Ganz so harmlos wie im Film «Pretty Woman» ist der Umgang mit Prostitution zwar nicht, dennoch ist ein Verbot keine Lösung.

Sexarbeit | Freierbestrafung ist keine Lösung

Publiziert am 29. September 2020

Marianne Streiff von der Evangelischen Volkspartei will Freier kriminalisieren. Das ist der falsche Ansatz.

Erfahrungen aus Ländern wie Schweden oder Frankreich zeigen: Die Freierbestrafung funktioniert nicht. Im Gegenteil: Sie drängt das Sexgewerbe in die Illegalität, schadet den Sexarbeitenden und führt zu einer Verschlechterung der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Das ältesten Gewerbe der Welt war und ist auch in der Kultur, in Filmen, Büchern, Bildern ein grosses Thema.
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Der hier publizierte Text ist eine gemeinsame Medienmitteilung von verschiedenen Fach- und Beratungsstellen zum Vorstoss von Marianne Streiff (EVP) zur Einführung der Freierkriminalisierung. arttv.ch publiziert diesen auch wenn es sich nicht um ein Kulturthema im eigentlichen Sinne handelt. Uns ist aber die Diskussion wichtig, gerade weil der Umgang mit dem angeblich ältesten Gewerbe der Welt auch eine kulturelle Dimension hatte und hat.

Von den Erfahrungen aus Schweden und Frankreich lernen
Die Freierbestrafung, das sogenannte Schwedenmodell, schadet den Sexarbeitenden. Es führt zu der absurden Situation, dass die Sexarbeitenden zwar ihr Gewerbe betreiben dürfen, ihre Kunden sich aber strafbar machen. Nur weil der Kauf von Sex verboten wird, bedeutet das nicht, dass die Sexarbeit dadurch verschwinden würde. Im Gegenteil. Erfahrungen aus Ländern wie Schweden zeigen: Das Sexgewerbe wird mit der Einführung der Freierkriminalisierung in die Illegalität abgedrängt. Dort ist die Gefahr von Gewalt und Ausbeutung exponentiell grösser geworden. Sexarbeitende können sich ihre Kunden nicht mehr in Ruhe auswählen und sich nicht mehr zu ihrer Sicherheit gemeinsam organisieren. Sie stehen unter vermehrtem Druck und gehen grössere Risiken ein.

Die Situation in Frankreich ist ähnlich. Eine Studie von Médecins du Monde zeigt, wie sich dort die Situation der Sexarbeitenden verschlechtert hat. Mehr als die Hälfte der Freier verlangt Sex ohne Kondom, die Verbreitung von Syphilis hat zugenommen, und die Repression gegen die Sexarbeitenden durch die Polizei ist stärker als zuvor. Das staatliche Ausstiegsprogramm ist für Migrant*innen, die vulnerabelsten Menschen, kaum zugänglich.

Ein Sexkaufverbot kriminalisiert indirekt die Sexarbeitenden. Dies bedeutet in letzter Konsequenz für sie:
- Beschränkter Zugang zu Beratungsstellen und Gesundheitsversorgung
- Erschwerter Zugang zu Unterstützungsangeboten (für Sexarbeitenden)
- Zunahme von Gewalt und Ausbeutung
- Zunahme der Repression durch die Polizei
- Grössere Stigmatisierung der Sexarbeitenden

Die Haltung der offiziellen Schweiz
Der Bundesrat lehnt die Freierkriminalisierung mit gutem Grund ab. Er kommt in seinem Bericht von 2015 klar zum Schluss, dass das Schwedenmodell keine wirksame Massnahme gegen Menschenhandel ist. Es würde zu einer Gefährdung der Sexarbeitenden führen – sowie zu einer Verschlechterung der hygienischen Bedingungen und damit der öffentlichen Gesundheitsvorsorge. Diese Haltung hat Bundesrat Alain Berset in der Pressekonferenz des BAG vom 6.6.20 bekräftigt.

Bekämpfung von Gewalt durch Entkriminalisierung
Wenn diverse Studien eine hohe Gewaltprävalenz feststellen, so fragt sich, welches Fazit daraus zu ziehen ist. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International sprechen sich für die Legalisierung von Sexarbeit aus, weil die lange Arbeit an der Basis und Auseinandersetzung mit den Betroffenen deutlich macht, dass nur eine Entkriminalisierung der Sexarbeit den Zugang zu (Menschen-)Rechten ermöglicht4.
Wesentlich für die Bekämpfung von Ausbeutung, Gewalt oder Menschenhandel ist die Unterscheidung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel. So wesentlich wie die Unterscheidung zwischen Ehe und häuslicher Gewalt. Nicht die Ehe, sondern die Gewalt in der Ehe, nicht Sexarbeit, sondern Gewalt und Ausbeutung in der Sexarbeit müssen bestraft werden.

Was es wirklich braucht:
Die Freierkriminalisierung trägt das Problem von frauenverachtenden Geschlechterverhältnissen auf dem Rücken der Sexarbeiterinnen aus. Wollen wir als Gesellschaft etwas zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in der Sexarbeit beitragen, müssen wir auf die strukturellen Missstände hinweisen. Das bedeutet, die vollständige Entkriminalisierung der Sexarbeit fordern sowie sichere Migrations- und Arbeitsmöglichkeiten schaffen, und zwar in allen Branchen. Die Armut sollten wir bekämpfen, nicht die Sexarbeit.

Darum fordern Fach- und Beratungsstellen:
• Kein Verbot des Kaufs von sexuellen Dienstleistungen.
• Keine Stigmatisierung von Sexarbeitenden.
• Faire und selbstbestimmte Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende.
• Verbesserter Schutz vor Gewalt für Sexarbeitende.

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