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Rezension | Les Olympiades

Publiziert am 18. September 2021

Millennials auf der Suche nach Liebe, Selbstbehauptung und Freiheit

In dynamischen Schwarz-Weiss-Bildern fängt Regisseur Jacques Audiard das Innenleben einer jungen Bohème-Generation in der multikulturellen Hauptstadt Frankreichs ein. Sein poetischer Liebesreigen über eine moderne Gesellschaft geprägt von Dating Apps und Sex im Internet trifft den Puls der Zeit.
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Les Olympiades | Die Synopsis

Paris, die Stadt der Liebe. Hier leben Émilie, Nora, Amber und Camille, drei junge Frauen und ein junger Mann, zwischen Sehnsüchten, Abenteuern und Dramen. Ihre Wege kreuzen sich im 13. Arrondissement – eigentlich sind sie nur befreundet, manchmal verliebt, oft beides. Die lebensfrohe Émilie hält sich nach ihrem Hochschulstudium mit Gelegenheitsjobs über Wasser, hat schnellen Sex und träumt von einer Beziehung. Der attraktive Camille zieht bei ihr als Mitbewohner ein und obwohl die beiden kein Paar werden, leben sie ihre gegenseitige körperliche Anziehung leidenschaftlich aus. Camille ist Lehrer und hat Ideale, aber kein Interesse an einer Beziehung, nur an unkompliziertem Sex. Doch als er Nora kennenlernt, glaubt er, die grosse Liebe gefunden zu haben. Nora ist in die Stadt gezogen, um ihrer Vergangenheit zu entfliehen und ihr Jurastudium wieder aufzunehmen. Sie fühlt sich jedoch bald stärker zur geheimnisvollen Amber Sweet hingezogen, die erotische Dienste online anbietet. Keiner will sich richtig festlegen…

Rezension

von Geri Krebs

Mit einer Kamerafahrt über endlose Hochhaussiedlungen und der Innenansicht eines Callcenters beginnt «Le Olympiades». Willkommen im Pariser 13ème Arrondissement! Das titelgebende Viertel von Jacques Audiards neuem Film ist eine Ansammlung von mehr als dreissig über hundert Meter hohen Hochhäusern. Viele Einwanderer aus Asien und Afrika leben hier. So auch die Taiwanesin Emilie und der Afrikaner Camille. Sie hat Politikwissenschaft studiert, arbeitet aber im Callcenter, er ist Französischlehrer an einem Gymnasium. Weil Emilies Verdienst kaum ausreicht, sucht sie eine Mitbewohnerin für ihre Wohnung. Als eines Tages Camille vor ihrer Tür steht, ist sie zunächst not amused, lässt den charmanten Mann mit dem gendermässig uneindeutigen Namen dann aber doch herein. Beim Vorstellungsgespräch antwortet er auf ihre unverblümte Frage nach seinem Liebesleben: «Ich kompensiere meinen beruflichen Frust durch ein intensives Sexleben». Und fügt hinzu, es gehe dabei aber immer ruhig zu und her. Und auf seine analoge Frage bei ihr überrascht sie ihn mit: «Erst vögle ich und dann schau ich weiter». Als Zuschauer ist man zwar wenig überrascht, hat man die beiden doch schon zuvor in einem kurzen Flashforward beim intensiven Sex gesehen.

