Freundinnen seit der 5. Klasse: Stéphanie Chuat (li) und Véronique Reymond (re).

Dokumentarfilm «Les Dames» | Interview mit den Regisseurinnen Véronique Reymond und Stéphanie Chuat

Publiziert am 02. Mai 2019

«Die Liebe ist ein Phänomen ausserhalb von Zeit und Raum. Sie ist universal und überspringt sogar den Röschtigraben.»
Nach dem Grosserfolg von «La petite Chambre» überraschen sie nun mit dem Dokumentarfilm «Les Dames», der die Einsamkeit älterer Damen thematisiert und trotz ernstem Thema wunderbar leicht daherkommt. arttv-Redaktorin Silvana Ceschi hat die beiden Lausanner Regisseurinnen zum Interview getroffen und mit ihnen über deren eigene Angst vor dem Altwerden gesprochen, über ihr nächstes Filmprojekt und auch darüber, wie wichtig es ist, das Leben immer wieder in die eigene Hand zu nehmen.

Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, Ihr Film «Les Dames» ist soeben in den deutschschweizer Kinos angelaufen. Beschreiben Sie bitte in zwei, drei Sätzen, worum es geht.

Stéphanie Chuat (SC): Unser Film handelt von den unsichtbaren Frauen über 65, die in unserer Gesellschaft von niemandem mehr wahrgenommen werden. Wir begleiten fünf von ihnen in ihrem Leben, um herauszufinden, wie sie mit ihrer täglichen Einsamkeit umgehen.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

SC: Weil wir immer öfter Gruppen von älteren Damen wahrnahmen, die ohne Männer unterwegs waren, die miteinander tanzten, ins Kino gingen oder in die Ferien fuhren. Da wir beide die Gesellschaft von Männern mögen, sowohl beruflich wie privat, ist für uns das Altwerden mehr und mehr zu einem Schreckgespenst geworden, da es offenbar bedeutete, dann von den Männern gemieden zu werden. Wir wollten uns deshalb aktiv mit dem Thema auseinandersetzen und herausfinden, ob es auch möglich ist, gut alt zu werden und so auch etwas unsere eigene Angst zu verlieren.

Und – was haben Sie herausgefunden?

SC (lacht): Es hat funktioniert. Wir haben nun beide weniger Angst vor dem Altwerden.

Véronique Reymond (VR): Wir entdeckten, dass das Leben unserer Protagonistinnen ausserordentlich reich ist und dass es eigentlich gar nicht darum geht, ob frau einen Mann an ihrer Seite hat oder nicht. Es geht darum, wie eine Frau im Leben steht. Ob sie sich dafür entscheidet, flexibel zu bleiben, offen und neugierig zu sein – oder ob sie sich versteckt und allem Neuen gegenüber verschliesst. Und das sind ja zum Glück Entscheide, die wir weitgehend selber in der Hand haben.

Wie haben Sie Ihre fünf Protagonistinnen gefunden?

SC: Wir publizierten eine Annonce in der Zeitung. Der Erfolg war überwältigend: Es meldeten sich mehr als 100 Kandidatinnen! Wir haben dann 30 der Frauen persönlich getroffen und eine Auswahl vorgenommen, die in etwa der Zusammensetzung unserer Gesellschaft entspricht: Unsere fünf Protagonistinnen stammen aus unterschiedlichem sozialem Milieu, zwei sind seit viel Jahren verwitwet, zwei sind geschieden und seit längerem Single, eine ist seit mehreren Jahren getrennt. Und dann testeten wir natürlich auch, wie die Frauen vor der Kamera wirken.

Die Natürlichkeit und Intimität ihrer Protagonistinnen ist immer wieder verblüffend. Wie ist es ihnen gelungen, so viel Nähe herzustellen?

