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Wie weit gehen für die Liebe? Fanny Bräuning und Bettina Oberli im Gespräch über ihre beiden neuen Filme.

Interview | Die Schweizer Regisseurinnen Fanny Bräuning und Bettina Oberli | Die Liebe im Fokus

Publiziert am 31. Januar 2019

Filme realisieren und künstlerisch tätig sein, um das Leben auszuhalten.
Obwohl die Filme «Immer und Ewig» sowie «Le Vent Tourne» auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, haben sie einiges gemeinsam: Beide gehen der Frage nach, was Liebe und Treue in der heutigen Zeit wert sind und wie hoch der Preis der Selbstverwirklichung ist. arttv hat sich mit den beiden Filmemacherinnen Fanny Bräuning und Bettina Oberli in Solothurn zum Gespräch getroffen.

«Le vent tourne» | Regie: Bettina Oberli | Spielfilm | 88min. | Drama | Schweiz, Frankreich, Belgien, 2018 | Verleih: Filmcoopi | Cast: Mélanie Thierry, Pierre Deladonchamps, Nuno Lopes, Anastasia Shevtsova, Sarah Teper | Startdatum Deutschschweiz: 31. Januar 2019

«Immer und ewig» | Regie: Fanny Bräuning | Dokumentarfilm | 90min. | Schweiz, 2018 | Verleih: Frenetic Films | Kinostart Deutschschweiz: 31. Januar 2019

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Kinos und Spielzeiten: «Le vent tourne»

Fanny Bräuning und Bettina Oberli, Ihre beiden Filme laufen am gleichen Tag im Kino an – und es geht bei beiden um das Thema Liebe.
Bettina Oberli (BO): «Ich wollte eine Geschichte erzählen über die Liebe als Macht, die alles bisher Geglaubte zerstören und auseinanderhauen kann. Und zwar sollte diese Liebe dort einschlagen, wo es so eben nicht unbedingt erwartet wird: bei Pauline und Alex, die zusammen einen Bio-Bauernhof betreiben, die in Liebe vereint sind durch ihre gemeinsamen Ideale – bis zu jenem Moment, wo Samuel auftaucht und Pauline sich in ihn verliebt. Das fand ich spannend: Was passiert, wenn in einem Umfeld der vermeintlichen Sicherheit das Drama einbricht.»

Gibt es so etwas wie einen ausschlaggebenden Moment, der Sie zum Erzählen dieser Geschichte motivierte?
(BO): «Einer der ausschlaggebenden Momente war sicher, als ich in einer Reportage von Rebecca West auf den folgenden Satz stiess: ‹Nur ein Teil von uns möchte das geregelte, vernünftige Leben. Ein anderer Teil von uns strebt nach Zerstörung, Chaos und Neuanfang.› – Es ist die Spannung zwischen diesen beiden sehr widersprüchlichen Kräften, die mich sofort interessierte.»

Und Ihre Geschichte, Fanny Bräuning, ist dann ja fast so etwas wie der Gegenentwurf zu Zerstörung und Neuanfang?
Fanny Bräuning (FB): «Ich weiss es nicht. Meine Geschichte ist ja real und das Drama hat sich bereits vor Jahren ereignet. Dann, als bei meiner Mutter Multiple Sklerose diagnostiziert wurde und sich die Situation Jahre später nochmals zuspitzte, als sie ins Koma fiel – aus dem sie nach ein paar Tagen zwar wieder aufwachte – seither aber vom Hals abwärts gelähmt ist. Die Ärzte rieten meinem Vater, sie in ein Heim zu geben. Er aber baute stattdessen einen Caravan zum mobilen Pflegezimmer um – damit sie weiterhin ihrer gemeinsamen Passion, dem Reisen, huldigen konnten. Mein Vater hängte damals seine Fotografenkarriere an den Nagel, um sich ganz der Pflege meiner Mutter zu widmen. Ich selber habe lange gar nicht realisiert, wie aussergewöhnlich dieser Lebensentwurf ist, weil es eben einfach so war. Doch in den letzten Jahren haben mich die damit verbundenen Fragen von Abhängigkeit und Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Selbstaufgabe, Liebe und Freiheit zunehmend mehr zu interessieren begonnen.»

