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Die Direktorin der Solothurner Filmtage, Anita Hugi anlässlich der Pressekonferenz in Zürich.
Die Direktorin der Solothurner Filmtage, Anita Hugi anlässlich der Pressekonferenz in Zürich. |

Solothurner Filmtage | Interview Anita Hugi

Publiziert am 12. Januar 2020

Wohl als einziges Festival der Welt schaut sich die Solothurner Film-Kommission alle eingereichten Filme gemeinsam auf der Leinwand an.

Anita Hugi über die Behauptung, die Solothurner Filmtage seien überflüssig, ihren Kampf gegen die Überalterung des Publikums, warum es kein Problem ist, dass nur zwei Filmpremieren in der Wettbewerbskategorie «Prix du Public» zu sehen sind, über neue Formate unter ihrer Leitung und ihre Einschätzung, ob eine Kontroverse wie letztes Jahr um Christian Labharts Film «Passion» auch bei den 55. Solothurner Filmtagen zu erwarten ist. Mehr lesen

Interview: Geri Krebs

Anita Hugi Sie sind seit 1. August 2019 neue Direktorin der Solothurner Filmtage, gewählt wurden sie Ende Juni. Sie hatten also nur ein paar Monate Zeit, um diese 55. Ausgabe der Filmtage auf die Beine zu stellen. Wie haben Sie das geschafft?
Anita Hugi: Sie haben recht, es war ein steiler Start und die letzten Monate waren eine sehr intensive Zeit. Zumal Solothurn für seine spezielle Auswahlkommission mit dem besonderen Verfahren bei der Visionierung der eingereichten Filme bekannt ist. Im Gegensatz zu manchen anderen Filmfestivals schaut sich die Kommission alle Einreichungen gemeinsam auf der Kinoleinwand an – nicht etwa individuell auf dem Computer. Das Gemeinschaftserlebnis Kino steht im Zentrum. Konkret heisst das, wir sassen von Anfang Oktober bis Anfang November täglich von 9 Uhr bis 23 im Kino am Uferbau. Jeder hatte neben sich ein Tischchen für Notizen und wir visionierten die Filme. Anschliessend fand gleich die Programmierung statt.

Sie schauten sich immer alle Filme bis zum Ende an?
Ja, ich weiss zwar, dass es die verbreitete Ansicht gibt, ein Film müsse einen während der ersten zwanzig Minuten packen, sonst taugt er nichts. Ich hingegen halte es mehr mit dem bekannten Satz von Godard: Jeder Film hat einen Anfang, ein Ende und einen Mittelteil – aber nicht zwingend in dieser Reihenfolge.

Wenn man sich das «Herzstück» der Filmtage, die beiden Wettbewerbe für den «Prix de Soleure» und den «Prix du Public» mit ihren je zwölf Filmen ansieht, fällt bei Letzterem auf, dass nur gerade zwei Premieren vertreten sind …
Ich finde, das ist kein Problem, denn wir sind primär eine Werkschau des Schweizer Films und nicht einfach ‹just another festival›, das unbedingt möglichst viele Weltpremieren zeigen muss. Vielmehr sollen gerade beim «Prix du public» auch jene Filme vertreten sein, die vielleicht in einer Sprachregion schon im Kino gelaufen sind, in einer anderen aber noch nicht. Ausserdem finden sich unter den Filmen, die um den «Prix de Soleure» wetteifern, sechs Premieren, das schafft wieder einen Ausgleich. Aber Ihr Einwand ist berechtigt. Es stimmt, die Solothurner Filmtage haben bisweilen Mühe, Premieren grosser Schweizer Produktionen zu bekommen, hier ist die Berlinale eine Konkurrenz. Obwohl sich das gar nicht ausschliesst, denn ein Film, der seine Uraufführung in Solothurn hatte, kann dennoch in einer kompetitiven Sektion an einem internationalen Festival als Weltpremiere laufen.

Wie sieht eigentlich Ihre persönliche Geschichte mit den Filmtagen aus, können Sie sich noch erinnern, seit wann Sie die Filmtage kennen?
Ich bin jetzt 44, da ist meine Erinnerung an die Jugendjahre schon etwas am Verblassen. Deshalb kann ich Ihnen den genauen Zeitpunkt nicht mehr nennen, in welchem Jahr ich erstmals als Zuschauerin die Filmtage besuchte. Ich kann also nicht mit einer schicksalhaften ersten Begegnung mit den Solothurner Filmtagen dienen.