VR: Indem wir viel Zeit miteinander verbrachten. Wir begleiteten die fünf Frauen ein ganzes Jahr lang mit der Kamera. Am ersten Drehtag spürten wir deutlich, dass die Frauen sich nicht gewohnt waren, über sich selber zu reden. Dennoch hatten sie sich ja auf unser Inserat hin gemeldet, hatten also den Wunsch oder vielleicht sogar das Bedürfnis, über ihre Einsamkeit zu sprechen und darüber, wie sie diese Tag für Tag bekämpfen. Es ging also darum, ihnen Aufmerksamkeit und Geduld zu schenken, mit ihnen zu reden und sie in ihrem Alltag zu begleiten, um sie allmählich zu öffnen. Die Drehzeit dauerte von Weihnachten bis Weihnachten. Alle Tabu-Themen sind im Sommer zur Sprache gekommen: Wenn der Körper enthüllt wird, wenn die Sonne auf der Haut zu spüren ist, dann liegen Themen wie Sensualität und Sexualität ganz natürlich in der Luft.

SC: Mitgeholfen hat sicher auch unser letzter Film «La petite Chambre». So sagte eine der Frauen explizit, dass sie diesen Film sehr mochte und darum wisse, dass sie bei uns in guten Händen sei.

Schon «La Petite Chambre» handelte vom Alter…

VR: Nicht nur vom Alter, sondern auch von der Jugend, beziehungsweise von der Beziehung zwischen den Generationen. Das ist etwas, das uns interessiert. Wir hatten beide eine sehr enge Beziehung zu unseren Grossmüttern. Und wie eingangs erwähnt, hatten wir ja eben beide seit Längerem selber Angst vor dem Alt-Werden. In einer Gesellschaft, in der sich alles um Jugend und Schönheit dreht, ist es nicht einfach, in die Jahre zu kommen. Wir haben uns deshalb oft gefragt, wer wir später sein werden. Eigentlich sind die Frauen ja nach wie vor die Gleichen – nur dass die Öffentlichkeit sie ab einem bestimmten Alter nicht mehr wahrnimmt.

Und warum eigentlich sind alte Frauen unsichtbarer als alte Männer?

VR: Ich weiss nicht, ob die Situation für Frauen wirklich so anders ist als für Männer. Nach dem letzten Screening wurden wir von einem älteren Mann gefragt, wann wir denn einen Film über die unsichtbaren Senioren machen würden.

SC: Trotzdem ist es so, dass statistisch gesehen sehr viel mehr Frauen im Alter ohne Partner sind. In den Altersheimen beispielsweise kommen auf 8 Frauen nur gerade 2 Männer. Zum einen, weil Männer oft früher sterben, zum anderen aber auch, weil immer noch viele Männer in zweiter Ehe mit einer sehr viel jüngeren Frau zusammen sind.

Dabei findet eine Ihrer Protagonistinnen im Film, dass diese Tradition vollkommen unlogisch sei – dass es eigentlich die Frauen seien, die sich einen jüngeren Mann nehmen müssten, da sie besser als die Männer alterten…

SC: Dieser Kommentar war wohl eher als Witz gemeint, als provokative Äusserung auf den Fakt, dass fast alle Männer in den Annoncen nach einer Frau suchen, die viel jünger ist als sie. Aber klar, wenn sie könnten, dann würden sicher auch die Frauen gerne einen jüngeren Mann nehmen – nur dass sie in der Regel eben keinen finden, weil für die Frau bekanntlich immer noch ein anderes Schönheitsdiktat gilt als für den Mann.

VR: Ich glaube, dass es nicht so sehr darum geht, ob der Mann jünger oder älter ist, sondern vielmehr darum, dass die Frauen genug davon haben, als Haushälterin eines Mannes zu fungieren: Socken waschen, bügeln und kochen, während der Mann im Lehnstuhl sitzt und die Zeitung liest. Diese Rolle haben unsere Frauen lange genug ausgeübt, denn sie kommen ja noch aus einer recht traditionellen Generation, wo das so üblich war. Diese Rolle aber wollen sie nicht mehr. Was sie wollen, ist eine Beziehung.