Es scheint auch der Zeitgeist zu sein, der zunehmend mehr Kritik an unserer egozentrischen Gesellschaft laut werden lässt.
(FB): «Meiner Meinung nach sind wir als Menschen auf Beziehungen angewiesen, und es ist darum sehr wichtig, ein Gleichgewicht zu finden zwischen Individualität und Miteinander. Ich glaube nicht, dass es dieses vollkommen Unabhängige vom anderen gibt. Mich interessiert deshalb, was in Beziehungen passiert, wenn sich Menschen ihren Weg suchen zwischen dem Ringen um Selbstverwirklichung und dem Wohl des Anderen.»

(BO): «Es geht auch um die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, grösser zu denken: ans Wohl des Kollektivs, an die Liebe zur Natur und zu unserem Planeten. Das sind für mich wirklich zentrale Fragen, über die wir reden müssen. Vielleicht empfinde ich so, weil ich Kinder habe, und dadurch natürlich viel deutlicher wahrnehme, dass wir direkt auf eine Mauer zurasen.»

Können Filme die Welt retten?
(FB): «Sie können uns zum Nachdenken anregen. Über uns selber und über die Dinge, die unser Leben betreffen.»

(BO): «Alain Berset sagte an der Festivaleröffnung etwas sehr Schönes: Filme sind immer politisch, sofern es ihnen gelingt, mehr als nur voyeuristisch zu sein. Wenn sie es schaffen, den Zuschauenden das Gefühl zu geben, dass das Gezeigte etwas mit ihnen zu tun hat. – Darum mag ich auch offene Film-Enden. Man kann als Regisseurin nicht auf alles eine Antwort geben, aber wenn du es schaffst, dass sich die Zuschauenden im Anschluss an einen Film Gedanken machen und Rückschlüsse auf ihr eigenes Leben ziehen, dann hast du bereits etwas erreicht.»

Bettina Oberli, Du arbeitest ausschliesslich fiktiv, und Du, Fanny Bräuning, ausschliesslich dokumentarisch. Warum habt Ihr euch für das eine oder eben das andere Format entschieden?
(FB): «Als Kind wollte ich immer Polarforscherin werden. Ich sah mich auf einem Schiff durch Eisschollen fahren, unterwegs in unbekannte Welten. Mir scheint, dass ich das heute ein Stück weit mache, indem ich Dokfilme realisiere: Ich darf mich in unbekannte Welten begeben und sie erforschen. Ich empfinde das als sehr abenteuerlich und interessant – ganz egal, ob es jetzt Nordpol ist oder die eigene Familie.»

(BO): «Ich fühle mich ebenfalls wie eine Wissenschaftlerin, denn ich mache eigentlich das Gleiche, nur dass ich die Themen eben fiktiv erforsche. Es fasziniert mich, dass man über die Fiktion Lebenssituationen erleben und verstehen kann, ohne dass sie sich im eigenen Leben real ereignen: Ich kann eine Mörderin sein, ich kann durchbrennen mit meinem Klavierlehrer, ich kann Präsidentin der USA sein – und das für die Dauer von zwei Stunden und ohne Konsequenzen für mein reales Leben. Das ist etwas, das mich komplett fasziniert, und ich denke, dass es auch ein tiefes Grundbedürfnis des Menschen ist.»

Kinofilme als Therapie?
(BO): «Kinofilme und generell Geschichten als Hilfe, um so die ganze Komplexität des Lebens aushalten zu können. In der Forschung weiss man heute ja, dass es für das Hirn das gleiche ist, ob man sich etwas vorstellt oder es wirklich erlebt.»

(FB): «Darum spielt es punkto Prozess für das Publikum auch gar keine Rolle, ob es einen Dokfilm oder einen Spielfilm schaut. Wichtig ist, dass es in die Geschichte reingezogen wird und mit den Figuren mitfühlt.»

Für das Publikum mag der Prozess der gleiche sein – und für Euch als Filmemacherinnen?
(FB): «Beim Spielfilm bist du freier, alles so zu schreiben, wie du es gerne möchtest. Ich hingegen muss immer auf das reagieren, was in der Realität passiert und schauen, welches der dramaturgische Faden sein könnte, der weiterführt – und dann geht die Realität plötzlich doch in eine andere Richtung.»

(BO): «Wie weit lenkst als Regisseurin bei deinen Filmen das Geschehen?»

(FB): «Ich greife relativ wenig ein, aber ich bin pausenlos am dramaturgisch Überprüfen, was eine gewisse Szene inhaltlich transportiert, weil ich zum Beispiel weiss, dass ich für den Film eine Szene brauche, die das Thema Abhängigkeit rüberbringt.»

