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Lesehimmel l Prominente und das 1. Mal

Publiziert am 03. Juni 2007

ART-TV.CH hat prominente Vernissagebesucher der Ausstellung "Lesehimmel" nach ihrem ersten prägenden Leseerlebnissen befragt
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Vom 2. Juni bis zum 30. September ist am Hof des Klosters Einsiedeln die Ausstellung „Lesehimmel – Kinder- und Jugendbücher im Kloster Einsiedeln“ zu sehen. Gezeigt werden Kinder- und Jugendbücher aus der Stiftsbibliothek und weiteren Sammlungen. Zur Ausstellung erscheint das Buch „Lesehimmel“ mit Erinnerungen von bekannten Persönlichkeiten an ein erstes Leseerlebnis. Begleitveranstaltungen ergänzen das Angebot rund um den „Lesehimmel“.

„Was stellen Sie denn aus?“. Mit dieser Frage sah sich der Ausstellungsmacher Bruder Gerold Zenoni im Vorfeld zum „Lesehimmel“ häufig konfrontiert. Nach landläufiger Meinung gäbe es demnach keine Kinder- und Jugendbücher in der Stiftsbibliothek Einsiedeln. Weit gefehlt! Zwischen den Fachgebieten Theologie, Geographie oder Historie mit ihren entsprechenden Signaturen verbirgt sich manches Buch, das ausgezeichnet in den „Lesehimmel“ passt.

Berühmte Besucher

Allein die Liste prominenter Einsiedeln-Besucher aus dem Bereich Kinder- und Jugendliteratur hätte schon längst eine Ausstellung wie den „Lesehimmel“ gerechtfertigt. 1832 besuchte der Autor der „Lederstrumpf“-Romane, James Fenimore Cooper, die Schweiz. Im August trug er sich ins Gästebuch der Stiftsbibliothek Einsiedeln ein und fügte seinem Namen die Worte „citoyen des Etats Unies d’Amérique“ bei. Dieser womöglich einzige erhaltene handschriftliche Beleg seines Besuchs in der Schweiz ist erstmals öffentlich zu sehen. Cooper verfasste einen Reisebericht in Briefform, der auch in deutscher Sprache erschien. In Einsiedeln missfiel ihm das Fehlen weiblicher Schönheiten.
Der dänische Dichter Hans Christian Andersen hat die Schweiz geliebt wie kaum ein anderes Land. Er hat der Eidgenossenschaft mehrere Besuche abgestattet. Auch Einsiedeln mit seinem Kloster hat er aufgesucht. Am 17. Juli 1861 steht sein Name im Gästebuch der Bibliothek. Er fügte bei: „aus Dänemark“. In Andersens Tagebuch finden sich Eintragungen aus Einsiedeln und Umgebung. Hier kam er auch in Kontakt mit Pater Gall Morell, der sich eine Handschriftenprobe des berühmten Zeitgenossen erbat. Dieses am 14. Juli 1861 in Brunnen datierte Blatt Papier mit einer religiösen Aussage Andersens hat sich im Kloster erhalten und wird als kleine Sensation im „Lesehimmel“ erstmals dem Publikum gezeigt.
Am 20. September 1901 weilte Karl May zu Verhandlungen mit den Verlegern des „Einsiedler Marien-Kalenders“ in Einsiedeln. Er logierte im „Pfauen“. Im Gästebuch verewigte er sich mit einem Gedicht. Bereits 1893 erschien exklusiv in „Benziger’s Marien-Kalender“ die illustrierte exotische Reiseerzählung „Christ ist erstanden!“ des evangelischen Christen Karl May. Heute sind die alten Einsiedler-Kalender mit den May-Erzählungen gesuchte Sammlerobjekte. Der „Lesehimmel“ kann mehrere hübsch illustrierte Erzählungen des Winnetou-Autors präsentieren. Zu sehen sind auch eine von May beschriebene Ansichtskarte und eine von ihm benützte Schreibfeder. Ergänzt wird dieser Schaukasten mit bunten Indianerkleidern aus einer klösterlichen Sammlung. Der „Lesehimmel“ zeigt denn auch keineswegs bloss Bücher. In attraktiv gestalteten Vitrinen werden die Exponate in einen spannenden zeitgeschichtlichen Kontext gestellt. So werden seltene, ästhetisch ausgesprochen faszinierende Instrumente aus der Physikalischen Sammlung des Klosters Einsiedeln die Vitrine „Jules Verne“ zu einem besonderen Anziehungspunkt machen. „Lesehimmel“Leseecken laden zum Schmökern in Kinder und Jugendbüchern ein. Mehrere Begleitveranstaltungen ergänzen das Programm des „Lesehimmels“.