Ihre Protagonistinnen sind auffallend aktiv unterwegs. Eine der Frauen geht mit den Männern auf die Jagd, eine andere alleine zum Tanzen, zwei der Frauen begeben sich auf Partnersuche im Internet. Wie stark sind diese Handlungen von Ihnen als Regisseurinnen initiiert worden?

SC: Alle Handlungen im Film sind von den Frauen als Wunsch geäussert worden. Vermutlich hat der Film mitgeholfen, diese Wünsche dann auch tatsächlich umzusetzen, denn im Alter fällt es noch schwieriger als in jungen Jahren, die Motivation und den Mut zu finden, etwas an einer Situation zu verändern, die einem nicht mehr behagt. Und so waren wir also da und haben unsere Damen gepuscht: «Sie haben doch mal gesagt, dass Sie gerne das und das machen würden – dann lassen Sie es uns anpacken!»

Sie hatten letztes Jahr bereits den Kinostart in der französischen Schweiz, und nun ist «Les Dames» endlich auch in deutschen Schweiz gestartet. Sind die Reaktionen die gleichen?

VR: Wir hatten Angst davor, dass das deutschschweizer Publikum den welschen Humor nicht verstehen würde, aber wir haben den Eindruck, dass das Publikum an den gleichen Stellen lacht und sich emotional genauso angesprochen fühlt. Es ist ja vor allem der Selbsthumor, der unsere Protagonistinnen auszeichnet. Und wenn sie über die Liebe sprechen, dann werden sie alle wieder jung. Es ist erstaunlich. Die Liebe ist ein Phänomen ausserhalb von Zeit und Raum. Sie ist universal und überspringt sogar den Röschtigraben.

Auch die Beziehung von Ihnen beiden steht ausserhalb von Zeit und Raum, sprich dauert schon ewig. Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie sich seit der 5. Klasse kennen.

SC: Wir haben uns als 10-Jährige kennengelernt und waren die ganze Schulzeit hindurch beste Freundinnen. Weil wir beide Schauspielerinnen werden wollten, begann wir zusammen kleine Shows einzustudieren, gründeten später unser eigenes Duett und irgendwann war die Bühne zu unserem Métier geworden. Anfänglich waren es mehr Clown-Nummern, später absolvierten wir beide auch eine Schauspielausbildung, und irgendwann begannen wir Videos in unsere Show zu integrieren – und das war dann der Moment, wo unsere filmische Laufbahn begann. Wir realisierten eine Doku und ein paar Kurzfilme, und schliesslich den bereits erwähnten Spielfilm «La Petite Chambre». Das war wirklich der grosse Sprung auf die andere Seite, denn obwohl wir schon 20 Jahre beim Theater waren, kannte uns in der Filmindustrie kein Mensch.

Sie sind diesbezüglich wohl wie die Protagonistinnen von «Les Dames», denen es gefällt, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.

SC: Das ist in der Tat unsere Lebensphilosophie: «Wenn du etwas machen willst, dann tu’s! Und wenn du scheiterst, dann scheiterst du. Aber du hast es immerhin probiert!» – Wir sind diesbezüglich sehr empirisch unterwegs. Auch geht es beim Film ja stets darum, das richtige Team zu finden, denn wir schneiden weder unseren Film alleine noch führen wir selber die Kamera – gefragt aber ist unsere Vision als Regisseurinnen.

Zu zweit Regie zu machen ist nicht nur einfach. Wie ist Ihre Rollenteilung auf dem Set?

VR: Wir haben keine fixe Rollenaufteilung. Es soll alles frisch sein, offen gegenüber allem, was im Moment passiert. Weil wir uns sehr gut kennen, geschieht vieles nonverbal.

Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass Sie sich sehr gut ergänzen, weil Sie von Ihrer Art her sehr unterschiedlich seien.

