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Rezension | L'événement

Publiziert am 24. Januar 2022

Ein zeitloses Drama über eine junge Frau und ihr Recht auf Selbstbestimmung

Es sind die 60er-Jahre in Frankreich. Eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen steht am Anfang ihres Lebens. Sie will Literatur studieren, dann wird sie ungewollt schwanger. «L'événement» ist die kraftvolle Verfilmung des autobiografischen Romans von Annie Ernaux, die 2021 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.
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L’événement | Synopsis

Anne, eine Studentin voller Hoffnung auf ein Leben, das über den Horizont ihrer Eltern hinausreicht, wird ungewollt schwanger. Sie hat aber in ihrem Land und zu ihrer Zeit, nämlich in Frankreich Anfang der 1960er-Jahre, keine Möglichkeit, diese Schwangerschaft legal zu beenden. Anne steht vor dem Dilemma, entweder das soziale Stigma einer ledigen Mutter und das Ende ihrer beruflichen Ambitionen oder aber das Risiko einer illegalen Abtreibung in Kauf nehmen zu müssen. Anne hat nur noch wenig Zeit, die Prüfungen stehen vor der Tür, ihr Bauch wird immer grösser… Die Verfilmung des Romans «Das Ereignis» von Annie Ernaux gewann in Venedig den Goldenen Löwen.

Rezension

von Madeleine Hirsiger

«L’événement» ist ein Ereignis, das bewegt und einem in die Knochen fährt: Wir stehen am Anfang der 60er-Jahre. Die intelligente, begabte Literaturstudentin Anne Duchesne wird im Alter von 23 Jahren ungewollt schwanger. Die Wochen, die vergehen, werden als Schrift eingeblendet, wie ein Kalender, wie ein Damoklesschwert, das über Anne hängt. Innerhalb der ersten zehn Minuten wissen wir Bescheid, was passiert. Für Anne ist es die absolute Katastrophe. Ihr Leben wird dadurch extrem beeinträchtig, nichts ist mehr wie vorher. Denn Abtreibungen waren damals streng verboten und hatten juristische Konsequenzen. Von der gesellschaftlichen Ächtung gar nicht erst zu sprechen. Trotzdem: Anne will dieses Kind nicht, auf keinen Fall, sie will studieren. Der Titel des Films geht auf die im Jahr 2000 erschienenen Buchvorlage der heute 81-jährige renommierte französische Schriftstellerin Annie Ernaux zurück. Sie schöpfte für ihre Erzählung voll aus dem eigenen Leben. In einem Dorf in der Normandie in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen – ihre Eltern führten einen kleinen Laden mit Café – weiss sie, was Entbehrungen sind und wie es ist, oft nicht dazuzugehören. Ihre Bücher sind autobiografisch, aber aus einer gewissen zeitlichen Distanz heraus geschrieben. Das trifft in hohem Masse auch auf die Verfilmung zu.

Die Macht der Bilder

Die Regisseurin Audrey Diwan hat für ihren zweiten Spielfilm das Bildformat 4:3 gewählt, die Leinwand wird also nicht voll bespielt. Dieses quasi Viereck in der Mitte der Leinwand unterstreicht die Enge, in der sich die junge Anne befindet, sei es im Vorlesungsraum an der Uni, beim Anstehen im Duschraum, mit den Studentinnen auf ihren Zimmern, zu Hause bei ihren Eltern, die auf dem Land ein Bistro führen. Die Verzweiflung und das Leiden sind gross, sie kann sich niemandem anvertrauen. Auch ihrer Mutter nicht (Sandrine Bonnaire), die alles tut, damit ihre Tochter studieren kann. Die Ärzte sind zu keinem Eingriff bereit, sie haben Angst und schicken sie weg. Die beiden Freundinnen wollen mit ihr nichts mehr zu tun haben und ihre schulischen Leistungen tendieren gegen Null. Sie kann sich auf nichts mehr konzentrieren. Und für uns im Kinosaal gibt es kein Entrinnen. Wir müssen diese Geschichte bis zum Ende begleiten, sind mit Anne darin gefangen. Annie Ernaux sagt: Das Kino hat eine unheimliche Macht, das auszudrücken, was Anne durchmacht. Sie sei überwältigt gewesen von der Fusion der Schauspielkunst der jungen Schauspielerin Anamaria Vartolomei und der Inszenierung.

Nähe zum Text

Für die Regisseurin war es unmöglich, sich vom Text der Schriftstellerin zu lösen, es wäre Verrat gewesen. Der Sache auf den Grund gehen, so, wie es im Buch steht. Der Text ist nahe am Ereignis, weicht nie aus. Deshalb auch die langen Einstellungen, um auszudrücken, wie es sich anfühlt, in diesem Zustand zu sein und um jeden Preis die ungewollte Schwangerschaft abbrechen zu wollen. Es ist schliesslich ein Freund von ihr (Kacey Mottet Klein), der Anne hilft und ihr eine «Engelsmacherin» vermittelt. Ihre letzte Hoffnung auf eine Abtreibung – mit hohem Risiko.

Fazit: «L’événement» ist ein eindringliches, hervorragend gespieltes und inszeniertes Stück Kino, indem sich Leiden, Einsamkeit und Verzweiflung breitmachen und am Ende doch ein kleiner blauer Streifen am Horizont auftaucht.

L’événement | Weitere Stimmen

«Ein humanistischer Thriller, gefilmt und gespielt in einem so zarten, sanften Ton.» – Variety | «Anne ist alle Frauen auf einmal: die Frauen von gestern, von heute und von morgen.» – Cineman | «Eine hochkarätige Besetzung aufstrebender französischer Schauspielerinnen.» – Screendaily | «Abgesehen von seinem Thema hat ‹L’Evénement› diese einfache und radikale Form – eine Art Filmtagebuch mit engem Bildausschnitt -, die die Beschaffenheit grosser Filme ausmacht.» – Le Monde

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L’événement | Regie: Audrey Diwan | Drama | 100 Minuten | Frankreich, 2021 | Verleiher: Frenetic

Kinostart
Deutschschweiz: 23. März 2022
Französische Schweiz: 8. Dezember 2021

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