Beziehungskisten
Das Spiel mit Zeitebenen ist in «Les Olympiades» ein ähnlich zentrales, in faszinierender Weise eingesetztes Element wie auch das titelgebende Stadtviertel, das wiederholt in unvermittelt eingeblendeten Szenen ratternder S-Bahnen oder langer Schwenks über endlosen Reihen von Wolkenkratzern wie ein weiterer Protagonist im Film wirkt. Die Romanze der beiden Stadtneurotiker Emilie und Camille ist von kurzer Dauer, beide betonen die Unverbindlichkeit und mal ist dieser Wunsch nach Sich-nicht-festlegen bei ihr, mal bei ihm grösser. Nach einer halben Filmstunde ist die Geschichte zu Ende. Camille zieht aus, Emilie bleibt zurück. Eine neue Geschichte, ein scheinbar neuer Film, beginnt. Nora, eine Jurastudentin aus der Provinz, tritt auf den Plan. Es ist einige Monate später, Emilie arbeitet jetzt in einem China-Restaurant, irgendwann kreuzen sich die Wege der beiden Frauen, später wird Nora wegen Cyber Mobbings ihr Studium hinschmeissen und wieder in ihren früheren Job als Immobilienmaklerin zurückkehren. Und Camille wird eines Tages dort als Angestellter anheuern, hat er doch seinen Lehrerjob – «unterbezahlt, überwacht, verachtet – und unsere Schüler werden Anstreicher oder Kebabverkäufer» – verlassen. Als er kurz darauf wieder Kontakt zu Emilie hat, läuft da allerdings schon etwas zwischen ihm und Nora. Doch die träumt indessen schon davon, einmal Louise zu treffen, die geheimnisvolle Schönheit, die als Cam-Girl «Amber Sweet» für einen Porno-Kanal arbeitet. Aufgrund einer Verwechslung mit ihr wurde Nora seinerzeit gemobbt und sie war es, die daraufhin den Kontakt zu Louise gesucht hatte.

Audiard erfindet sich neu
Es ist die Adaptation der drei Kurzgeschichten «Amber Sweet», «Summer Blonde» und «Killing and Dying» des amerikanischen Comic-Autors Adrian Tomine, die Regisseur und Drehbuchautor Jacques Audiard in Zusammenarbeit mit den beiden Drehbuchautorinnen Léa Mysius und Celine Sciamma zu einem so komplexen wie federleicht schwebenden grossstadtsymphonischen Liebesreigen verwoben hat. Mit Ausnahme von Noëmie Merlant (bekannt etwa als Protagonistin in Celine Sciammas «Portrait de la jeune fille en feu»), die die Rolle der Nora verkörpert, sind die anderen Gesichter im Film weitgehend unbekannt. Sie passen damit perfekt zu Jacques Audiard, der hier einmal mehr beweist, dass er zu denen gehört, die sich nie wiederholen, die in jedem Film etwas völlig anderes probieren. Und er überzeugt mit diesen Liebeswirren vor schwarz-weisser Pariser Banlieu-Kulisse so sehr wie zuvor etwa mit seinem Western «The Sisters Brothers», dem Emigrantendrama «Deephan» oder dem Gefängnisfilm «Un prophète» und zeigt so, dass er sich in jedem Genre und vor jedem Hintergrund zu behaupten weiss.

Les Olympiades | Die Stimmen

«Normalerweise sind die Filme Jacques Audiards von Wucht und Maskulinität geprägt, doch hier schlägt er neue Wege ein. Rund um einen Hochhausblock im 13. Bezirk von Paris verwebt er in wunderschönen Schwarzweiss-Bildern die Lebenswege dreier junger, moderner Menschen miteinander. Die Themen, um die es hier geht, sind alltäglich, aber essentiell: Liebe und Sex, Freundschaft und Selbstfindung. Was den Film so besonders macht, sind erfrischende Darsteller:innen und eine unerwartet humorvolle Leichtfüssigkeit.» – Patrick Heidmann, cineman.ch | «Natürlich ist es im Nachhinein müssig, zu behaupten, die weiblichen Figuren seien deutlich anders und vielschichtiger gezeichnet, weil die beiden einschlägigen Filmemacherinnen daran mitgearbeitet haben. Aber der Eindruck ist stark und erfreulich und die Idee einer solchen Ko-Kreation bestechend anziehend. Auch wenn unzählige Filme von gemischten Autorenteams geschrieben werden: An eine solche Kombination von drei eigenständigen, ausgewiesenen Filmemacher:innen kann ich mich nicht erinnern.» – Michael Sennhauser | «Das Porträt einer jungen Generation, die versucht, sinnvolle Beziehungen aufzubauen aus Verbindungen, die auf Treibsand fussen.» – Indiewire | «Eine seidige, gefühlvolle Schwarz-Weiss-Tapisserie über alleinstehende Millennials auf der Suche nach Anschluss.» – Variety

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Les Olympiades | Regie: Jacques Audiard | Drama | Frankreich, 2021 | 106 Minuten | Verleiher: Filmcoopi

Kinostart
Deutschschweiz: 28. April 2022
Französische Schweiz: 3. November 2021

Der Film feierte am Zurich Film Festival 2021 seine Schweizer Premiere.

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