VR: Ich war als Kind extrem schüchtern, Stéfanie hingegen war sehr dynamisch und spontan. Immer schon bewunderte ich sie für diese Energie und für ihren Mut! Früher waren wir wirklich sehr unterschiedlich, heute vielleicht nicht mehr so sehr, denn ich glaube, dass wir beide auch viel voneinander haben lernen dürfen. Wir haben wirklich so viel zusammen durchlebt, so viele Höhen und auch Tiefen.

SC: Wir kennen uns seit Dekaden und trotzdem entdecken wir immer wieder Neues aneinander. Wir sind wirklich gute Freundinnen, haben grossen Respekt vor einander, pflegen aber beide trotzdem auch unser Privatleben, achten auf eine gute work-life-balance. Es ist enorm bereichernd, im Team arbeiten zu dürfen. Und es ist ein grosses Glück, nicht alles alleine schultern zu müssen, denn die Kunstwelt kann manchmal sehr taff sein.

Was war das Schwierigste bei diesem Projekt?

SC: Die Finanzierung. Überall hiess es: Niemand will einen Film sehen über alte, unsichtbare Frauen! Nehmt doch wenigstens solche, die beruflich erfolgreich sind. – Und wir mussten immer wieder erklären, dass es uns eben genau darum ging: um die äusserlich gesehen vollkommen unspektakulären Frauen, die aber sehr stark sind in ihrem Innern.

Und wie ist es Ihnen gelungen, den Film trotzdem zu finanzieren?

VR: Nach der doppelten Absage des Bundesamts für Kultur konnten wir zum Glück das Fernsehen überzeugen für eine TV-Doku zu diesem Thema. Doch als wir dann im Schnittraum sassen, kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass wir so viel starkes Filmmaterial hatten, dass es nicht bloss für eine Doku in TV-Länge, sondern für einen Langfilm reichte.

SC: Da das Fernsehbudget natürlich nicht ausreichte, haben wir dann mühsamst das Restgeld zusammen gesucht – deshalb ist auch der Filmabspann so lang geworden. Die Finanzierung war wirklich ein grosser Kampf und hat dementsprechend lange gedauert. Wir hatten die Idee für diesen Film schon im Jahr 2011.

Sie hatten recht mit Ihrer Einschätzung: «Les Dames» war letztes Jahr in den Kinos der französischen Schweiz ein Grosserfolg.

SC: Wir haben uns sehr über den Erfolg gefreut – vor allem, um so das Thema sichtbar zu machen.

Gibt es bereits ein neues Projekt?

VR: Wir haben soeben die Dreharbeiten unseres Spielfilms «Schwesterlein» beendet. Diesmal geht es um eine Frau mittleren Alters, die hin und her gerissen ist zwischen ihrem Mann und ihrem Zwillingsbruder. Die Frau stammt aus einer deutschen Theaterfamilie, ihr Bruder ist ein erfolgreicher Schauspieler und sie selber war früher Autorin von Theaterstücken. Doch dann lernte sie ihren Mann kennen, zog zu ihm in die Schweiz und hört auf zu arbeiten. Der Film beginnt in dem Moment, wo ihr Bruder sehr krank wird und nicht mehr auf die Bühne kann. Sie holt ihn zu sich in die Schweiz, damit er sich hier erholen soll. Seine Anwesenheit bringt ihr geordnetes Leben mehr und mehr ins Wanken. Wo ist mein Schwesterlein geblieben?, so fragt der Bruder provokant. Was ist aus ihrem Talent geworden? Und je mehr es runtergeht mit seiner Gesundheit, desto mehr blüht ihre künstlerische Leidenschaft wieder auf.

Gibt es auch für dieses Projekt persönliche Beweggründe?

VR: Vielleicht geht es diesmal um die enge Beziehung, die Stéfanie und ich haben. Um die Frage, was wäre, wenn jemand von uns beiden krank würde. Darum, dass es uns wichtig wäre, dass das eigene in der anderen weiterlebt.

Interview: Silvana Ceschi

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