Zur Ausstellung MATERIAL MATTERS findet eine Veranstaltungsreihe statt, die Führungen, Museumsgespräch, Workshops, Kleidertausch-Aktionen und eine Tagung umfasst.

Textilmuseum St. Gallen | Material Matters

Publiziert am 10. Juni 2020

Die aktuelle Ausstellung im Textilmuseum St. Gallen widmet sich textilen Rohstoffen, ihrer Gewinnung und Verarbeitung.

Ausgewählte Kostüme von 1800 bis heute illustrieren die Vielfalt und Schönheit textiler Materialien und zeigen ihren Einfluss auf die Mode im Wandel der Zeit. Die Ausstellung ist vom 6. Juni 2020 bis einschliesslich 21. Februar 2021 im Textilmuseum St. Gallen zu sehen.
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In Zeiten von Fast Fashion und Billigmode droht das Gespür für den Wert von Textilien abhandenzukommen. Dem möchte die Ausstellung «MATERIAL MATTERS. Von der Faser zur Mode» etwas entgegensetzten. Sie informiert umfassend über die aufwendigen und rohstoffintensiven Herstellungsprozesse und führt den Besucher*innen die Schönheit und Vielfalt textiler Objekte vor Augen. Zu sehen ist die Schau bis einschliesslich 21. Februar 2021 im Textilmuseum St. Gallen. Das Faserkabinett wird über die Laufdauer der Ausstellung bis Ende 2021 geöffnet bleiben.

Umwelt und Konsum
Der englische Ausdruck MATERIAL MATTERS lässt sich neutral mit «Materialfragen» übersetzen, er kann aber auch wertend verstanden werden: «Material ist von Bedeutung». Und so vermittelt die Ausstellung einerseits grundlegende Aspekte eines spannenden, uns alle im wahrsten Wortsinn berührenden Themas und stellt die wichtigsten textilen Rohstoffe sowie deren Verarbeitung von der Faser bis zur Mode vor. Darüber hinaus würdigt MATERIAL MATTERS die Bedeutung textiler Materialien in zweierlei Hinsicht: Zum einen geht es um ihren Einfluss auf die Mode aus der Zeit von 1800 bis heute, die von mehr als 60 Kostümen – vorwiegend aus der Sammlung des Textilmuseums – aus den vergangenen 200 Jahren repräsentiert wird. Darüber hinaus beleuchtet das Faserkabinett die ökologischen Auswirkungen der Kultivierung und Verarbeitung textiler Rohstoffe, denn angesichts des aktuellen gesellschaftlichen Diskurses zu Umwelt und Konsum darf sich die Materialfrage heute nicht auf modische Aspekte beschränken.

Material und Mode
Mode im Sinne eines sich verändernden Kleidungsstils ist verschiedensten Einflüssen unterworfen. Ein wesentlicher Faktor für die Gestaltung, aber auch die Funktionalität von Kleidung ist das Material, aus dem sie gefertigt wird. Material und Mode stehen dabei in einer wechselseitigen Beziehung. So zeigt die Modegeschichte wiederholt, dass die Einführung neuer Materialien mit ihren charakteristischen Eigenschaften zu modischen Innovationen geführt hat. Im Gegenzug bevorzugen Modeströmungen und Bekleidungssektoren bestimmte Materialien und nahmen so Einfluss auf wirtschaftliche, soziale und technologische Entwicklungen.

Mode aus Naturfasern
Lange Zeit standen primär Naturfasern wie Leinen oder Wolle zur Verfügung, die in unseren Breiten kultiviert werden konnten. Mit dem Ausbau der Handelssysteme fanden exotische Materialien wie die als Luxusgut geltende Seide oder Baumwolle ihren Weg nach Europa. Darüber hinaus trug der Textilhandel zur Verbreitung technologischen Wissens und kreativer Impulse, also zum Kulturtransfer, bei. Ab dem 18. Jahrhundert wirkte die zunehmende Verfügbarkeit von Baumwolle besonders nachhaltig, sie war mitauslösend für die Industrialisierung und trieb den Prozess massgeblich voran. Hiervon betroffen war auch die Region um St. Gallen, wo bis dahin das Leinen-Gewerbe florierte. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in der Ostschweiz die Baumwollverarbeitung zum tragenden Wirtschaftszweig, der viele weitere Entwicklungen prägte, so auch die in der Mode wichtige Stickerei. Spätestens ab 1850 war Baumwolle der mengenmässig bedeutendste textile Rohstoff der Welt geworden. Das einstige Luxusgut, das anfangs aufwendig verarbeiteten Textilien vorbehalten war, fand zunehmend Verwendung für Alltagsware wie die nach wie vor beliebten Jeans oder das T-Shirt, das zunächst als Unterhemd diente, bevor es in den 1950er-Jahren seinen modischen Siegeszug antrat.

Mode aus Chemiefasern
Künstlich hergestellte Fasern führten zu entscheidenden Veränderungen auf dem Bekleidungssektor. Standen die ersten Kunstseiden anfangs des 20. Jahrhunderts noch im Schatten der altbekannten Naturmaterialien, so wurden sie in den Kriegs- und Krisenjahren bald zu essenziellen Rohstoffen. Cellulosische Chemiefasern wie Viskose oder Acetat eigneten sich als Ersatzmaterial für teure und knappe Materialien wie Seide oder Baumwolle. Ihre Entwicklung war zugleich die Basis für die Herstellung der synthetischen Fasern ab den späten 1930er-Jahren. Polyamid und Polyester prägten die Mode in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Fasern boten auf gestalterischer, aber auch auf funktionaler Ebene einzigartige Möglichkeiten. In den 1970er-Jahren führte der Ölpreisschock zur wirtschaftlichen Rezession, einer zeitweiligen Abkehr von der Konsumkultur und zu einer Steigerung des Umweltbewusstseins. Ein noch andauernder Diskurs über die Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Chemie- und Naturfasern setzte ein. Heute gilt es mehr denn je, ökologische und soziale Forderungen mit unseren Ansprüchen an modische und komfortable Kleidung und den Möglichkeiten der Textilwirtschaft in Einklang zu bringen.

Das Faserkabinett
Einen wichtigen Bereich innerhalb der Ausstellung bildet das Faserkabinett. Hier werden die Produktion und Verarbeitung von natürlichen und künstlichen textilen Rohstoffen von der Faser über das Garn bis zum Stoff detailliert beleuchtet. Interaktive Anwendungen, Mitmach-Stationen und Spiele laden Besucherinnen und Besucher aller Altersgruppen zum Erkunden eines vielschichtigen und spannenden Themas ein. Ein Schwerpunkt liegt auf Fragen zur Umweltverträglichkeit der unterschiedlichen Materialien und Verfahren.

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Material Matters | Textilmuseum St. Gallen | bis 21. Februar 2021

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