Regisseur Christoph Kühn gemeinsam mit Paul Nizon an den Solothurner Filmtagen. | © Solothurner Filmtage

Interview | Regisseur Christoph Kühn

Publiziert am 08. September 2020

«Mich haben immer Biografien mit Abstürzen, Umbrüchen, Neuanfängen interessiert.»

Der Zuger Filmregisseur Christoph Kühn wurde bekannt mit Kinodokumentarfilmen über Friedrich Glauser und Bruno Manser. Mit «Paul Nizon – der Nagel im Kopf» hat er sich nun erstmals seit Langem wieder einer lebenden Persönlichkeit auseinandergesetzt. Der zweite Teil des Filmtitels bezeichnet übrigens den Arbeitstitel eines nie fertiggestellten Romanprojekts von Paul Nizon. Ein Interview von Geri Krebs.
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Christoph Kühn, 1955 in Zug geboren und aufgewachsen, studierte von 1975 bis 1979 Filmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. 1983 gründete er mit TitanicFilm seine eigene Filmproduktionsfirma, mit der er seither über ein Dutzend Kino- und TV-Dokumentarfilme realisierte. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören «Nicolas Bouvier, 22 Hospital Street» (2005), «Bruno Manser – Laki Penan» (2007) und «Glauser» (2011).

Frage: Der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon gilt nicht gerade als pflegeleichter Zeitgenosse. Wie haben Sie es geschafft, zusammen mit dem ungemein vitalen Neunzigjährigen einen so entspannten Film zu machen?
Da muss ich weit zurückblenden. Ich habe Paul Nizon 1973 an der Universität Zürich erlebt, als er über seinen «Diskurs in der Enge» referierte und diskutierte. Die 1970 erschienene Streitschrift hatte seinerzeit viel Aufsehen erregt, Nizon rechnete darin sehr polemisch mit der Schweiz ab. Und ich als junger Rebell, der schon damals wusste, dass er nie etwas anderes als Filmemacher werden wollte, war tief beeindruckt. Für mich war es das Beste, was ich bis da gehört hatte von einem Intellektuellen über die Welt, in der auch ich lebte. Als ich dann einige Jahre später erfuhr, dass Nizon der Schweiz definitiv den Rücken gekehrt hatte, war mir klar: Aha, jetzt setzt er also um, was er in «Diskurs in der Enge» vertreten hatte, nämlich, dass man in der Schweiz künstlerisch nicht reüssieren kann.

Sie studierten damals schon an der Filmhochschule in München?
Ja, ich hatte das Glück, dass es zu jener Zeit in der Schweiz noch keine einzige Filmschule gab.

Sie nennen es ein Glück?
Klar, denn so konnte ich raus aus der Schweiz, die auch ich damals als miefig und erstickend empfand. München dagegen war die grosse Welt und die Filmschule erlebte ich als äusserst grosszügig.

Kehren wir zurück zu Paul Nizon…
Ja, da muss ich jetzt ein paar Jahrzehnte überspringen: Ich machte also meine Filme, und nach meinem letzten Kinodokumentarfilm «Alfonsina» über die argentinische Schriftstellerin Alfonsina Storni – traf ich zufällig innerhalb kurzer Zeit mehrmals Leute, die Paul Nizon in Paris besucht hatten und mir begeistert von ihm erzählten. Da kam meine ganze Begeisterung wieder hoch und so las ich erstmals Nizons Roman «Das Jahr der Liebe». Das 1981 erschienene autobiografische Buch, das vielen als sein bedeutendstes gilt, erzählt schonungslos offen von Abstürzen und ja, Todessehnsucht. Dann aber auch von seinen wilden Kreativitätsschüben in den ersten Jahren in Paris in einer Hinterhofwohnung.

Der Roman hat sie also für die Figur Paul Nizon eingenommen?
Ich hatte so etwas noch nie gelesen, wie da jemand das Herauskippen aus dem Alltag, aus der gewohnten Umwelt beschreibt wie hier. Es war eindeutig dieses Buch, das ich dann sicher 20 Mal las, das mich zu diesem Film motivierte. Ich kontaktierte Paul Nizon und konnte ihn rasch überzeugen. Ich glaube, er merkte sofort, dass ich bereits wusste, wie ich diesen Film machen wollte. Mich haben auch bei meinen vorherigen Filmen Menschen interessiert (oft Künstlerpersönlichkeiten, aber nicht immer), in deren Biografien es Abbrüche, Umbrüche, Abstürze, Neuanfänge gab.

Sie haben bisher praktisch immer Filme über bereits verstorbene Persönlichkeiten gemacht. Wie war das nun über und mit einem lebenden legendären Literaten?
Sie haben Ihre Frage relativiert, denn «FRS – Das Kino der Nation» (1985), über Franz Schnyder, und «Salaam» (1998), über die Zuger Künstlerin Helen Kaiser waren ebenfalls Filme mit noch lebenden Zeitgenossen. Was Paul Nizon betrifft, so hatte ich bei ihm das Glück, dass er es genoss, sich ausführlich erklären zu können, und dass er einer ist, der viel von Kino versteht und selber ein grosser Filmliebhaber ist. Und wenn wir Differenzen hatten, etwa wenn er fand, ich würde ihn jetzt wie einen Schauspieler inszenieren, sagte er: Es ist ja schliesslich dein Film. Den fertigen Film hat er übrigens erst an den Solothurner Filmtagen gesehen, er hatte mir voll vertraut – und er war dann vom Resultat unserer innigen Zusammenarbeit sehr angetan. Und er sagte sogar, dass er dank dieses Films sein nie vollendetes Romanprojekt «Der Nagel im Kopf» nun möglicherweise doch noch zu Ende bringen werde.

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arttv Filmjournalist Geri Krebs spricht mit dem Regisseur Christoph Kühn über seinen neuen Dokumentarfilm «Paul Nizon: Der Nagel im Kopf», der am 10. September 2020 in den Kinos anläuft.

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