Jenny, heute Kunstwerk, vor dem Basler Zoo, wo sie 1928 erschossen wurde.

Naturama Aargau | «Doppelmörderin» Jenny kehrt zurück

Publiziert am 11. Juni 2018

1928 wurde Elefantendame Jenny erschossen. Jwan Luginbühl hat sie 90 Jahre später in ein Kunstobjekt verwandelt.
Jenny hat eine unglaubliche Geschichte hinter sich. Sie wurde in Myanmar geboren, trat im bayrischen Zirkus Krone auf, wurde nach dem Tod des Dompteurs nach Basel in den Zoo gebracht und wegen der tödlichen Auseinandersetzung mit dem Zoowärter erschossen. Nach Stationen in den Naturmuseen von Aarau und Bern wurde sie von Jwan Luginbühl in eine Kunstobjekt verwandelt. Nun kehrt sie auf die Dachterrasse des Naturama Aargau zürück und läutet damit das neue Museumsprogramm ein.

naturama | Museum+Natur | Feerstrasse 17, 5001 Aarau

Das Publikum ist herzlich eingeladen, am Freitag 15. Juni 2018 um 17.00h Jenny in Aarau willkommen zu heissen und zu beobachten, wie sie per Pneukran auf die Terrasse des Naturama Aargau gehoben wird. Im Beisein des Künstlers Jwan Luginbühl.

Als freilebender Elefant in Myanmar geboren
“Miss Jenny” hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie als freilebender Elefant in Myanmar geboren. Sie wurde von Tierhändlern gefangen und nach Europa gebracht, wo sie der bayrische Zirkus Krone übernahm. Die Elefantendame wurde Jenny genannt, gezähmt und musste dem Zirkuspublikum allerlei akrobatische Kunststücke präsentieren.

Notwehr oder Mord?
Damals wurde wohl nicht sehr zimperlich mit Zirkustieren umgegangen. Jenny liess sich aber nicht alles gefallen, wehrte sich und der Dompteur erlag seinen Verletzungen. Damit war Jenny für Zirkuspersonal und das Publikum zu gefährlich geworden. Die Verlegung hinter die sicheren Gitter des Basler Zoos waren die Folgen. Kunststücke musste sie nun zwar keine mehr aufführen, trotzdem war das Gehege sehr eng und der Umgang mit den Tieren wohl auch im Zoo nicht sehr respektvoll. Jenny wehrte sich erneut, der Zoowärter überlebte nicht. Daraufhin wurde sie “hingerichtet”, berichtete die National-Zeitung 1928. Der Elefant sei schon als Zirkustier “durch seine Störrigkeit und Bösartigkeit” aufgefallen, schrieb der Journalist.

Im Güterwaggon per Eisenbahn nach Aarau
Paul Steinmann, Direktor des 1922 eröffneten Museums für Natur- und Heimatkunde in Aarau, erfuhr, dass eine Elefantenhaut zu haben sei und meldete Interesse an. Statt Haut und Knochen kam aber der ganze Elefant per Eisenbahn im Bahnhof Aarau an. Paul Steinmann war glücklicherweise auch «Professor» an der alten Kanti Aarau und holte sich Erzählungen zufolge ein paar seiner Schüler, um den Elefanten gemeinsam vom Fleisch zu befreien. Steinmanns Enkel Johannes Jenny erinnert sich an die Erzählungen seiner Mutter, dass die Knochen zur Reinigung in einem Metall-Käfig für ein paar Tage in die Aare gehängt worden seien. Die Haut wurde zu einem Präparator nach München gesandt. Mit dem Verkauf des Fleisches versuchte Steinmann, dem finanziell nicht auf Rosen gebetteten Museum einen finanziellen Zustupf zu verschaffen. Johannes Jenny dazu: «Mein Onkel meinte jedoch, dass das Elefantenfleisch sehr zäh gewesen sei.»

“Am Helikopter über Bern”
Für die folgenden 70 Jahre war Elefantendame Jenny der Liebling der Kinder im Aarauer Museum. 1998 jedoch wurde das Museum umgebaut zum heutigen Naturama Aargau mit einem Fokus auf die regionale Natur. Die exotischen Tiere hatten keinen Platz mehr und mussten raus. In Aarau aus dem Sammlungskatalog ausgeschieden fand Jenny im Naturhistorischen Museum Bern ein neues Zuhause. Ihren grossen Berner Auftritt hatte sie an der Jahrtausendwende – an der Veranstaltung «Auftakt 2000. Kulturmarkt Bern», die Wissenschaft und Kunst zusammenbrachte. Das Naturhistorische Museum liess die Elefantendame mit einem Helikopter über die Stadt fliegen und auf beim Schwellenmätteli an der Aare absetzen. Das Präparat, das sich in keinem sonderlich guten Zustand befand, fristete fortan ein wenig beachtetes Dasein im Museumsdepot. Da es keine wissenschaftliche Bedeutung hatte, wurde es aus dem Sammlungskatalog ausgeschieden. In einem solchen Fall wird ein Objekt üblicherweise entsorgt. Das Museum entschied sich zu einem eher unkonventionellen Schritt: Miss Jenny im Rahmen des Elefantenjahres einem Künstler zur Verfügung stellen.

Dank Luginbühl wieder knapp der Entsorgung entgangen
In Jwan Luginbühl (Sohn des Eisenplastikers Bernhard Luginbühl) fanden die Berner Museumsleute einen Künstler, der aus dem Elefantenpräparat ein Kunstobjekt kreierte. Er flickte die lädierten Hautstellen. Jenny wurde von Luginbühl auf einen überdachten Metallwagen platziert. “Jenny ist so weit herumgekommen, da ist es gut, Räder unter den Füssen zu haben. Der Wagen ist sozusagen ihr Zügelwagen”, meint Luginbühl dazu.

Jenny bringt Bands und Storyteller ins Naturama
Nach einem weiteren Jahr in Bern und einem Jahr in Luginbühls Garten ist Jenny seit dem 15. Juni 2018 zurück in Aarau. Per Kran und musikalisch begleitet von Šuma Čovjek wurde sie auf die Naturama-Dachterrasse gehievt. Mit der Ankunft von Jenny startet das Naturama sein neues Kulturprogramm «Rüssler» mit Barbetrieb, Konzerten und Storytelling-Anlässen.
Und mit ihrer bewegten Geschichte ist die gute alte Elefantendame auch Teil der aktuellen Sonderausstellung «FRAGILE – gesammelt, gejagt, erforscht». Dort geht es nämlich für einmal nicht in erster Linie um die Biologie, sondern um die Geschichten hinter den ausgestellten Objekten.

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