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Rezension | Frère et Sœur

Publiziert am 12. Juni 2022

Chronik eines zerrütteten Geschwisterpaares

Alice und Louis, beide Anfang 50, sprechen seit 20 Jahren nicht mehr miteinander. Ihr miserables Verhältnis rührt daher, dass Alice ihren Bruder hasst, wobei der Ursprung dieses Gefühls unklar ist. Ein Unfall ihrer Eltern führt dazu, dass sie sich unerwartet gegenüberstehen und gezwungenermassen über die Ursachen ihres Hasses und der gegenseitigen Ablehnung nachdenken müssen.
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Synopsis | Frère et sœur
Alice und Louis sind Geschwister, die seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben; Alice macht eine glänzende Karriere als Schauspielerin, Louis ist Schriftsteller. Der frühe Tod seines Sohnes hat dazu geführt, dass er mit seiner Frau Faunia auf einer abgelegenen Farm lebt. Ein schrecklicher Unfall der Eltern von Alice und Louis, führt dazu, dass die Geschwister im Krankenhaus aufeinandertreffen. Eine Gelegenheit sich zu bekämpfen und gleichzeitig zu versuchen, ihren Hass, dessen Ursache mysteriös bleibt, zu bekämpfen.

Rezension von Ondine Perier

Kein Zweifel, «Frère et sœur» ist ein typischer Film für Arnaud Desplechin: eine charismatische aber konfliktreiche Familie, Freunde und Bekannte, die von diesem Clan fasziniert sind, Protagonisten, die in künstlerischen Kreisen tätig sind, ein Spiel mit Rückblenden, der regelmässige Einsatz von Voice-over und ein Licht, das sich so gut es geht. seinen Weg durch diese düstere Geschichte bahnt, die von Trauerfällen durchsetzt und mit viel Unausgesprochenem und Frustration beladen ist.

Familie, ich hasse euch
An einem Winterabend trauern Louis und seine Frau Faunia in ihrer Wohnung um ihren sechsjährigen Sohn, der gerade gestorben ist. Borgman, Louis’ Ex-Freund und Schwager, kommt herein und wird von Louis wegen der unerwarteten Störung auf der Stelle zurechtgewiesen. Seine Wut wird durch den Anblick seiner Schwester, die in der Tür steht, noch verstärkt. Louis befiehlt den beiden Eindringlingen, das Gebäude auf der Stelle zu verlassen, sonst würde er die Polizei rufen.

Zeitsprung
Einige Jahre später fährt ein älteres Ehepaar mit dem Auto durch einen Wald. Als sie einem jungen Mädchen helfen wollen, dessen Wagen gegen einen Baum gefahren ist, werden sie selbst von einem Lastwagen gerammt und finden sich in kritischem Zustand im Krankenhaus wieder, jeder auf einer anderen Station: die Mutter im Koma, der Vater bettlägerig. Zur gleichen Zeit probt und spielt die Schauspielerin Alice in Lille die Hauptrolle in einem erfolgreichen Stück. Als ihr die schreckliche Nachricht vom Unfall ihrer Eltern überbracht wird, begibt sie sich sofort an deren Krankenbett. Louis’ treuer Freund Zwy, der von dem Unfall erfahren hat, macht sich auf den Weg, um Louis abzuholen. Dieser hat sich nach dem Tod seines Sohnes mit seiner Frau auf einen abgelegenen Bauernhof in der Nähe von Toulouse zurückgezogen, der nur mit einem Pferd erreichbar ist. Alice und Louis besuchen abwechselnd das Krankenhaus, wobei Alice verlangt, nie in der Gesellschaft ihres Bruders dort zu sein. Louis kehrt in die Wohnung seiner Kindheit zurück. Alice absolviert einen Auftritt nach dem anderen, wobei sie zunehmend fiebrig wird. Alice leidet sehr unter der ganzen Situation. Louis scheint das ganze besser zu verkraften. Fidel, der jüngere Bruder der beiden, ist sehr betroffen vom schlechten Verhältnis, das seine beiden Geschwister miteinander haben. und versucht immer wieder, zwischen ihnen zu vermitteln.

Die Verzweiflung nach Desplechin
Die Verzweiflung von Alice erklärt sich zwar durch den Unfall der Eltern, aber auch durch den frühen Tod ihres Neffen, den sie nie zu treffen versucht hat. Genauso schmerzhaft ist die Rache ihres Bruders, der Schriftsteller ist, durch seine Bücher, in denen er sie belastet. Alice trinkt, um durchzuhalten, und greift schliesslich zu Beruhigungsmitteln; Louis bevorzugt Opium. Obwohl auch er verzweifelt ist, scheint sein emotionaler Zustand stabiler zu sein. Sein Verhalten erschliesst sich für die Kinobesucher einfacher: seine Trauer, seine Rache, sein Unverständnis, aber auch seine Eifersucht auf seine Schwester, die von seinen Eltern verehrt wird, sind nachvollziehbar. Alices Klagen gegen ihren Bruder sind weniger leicht zu erfassen, insbesondere ihre Eifersucht auf seinen Erfolg als Schriftsteller angesichts ihrer eigenen glänzenden Karriere als Schauspielerin. Die Dunkelheit des Theaters, die grauen und verregneten Strassen von Lille und Roubaix und die Wohnung der Familie zeugen von einer aufgeladenen Atmosphäre. Die lyrischen Dialoge werden von allen Schauspielern tadellos verkörpert, allen voran Marion Cotillard, die die Rolle der zerbrechlichen und hasserfüllten Schwester mit einer beeindruckenden Subtilität ausfüllt. Auch die männlichen Rollen sind mit Melvil Poupaud, Patrick Timsit und Benjamin Siskou hochkarätig besetzt.

Fazit: Regisseur Desplechin zehrt hier von seinen früheren Filmen: Der Hass in der Familie, die Verbannung eines Bruders durch seine Schwester und die Verantwortung der Eltern sind bereits in «Eine Weihnachtsgeschichte» (2008) präsent; die Demenz und der Einsatz von Psychiatrie und Medikamenten in «Könige und Königin» (2004). Es sind zweifellos diese komplizierten und toxischen Beziehungen einer Familie, aus denen der Regisseur seine grösste und stärkste Inspiration zieht.

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Frère et sœur | Regie: Arnaud Desplechin | Premiere am 75. Festival von Cannes im offiziellen Wettbewerb | 106 Minuten | Frankreich, 2022 | Verleiher: Xenix | Kinostart: Deutschschweiz: offen | Suisse Romande: 20. Mai 2022

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