(BO): «Du würdest nie inszenieren, manipulieren oder etwas wiederholen lassen?»

(FB): «Dass eine Szene repetiert wird, kann schon vorkommen. Oder wenn ich etwas spannend finde, frage ich vielleicht, ob es möglich ist, darüber noch etwas ausführlicher zu reden. Nie aber würde ich von meinen Protagonisten etwas verlangen, das sie nicht von sich aus auch machen könnten. Es muss wahrhaftig bleiben.»

(BO): «Auch beim Spielfilm suchen wir Wahrhaftigkeit. Das ist ja das Paradoxe: Du weisst, es ist Fiktion, es ist erfunden, und doch willst du immer, dass es wahrhaftig rüberkommt.»

(FB): «Diese Wahrhaftigkeit herzustellen ist beim Spielfilm sicher die grössere Herausforderung, denn beim Dokfilm ist sie ja eigentlich per se vorhanden, du kannst sie höchstens zerstören, weil sich jemand vielleicht unwohl fühlt vor der Kamera. Ich habe noch nie einen Spielfilm geschrieben, aber ich stelle mir vor, dass du da auch von realen Gefühlen und Gedanken und Beobachtungen ausgehst, für die du dann nach einer Übersetzung suchst?»

Das würde ich gerne noch etwas genauer von Ihnen wissen, Bettina Oberli: Wieviel Recherche ist notwendig, damit ein Spielfilm authentisch wird? Haben Sie ein paar Monate auf einem Bauernhof gelebt, um eben den Alltag auf dem Hof real rüberzubringen?
(BO): «Gar nicht, nein. Weil es in meinem Film um ganz archaische Gefühle in Beziehungen geht, musste ich nicht sehr viel im Aussen recherchieren, denn bei diesen Gefühlen kann ich ja von mir selber ausgehen und davon, dass auch das Publikum sehr schnell verstehen wird, in welchen Zuständen sich diese Menschen befinden. Aber das kommt natürlich sehr auf das Thema eines Filmes an. Wenn man wie Niklaus Hilber einen Film über Bruno Manser drehen will, bedingt das natürlich sehr viel Recherche. Ich aber forsche sehr gerne innerhalb der menschlichen Beziehungen und in einem Umfeld, das ich kenne.»

Schon Ihr letzter Film «Tannöd» spielte auf einem Bauernhof.
(BO): «Bereits «Herbstzeitlosen» spielte auf dem Land, obwohl das eine andere Facette war. Und «Tannöd» war dann so etwas wie die schwarze Seite von «Herbstzeitlosen». Schlussendlich erzählt man wohl immer Geschichten über seine Herkunft und über das, was man selber kennt.»

Sie sind auf dem Land aufgewachsen?
(BO): «Ich bin im Berner Oberland aufgewachsen, habe in meiner Kindheit zusammen mit meiner Familie aber auch ein paar Jahre lang auf einer Südseeinsel gelebt.»

Interessant! Vielleicht sind das ja dann die beiden Pole in Ihrem aktuellen Film?
(BO): «Samuel, der unterwegs ist in der weiten Welt und Alex, der an der Heimat hängt? – Ja, wahrscheinlich ist das so. Man versucht ja auch in der Fiktion immer wieder, sein eigenes Leben zu verstehen. Die Kunst hat darum eine absolut wichtige Funktion: Sie hilft einem, das Chaos des Lebens zu begreifen. Ohne künstlerische Verwertung des Lebens würde der Mensch vermutlich verrückt werden.»

Fannys Vater scheint diese Philosophie zu bestätigen: Er hat zwar seine Fotografenkarriere an den Nagel gehängt, dennoch ist er die ganze Zeit wie wild am Fotografieren.
(FB): «Ich habe mir genau darüber während der Herstellung meines Filmes oft Gedanken gemacht. Ich glaube, dass mein Vater mit diesem Fotografenblick auch den Ausschnitt seines Lebens-Bildes bestimmt: Was ist im Bild und was ist ausserhalb? Ein Fotograf kann das gleiche Sujet so zeigen, dass es wunderschön aussieht – oder aber bedrohlich oder langweilig. Mein Vater hat sich ganz klar dafür entschieden, sein Leben zu sehen als etwas Schönes, Faszinierendes, Spannendes und überhaupt nicht Bemitleidenswertes.»

Gesprächsleitung: Silvana Ceschi, Filmredaktorin arttv

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