Aber die Filmtage waren sicher schon früh in Ihrem Fokus?
Ja klar, schliesslich bin ich in Biel aufgewachsen, fünfzehn Zugminuten von Solothurn entfernt. Wenn man sich in der Schweiz für Film interessiert, gehört Solothurn zu dem, was ich den inneren mentalen Echoraum nennen würde, Solothurn ist familiär. Ich war schon als junge Frau da, aber wann, das kann ich nicht mehr sagen. In beruflicher Funktion war ich als Redakteurin und Produzentin der Sternstunde Kunst seit 2005 fast jedes Jahr an den Filmtagen vertreten, mit Koproduktionen von unabhängigen Schweizer Filmen und einzelnen Projekten, die ich selber produziert oder realisiert habe.
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Vor fünf Jahren, kurz vor der 50. Ausgabe, schrieb der Filmkritiker der NZZ am Sonntag, Christian Jungen, heute Direktor des Zurich Film Festivals, die Solothurner Filmtage seien das entbehrlichste Festival der Schweiz. Der Schweizer Film brauche kein spezielles Festival mehr, denn er sei in den Kinos längst etabliert. Wie erlebten Sie die damalige Kontroverse?
Hat er das damals tatsächlich so geschrieben? Ich gestehe, dass ich das nicht mehr genau in Erinnerung habe. Ich kann dazu nur sagen: Lassen wir die Zahlen sprechen. Die Filmtage hatten letztes Jahr 65.000 Eintritte, das sind 8.000 pro Tag, eine enorme Zahl, wenn man sie mit den im Jahr 2018 rückläufigen Kinoeintritten vergleicht. Solothurn ist und bleibt eine wichtige Plattform für den Schweizer Film, man sieht ihn in seiner ganzen Vielfalt, stilistisch, sprachregional und generationenübergreifend.

Bei Letzterem taucht die Frage auf, was die Solothurner Filmtage tun, um der Überalterung des Publikums entgegenzuwirken – ein Problem, das fast alle Festivals, und, mehr noch, die Kinos haben?
Natürlich bin mir des Problems bewusst, bereits meine Vorgängerin Seraina Rohrer hat in den Jahren ihrer Tätigkeit als Direktorin zahlreiche Neuerungen eingeführt, um auch ein junges Publikum anzusprechen. Dazu gehörte etwa die Sektionen ‹Upcoming› für junge Talente aus Filmschulen oder das ‹Future Lab› mit ihrem Einbezug von neuen Erzählformen.

Wie haben Sie sich in das Programm eingebracht?
Ich habe die bestehenden Sektionen für die kommende Ausgabe als Ausgangspunkt beibehalten und weiterentwickelt. Ein Akzent, den ich dabei bewusst setze, ist aber auch das filmhistorische Programm, das ich mit ‹Cinéma Copines› Schweizer Filmpionierinnen widme. Neben dem Filmprogramm mit spannenden Gästen findet unter anderem ein ‹Edit-a-thon› statt, ein offener Workshop zum gemeinsamen Verfassen von Wikipedia-Einträgen zu Frauen im Film. Die traditionelle Fokus-Reihe – das einzige Programm in Solothurn, das auch nicht-schweizerische Filme und Gäste einlädt – widmen wir angesichts des Booms dieses Genres dem Phänomen der Serien. Eine weitere Neuerung ist das ‹Fest der Schweizer Filmschulen›, das am Wochenende stattfindet, ein Anlass, der zudem an einer neuen Spielstätte – dem Attisholz-Areal – stattfindet. Nach der Verleihung der Nachwuchspreise vor Ort startet eine grosse Party, die speziell jüngere Leute ansprechen soll, die bisher vielleicht noch kaum zum Publikum der Filmtage gehörten.

Mit dem Eröffnungsfilm, der Politkomödie um die Fichenaffäre vor 30 Jahren, «Moskau Einfach» von Micha Lewinsky, haben Sie bewusst einen Film ausgewählt, der von der Vergangenheit erzählt, aber ein hochaktuelles Thema behandelt. Gibt es im Programm von ‹Solothurn 2020› weitere thematische Leitlinien?
Ja, natürlich, neben der Überwachung, die, im Gegensatz zu den 1980ern, heute bedingt durch unseren mitunter sorglosen Umgang mit den sozialen Medien weitgehend leider ‹Alltag› wurde, präsentieren wir mehrere Filme, in denen es um individuelle Verantwortung geht und die Menschen zeigen, welche nicht nur reden, sondern auch handeln. Ich denke da etwa an die Dokumentarfilme «Volunteer» von Anna Thommen und Lorenz Nufer oder an «Unter einem Dach» von Maria Müller, der in Solothurn in Uraufführung zu sehen sein wird. Die zwei Filme porträtieren Leute, die aktiv sind in der Hilfe für Flüchtlinge. Auch «Citoyen Nobel» von Stéphane Goël greift mit Nobelpreisträger Jacques Dubochet die Frage auf, was der Einzelne tun kann. Formal gesehen zeichnen sich die 55. Solothurner Filmtage durch zahlreiche Debuts in allen Sektionen aus – ein Thema, das unter anderem in den Film-Brunches aufgegriffen wird.

An den letztjährigen Solothurner Filmtagen hat ein Film Aufsehen erregt, der nicht ins Programm aufgenommen wurde, Christian Labharts «Passion». Bis heute scheinen die Filmtage 2020 frei zu sein von derartigen Kontroversen. Darf man da noch mit Überraschungen rechnen?
Ich wüsste nichts von derartigen Überraschungen (lacht). Natürlich kann es sein, dass vielleicht der eine oder andere Programmpunkt, etwa eine besondere Veranstaltung, ‹last minute› ins Programm kommt, aber da müssen Sie noch etwas Geduld haben. Das Filmprogramm steht und ich selber freue mich sehr auf die kommenden 55. Solothurner Filmtage!

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