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Rezension | Felix Schenker | Beyto | Subtile Gewalt

Publiziert am 22. September 2020

«Weisst du, warum ich schwul bin? Weil es schön ist!»

Ihre subtile Geschichte eines jungen schwulen Türken, der als Secondo in der Schweiz lebt und in Anatolien mit seiner Cousine zwangsverheiratet wird, brilliert nicht zuletzt durch hervorragende schauspielerische Leistungen. Etwa Beren Tuna, die die Mutter von Beyto spielt. Tuna gewann 2016 den Schweizer Filmpreis für ihre Hauptrolle in «Köpek». In «Beyto» steht sie für die Zerrissenheit vieler konservativer Eltern, die in den modernen Westen eingewandert sind.
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Zum Film
Er ist ein talentierter Schwimmer, ein motivierter Lehrling, ein cooler Kumpel: Beyto steht mitten im Leben, vor sich eine rosige Zukunft. Eigentlich. Doch als sich der einzige Sohn türkischer Einwanderer in seinen Trainer Mike verliebt, bricht die heile Welt zusammen. Schockiert und beschämt sehen seine Eltern nur einen Ausweg: Beyto muss heiraten, Tradition und Ehre wahren. Sie locken ihren Sohn in ihr Heimatdorf und planen ihn mit Seher, seiner Freundin aus Kindheitstagen, zu verheiraten. Plötzlich befindet sich Beyto in einer zerreissenden Dreiecksbeziehung: Wie kann er zu Mike zurückfinden ohne Seher ihrer Zukunft zu berauben?

Subtile Gewalt
Die Szene, in der sie ihren Sohn auf die Hochzeit vorbereitet und ihm das weisse Hemd zuknöpft, geht unter die Haut. Hier trifft Mutterliebe auf subtile Gewalt. «Es zählt die Familie, nicht die Liebe», sagt sie zu ihrem Sohn, der keine Schande über ihren Clan bringen soll. Das Aufeinanderprallen zweier Lebenswelten – auf der einen Seite die liberale Schweiz, auf der anderen das traditionelle Anatolien, wird in «Beyto» bestechend, temporeich und farbenfroh von Regie und Kamera in Szene gesetzt. Einen entscheidenen Beitrag, dass das so hervorragend gelingt, trägt auch Schauspieler Dimitri Stapfer bei, er verkörpert Mike, Beytos Schwimmtrainer. Bald sind die beiden jungen Männer schwer verliebt. «Weisst du, warum ich schwul bin? Weil es schön ist!», sagt Mike locker zu seinen neuen Lover. Dass das für Beyto nicht ganz so einfach ist, muss Mike erst lernen. Diesen Prozess hat Regisseurin Gitta Gsell feinfühlig herausgearbeitet. Ihr Film, der auf der Romanvorlage «Hochzeitsflug» von Yusuf Yesilöz basiert, präsentiert sich modern und frei von Klischees.

Anspruchsvolle Dreharbeiten
Um den Film realisieren zu können, sah man sich mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert, lässt die Regisseurin verlauten. Die Adaption des Drehbuchs und die Organisation von Drehbewilligungen in der Türkei stellten Herausforderungen dar. Auch war es nicht leicht, in der Schweiz einen jungen Mann zu finden, der die türkische Kultur verkörpert und dennoch bereit war, eine homosexuelle Rolle zu spielen. Gsell sah sich mit etlichen Absagen konfrontiert. Fündig wurde sie mit Burak Ates. Und das ist dann auch die eigentliche Sensation des Films. Der mittlerweile 25-jährigen Schweizer ohne jegliche Schauspielerfahrung ist zum allerersten Mal in einem Spielfilm zu sehen. Von Beruf ursprünglich Produktionsmechaniker meistert er seine erste Rolle mit Bravour. Wer «Beyto» gesehen hat, hat also gute Chancen, bei der Geburtsstunde eines neuen Schweizer Filmstars zugegen zu sein. Beste Aussichten am Zurich Film Festival mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, hat der Film sowieso.

Felix Schenker, arttv.ch

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Beyto | Regie: Gitta Gsell | Drama | 98 Minuten | Schweiz, 2020 | Verleih: Frenetic Films
Filmstart Deutschschweiz: neu 29. Oktober 2020

«Beyto» wurde im Programm des Zurich Film Festival im Fokus Wettbewerb gezeigt.

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