Die Studentenbibliothek

Aus nahe liegenden Gründen prädestiniert für den Bereich Jugendliteratur ist die Studentenbibliothek der Stiftsschule Einsiedeln. Sie geht mit der Zeit und hat heute auch DVD’s im Angebot. Im Gegensatz zu anderen katholischen Schulbibliotheken, die den in vielen Kreisen verfemten Schriftsteller Karl May aus ihren Beständen verbannten, hat die Studentenbibliothek Einsiedeln den Bestsellerautor immer geführt. So haben sich auch Zeitschriftenbände des „Deutschen Hausschatzes“ erhalten, die Mays Reiseerzählungen erstmals in Fortsetzungen abdruckten. Heute sind sie zu horrenden Preisen gehandelte Sammlerobjekte. Der „Lesehimmel“ zeigt eine Auswahl davon.
Als katholische Institution führte man die Bestsellerautoren aus dem eigenen Lager. So finden sich Bücher von Christoph von Schmid (1768-1854), der als der erfolgreichste Jugendbuchautor seiner Zeit gilt. Mit seinem Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“ ist er in der ganzen Welt bekannt. Häufig firmiert der Autor in seinen vielen Büchern als „Verfasser der Ostereyer“, dem Titel seines bekanntesten Buches. König Ludwig I. erhob ihn 1837 in den Adelsstand. Der legendäre Bestsellerautor erlag 1854 der in Augsburg wütenden Cholera. Der „Lesehimmel“ zeigt einige seiner Werke, darunter auch in der Schweiz gedruckte.
Ein äusserst produktiver und erfolgreicher Jugendschriftsteller war Wilhelm Herchenbach (1818-1889), den die heutigen Literaturgeschichten längst vergessen haben. Im „Lesehimmel“ erlebt er in diesem Sommer mit seinen kulturhistorisch interessanten Büchern ein Comeback. Herchenbach war Privatlehrer von Stephanie von Hohenzollern, der späteren Königin von Portugal, Tochter des Fürsten Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen. Zudem unterrichtete er die Kinder von Robert und Clara Schuhmann während der Konzertreisen ihrer Eltern. „Ein Weisser unter den Wilden Afrikas“, „Edward Anderson, der Seeräuber“ oder „Jungfer Kunigunde Wohlgemuth“ lauteten einige Titel seiner Bücher, die ihm in seiner Heimat den Spitznamen „Lüchherchenbach“ (Lüg-Herchenbach) eintrug.
Titel von ähnlicher Art benutzten Herchenbachs Schriftstellerkollegen Karl Gustav Nieritz (1795-1876) und Franz Hoffmann (1804-1882). Der Jugendliteraturkritiker Heinrich Wolgast fährt in seinem Buch „Das Elend unserer Jugendliteratur“ (1905) mit den beiden scharf ins Gericht. „…Nieritz und Hoffmann haben mehr Unheil angerichtet als alle Indianergeschichten zusammen. […] Ich mag nicht erwägen, wie viel Wirklichkeitsgefühl die Jugend hier einbüsst, wie viel Heuchelei geweckt und gefördert wird, ich will nur konstatieren, dass die Lektüre dieser literarischen Ungeheuer bei der Mehrzahl der jugendlichen Leser eine völlige Verwüstung des poetischen Empfinden anrichten muss. […] Wenn dies Buch nichts anderes zuwege brächte, als das Ansehen von Gustav Nieritz und Franz Hoffmann dauernd zu erschüttern, so wollte ich froh sein; denn mir wäre eine gute Tat gelungen.“ Die Einsiedler Studenten hatten Pech! Ihnen mutete man diesen Schund zu. Auch der „Lesehimmel“ zeigt ihn jetzt ungeniert und hübsch illustriert mit Stahlstichen.
Als weiblicher Karl May bezeichnet, war auch die deutsche Erfolgsschriftstellerin S. Wörishöffer in der Studentenbibliothek vertreten. Velhagen & Klasing, der Verlag von S. Wörishöffer, war allerdings der Meinung, dass derart spannende Jugendromane nur von einem männlichen Autor verfasst sein konnten und flüchtete sich ins Pseudonym S. Wörishöffer. Selbst als man sich zum Abdruck einer Abbildung des vermeintlichen Autors gezwungen sah, nahm man Zuflucht zu einem androgyn anmutenden Portrait. Die Söhne des gehobenen Bürgertums verschlangen die alljährlich für stattliche neun Mark zum Weihnachtsgeschäft erscheinenden, mit Goldprägung versehenen Bücher gierig. Der „Lesehimmel“ verfügt über Bücher dieser antiquarisch gesuchten Autorin.

Trotzli & Co.

Als eine Art katholisches Pendant zur „Mein Name ist Eugen“ des reformierten Pfarrers Klaus Schädelin dürfen Josef Konrad Scheubers bei Benziger in Einsiedeln erschienene „Trotzli“-Bücher bezeichnet werden. Der „Lesehimmel“ zeigt sie vollständig. Jonathan Swift, Daniel Defoe, Walter Scott, Edward Bulwer-Lytton – von ihm ist die erste deutsche Übersetzung des Romans „Die letzten Tage von Pompeii“ aus dem Jahr 1834 im „Lesehimmel“ zu sehen – Jules Verne, Johanna Spyri, Jón Svenson, F. H. Achermann sind weitere Namen, die im „Lesehimmel“ vertreten sind. Von der Illustratorin Tatjana Hauptmann präsentiert die Ausstellung Entwürfe und Originale zu den Bildern für das Buch „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ von Mark Twain. Die Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf ist nebst ihrem Klassiker „Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ mit einer doppelseitig beschriebenen Karte, die sie als Antwort an einen Konventualen des Stiftes Einsiedeln schrieb, vertreten. „Lesehimmel“ ist die Ausstellung mit den interessanten Randnotizen zur grossen Geschichte der Weltliteratur.

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Das Buch zum „Lesehimmel“

Begleitend zur Ausstellung „Lesehimmel – Kinder- und Jugendbücher im Kloster Einsiedeln“ erscheint ein Buch mit dem gleichnamigen Titel, das Erinnerungen von bekannten Persönlichkeiten wie Donna Leon, Martin Suter, Moritz Leuenberger, Emil Steinberger, Ingrid Noll, Charles Clerc, Fredi M. Murer, Walter Andreas Müller, Rolf Lyssy, Jörg Schneider, Milena Moser und vielen anderen an ein erstes prägendes Leseerlebnis enthält. Das Buch „Lesehimmel“ gibt authentisch und amüsant Auskunft über die erste Lieblingslektüre vieler berühmter Zeitgenossen.

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