

8. November 2009
Theater Basel | Aus einem Totenhaus | Oper in drei Akten | Musik: Leoš Janáček | Libretto: vom Komponisten, nach Dostojewskis Dokumentarroman | Uraufführung: 12. April 1930 in Brünn | Weitere Vorstellungen bis 19. Februar 2010

Informationen und Karten: Theater Basel

1.1 Videobericht als Web-Movie
Sie können unsere Videos kostenlos mittels Embed-Code in Ihre Website einbinden. Regelmässiges und mehrmaliges Einbinden von art-tv Videos in eine andere Website als art-tv.ch bedarf unserer Zustimmung.

1.2 Web-Video auf Datenträger
Sie können einen unserer Web-Videos für 35.- Franken plus 5.- Handling auf einer CD bestellen. Es gelten dieselben Bestimmungen wie unter Punkt 1.1.

1.3 Videobericht hochauflösend
Möchten Sie den Bericht in Kinoqualität besitzen oder diesen weiterverarbeiten? Gerne erstellen wir für Sie eine Daten-DVD im gewünschten Format (MPG/DV o.ä.) für Fr. 250.- Franken. Ohne weitere Angaben erhalten Sie den Trailer im Formt DV Pal.

1.4 Kopie des Rohmaterials
In begründeten Fällen können wir Ihnen das gesamte Rohmaterial im gewünschten Format zur Verfügung stellen. Eine digitale Kopie kostet 280.- Franken*. Ist das Originalmaterial noch auf Digitalkassetten gespeichert kostet das Kopieren der ersten 100 Minuten (oder 2 DV-Bänder) insgesamt 280.- Franken, jede weitere Stunde derselben Produktion 50.- Franken*. Wünschen Sie ein anderes Format, oder haben Sie andere Fragen? Dann nehmen Sie Kontakt mit uns auf.

1.5 TV und Film
Für TV-Sender oder für Filmprojekte bestehen spezielle Regelungen, bitte kontaktieren Sie uns diesbezüglich. (+41 (0) 76 337 59 99)

Rechtliches
Der Bericht und das Videomaterial dürfen nur für den Eigenbedarf verwendet werden und nicht an Dritte abgegeben oder verkauft werden. Eine andere Einbindung in eine Website als über den Embed-Code ist u.U. kostenpflichtig. Die Tarife werden im Einzelfall ausgehandelt.

Preise exkl. MwSt

* Pflichtfeld

Kulturnachrichten

  • Bühne

    9. Murikultur Tage

    Die ganze Fülle von Murikultur an einem Wochenende. Vom 11. bis 14. September 2020 verwandelt sich ...

  • Bühne

    Theater Casino Zug | Katrin Kolo neue Intendantin

    Katrin Kolo heisst die Hoffnungsträgerin des Theater Casino Zug, die neue Intendantin stellt nun ...

  • Bühne

    Bühnen der Region Basel | Saisoneröffnung

    Die Bühnen Beider Basel laden zum Probesitzen mit Kuchen!

  • Bühne

    Ferien zu Hause? Mit Theater für zu Hause! | Mit Theater für zu Hause!

    Zum Start der Sommerferien geht die neue Webseite www. theaterfuerzuhause.ch von Schweizer Tanz- ...

Unser eMagazin

CLICK 2020/08
CLICK 2020/07
CLICK 2020/06

Wettbewerbe

3x2 Eintritte | Literaturtage Zofingen

5x2 Eintritte | Ausstellung | Anderas Züst - Eis | Kunstmuseum Luzern

5x2 Tickets | Dok-Film | The Wall of Shadows

5x2 Tickets | Spielfilm | Qi qiu – Balloon

5x2 Tickets | Spielfilm | Persian Lessons

100 Tickets | 22. Art International Zurich | Puls 5 - Giessereihallen | Zürich

Kulturvermittlung unterstützen

Jetzt Mitglied werden