Kultautorin und androgynen Ikone: Annemarie Schwarzenbach

Schweizerisches Literaturarchiv | Annemarie Schwarzenbach

Publiziert am 06. Dezember 2019

Das SLA erhält eine wertvolle Schenkung. Es sind 40 bisher unbekannte Briefe der 1942 verstorbenen Kultautorin und androgynen Ikone.
Im Nachlass des 2016 verstorbenen Bildhauers Peter Storrer, Sohn des antroposophischen Verlegers Willy Storrer (1895–1930) und der Übersetzerin Florianna Storrer-Madelung (1902–1997), sind zahlreiche Briefe mit bedeutenden Künstler*innen der damaligen Zeit aufgetaucht. Unter anderem 40 Briefe Annemarie Schwarzenbachs aus den Jahren 1937–1942.

Das Schweizerische Literaturarchiv (SLA) ist eine Sektion der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) und wurde 1991 auf Anstoss von Friedrich Dürrenmatt gegründet. Es betreut zahlreiche literarische Nachlässe, Archive und Autorenbibliotheken des 20. und 21. Jahrhunderts.

Literatur- und geistesgeschichtlich aufschlussreich
Das Kernstück des Doppelnachlasses bildet der umfangreiche und literatur- und geistesgeschichtlich aufschlussreiche Briefwechsel Willy und Florianna Storrers mit bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern ihrer Zeit wie Karl Ballmer, Hermann Hesse, Heinrich Mann, Walo von May, Jakob Schaffner, Annemarie Schwarzenbach oder Robert Walser. Der Nachlass befindet sich bereits im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern und wird derzeit erschlossen. Es handelt sich um eine Schenkung der Stadt Zürich aus dem von ihr übernommenen Besitz des 2016 verstorbenen Bildhauers Peter Storrer.

Das Verleger-Ehepaar Storrer
Willy Storrer war von 1921 bis 1925 Sekretär von Rudolf Steiner und an der Planung der ersten Rudolf-Steiner-Schule der Schweiz in Basel beteiligt. Später gründete er den Verlag für freies Geistesleben und gab die kulturphilosophische Zeitschrift «Individualität» heraus, worin Autoren wie Hermann Hesse oder Robert Walser publizierten. Der begeisterte Sportpilot Willy Storrer verunglückte bei einem Flugzeugabsturz 1930 im Alter von nur 34 Jahren. Willy Storrers Frau Florianna arbeitete als Übersetzerin und als Hilfsredakteurin im Feuilleton der Basler National-Zeitung unter Otto Kleiber. Dort lernte sie Annemarie Schwarzenbach kennen, die zahlreiche ihrer Reisereportagen im Feuilleton der National-Zeitung veröffentlichte. In den Jahren 1937 bis 1942 (Schwarzenbachs Todesjahr) entwickelte sich eine enge Freundschaft der beiden Frauen, den die nun zum Vorschein gekommenen Briefe (und weitere Dokumente) Schwarzenbachs gut dokumentieren. Die Schriftstellerin berichtet in diesen rund 40 Briefen aus insgesamt vier Kontinenten sowohl über ihre Reiseeindrücke und ihr Schreiben fürs Feuilleton als auch über Politisches und Privates, etwa ihre leidvollen Drogenentziehungskuren. Der vorliegende Fund ist bedeutsam, weil ein Grossteil der Briefe von und an Schwarzenbach nach ihrem Tod 1942 vernichtet worden ist. – Erst Ende der achtziger Jahre wurden ihre Arbeiten wiederentdeckt, und Annemarie Schwarzenbach wurde zur Kultautorin und androgynen Ikone.

Biographie Annemarie Schwarzenbach
Die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach wurde 1908 in Zürich geboren. Studium der Geschichte in Zürich und Paris. Ab 1930 enge Freundschaft mit Erika und Klaus Mann. 1931 Promotion. 1931 bis 1933 als freie Schriftstellerin zeitweise in Berlin, Beginn ihres Morphiumkonsum. 1933 bis 1934 Vorderasienreisen. 1935 kurze, unglückliche Ehe mit dem französischen Diplomaten Claude Clarac in Persien. 1936 bis 1938 (Foto-)Reportagen im Zusammenhang mit Reisen in die USA, nach Danzig, Moskau, Wien, Prag. Entziehungskuren in der Schweiz. 1939 Reise mit Ella Maillart nach Afghanistan. 1940 Aufenthalt in den USA. 1941/42 in Belgisch-Kongo. Die Journalistin, Schriftstellerin und Fotoreporterin starb 1942 in Sils.

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