Friedrich von Martens, Märjelensee, um 1854. Collection Nicolas Crispini, Genève

Nach der Natur | Schweizer Fotografie im 19.Jahrhundert

Publiziert am 14. September 2021

Erstmalig werden in einer Überblicksschau die ersten 50 Jahre des neuen Mediums Fotografie in der Schweiz beleuchtet.

Nach seiner Erfindung 1839 in Paris, eroberte die Fotografie in kürzester Zeit ganz Europa. Bald wurden die schweren Kameras auch in die Dörfer und aufs Land getragen, wo sie mit ihren Aufnahmen Aufsehen erregten. Die als Koproduktion zwischen Fotostiftung Schweiz (Winterthur), Photo Elysée (Lausanne) und Museo d’arte della svizzera italiana (Lugano) organisierte Ausstellung, kuratiert von Martin Gasser und Sylvie Henguely, zeigt ein bisher wenig erforschtes Kapitel der Schweizer Fotografie.
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Wie war es möglich, dass sich die Fotografie so rasant verbreitete? Wer waren die Pioniere, die sich immer neue Anwendungen ausdachten, vom repräsentativen Porträt bis zum Fahndungsbild, von der Natur- und Landschaftsstudie bis zur Darstellung von Industrie und Technik, von der wissenschaftlichen Illustration bis zur Dokumentation von Ereignissen?

Die Schweiz im internationalen Kontext

Die Schweiz kann nicht mit der gleichen Fülle von international herausragenden Fotograf*innen aufwarten wie etwa Frankreich, Deutschland oder England, dazu war das Land mit seinen kleinräumigen, föderalistischen Strukturen und den grossen kulturellen und politischen Differenzen ein ungünstiger Nährboden. Obschon die Geschichte der Fotografie und die Geschichte des 1848 gegründeten Bundesstaats zeitlich ineinander greifen, verliefen ihre Entwicklungen keineswegs synchron. Wie es kein eigentliches kulturelles Zentrum der Schweiz gab, so gab es auch kein Zentrum der Fotografie. Während sie sich in der französischen Schweiz im direkten Austausch mit den Fotopionieren der ersten Stunde in Paris fast explosionsartig verbreitete, wurde sie in der Deutschschweiz von weitgehend unbekannt gebliebenen Wanderfotografen eher lokal und regional eingeführt. Hier wurde auch lange Zeit der Daguerreotypie den Vorzug gegeben, wohingegen Fotografen in der französischen Schweiz schon früh auch das Talbot’sche Salzpapierverfahren einsetzten. Bei diesen Unterschieden dürfte eine Rolle gespielt haben, ob man eher die künstlerischen Aspekte der Fotografie auf Papier bevorzugte (wie in der Romandie) oder die Klarheit und Präzision des Verfahrens auf Metall schätzte (wie in der Deutschschweiz). Der italienische Einfluss wiederum macht sich bei den wenigen frühen Fotografen der Südschweiz bemerkbar, die ihr Handwerk in Italien lernten; sie konnten sich erst in den 1860er-Jahren in der ländlichen Umgebung ihrer Heimat wirklich etablieren. Doch mit der Einführung der Glasnegative und Albuminabzüge kam das Geschäft beidseits des Röstigrabens und auch im Tessin in Schwung – ein reger Austausch zwischen den Regionen entstand. Die Fotografie galt jedoch immer als Handwerk, das in der Landesausstellung in Zürich 1883 zum ersten Mal einem gesamtschweizerischen Publikum vorgeführt wurde. Die Diskussion darüber, ob Fotografie auch ein künstlerisches Medium sein könne, begann erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in Opposition zu ihrer unaufhaltsamen Entwicklung zum visuellen Massenmedium.

Unterschiedliche Gebrauchsweisen und materielle Vielfalt

Die Entdeckung der Schweiz durch die Fotografie, der Erfolg des neuen Bildmediums, Fotografie als Geschäft, Fotografie und Kunst, Identität und Kontrolle, Fotografie in Industrie und Wissenschaft, Fotografie in Ausstellungen und Büchern – solche Themen werden in der Ausstellung anhand von über 300 Originalobjekten und -abzügen aus der Zeit (Vintage-Prints) verhandelt, wobei auch die faszinierende Materialität früher Fotografie zur Geltung kommt. So kann man etwa die unterschiedliche Wirkung zwischen einer Daguerreotypie und einem gleichzeitig entstandenen Salzpapierabzug im direkten Vergleich erfahren. Und es wird nachvollziehbar, weshalb das neue Bildmedium auch Verwirrung stiftete: Handelte es sich um eine neue Art Zeichnung? Oder eine Malerei, der einfach noch die Farbe fehlte? Was bedeutete «daguerréotype d’après nature» oder «nach dem Leben photographiert»? Dass sich in der Fotografie die sichtbare Welt auf magische Art selbst abbildete, als ob die Natur den Zeichenstift geführt hätte – wie ein «pencil of nature» (Henry Fox Talbot) –, brachte die Betrachter vom ersten Moment an zum Staunen und provozierte eine Debatte über das Verhältnis von Realität und Abbild, die bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüsst hat.

Einzelstücke und unbekannter Werke

Neben der Präsentation herausragender Einzelstücke und unbekannter Werke werden die besonderen Leistungen wichtiger Fotograf*innen gewürdigt, so etwa von Johann Baptist Isenring (St. Gallen), Carl Durheim (Bern), Jakob Höflinger (Basel), Constant Delessert (Lausanne), Jean-Gabriel Eynard (Genf) oder Angelo Monotti (Tessin). Daneben soll vor allem das Zusammenspiel der verschiedenen Erscheinungsformen und Gebrauchsweisen von Fotografie einen differenzierten Gesamteindruck vermitteln. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung und der schnellen Handy-Fotografie ist es wichtig, sich wieder auf die analogen Anfänge des Mediums zu besinnen, als nur schon die Belichtungszeit mehrere Minuten dauerte, und es auch nach stundenlanger Dunkelkammerarbeit keinesfalls sicher war, dass überhaupt ein Bild zustande kommen würde.

Text: Fotostiftung Schweiz

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Nach der Natur – Schweizer Fotografie im 19.Jahrhundert | Fotostiftung Schweiz | 23. Oktober 2021 bis 30. Januar 2022

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