Krieg oder Kultur? Gibt Antwort auf eine rhetorische Frage: Noëmi Gradwohl, Kulturredaktorin SRF2 | Krieg oder Kultur? Gibt Antwort auf eine rhetorische Frage: Noëmi Gradwohl, Kulturredaktorin SRF2 © SRF/Meryl Knörle

Was ist besser? Kultur oder Krieg? | Ein Essay von Noëmi Gradwohl

Publiziert am 09. Februar 2017

Eine rhetorische Frage, die einer rhetorischen Antwort bedarf! Noëmi Gradwohl, Kulturjournalistin und Schauspielerin zu einer Frage, die in Zeiten der kulturellen Verrohung und des Machtgebarens besonders wichtig scheint.

Noëmi Gradwohl ist Kulturredaktorin bei Schweizer Radio SRF und Schauspielerin. Sie lebt mit ihrer Familie in der Stadt Bern.

Kultur ist das Fundament der Gesellschaft

Was für eine Frage. Die, so meint man, gar nicht einer ernsten Antwort bedarf. Selbst ein an Kultur mässig interessierter Mensch würde wohl kaum kriegerische Machenschaften den künstlerischen vorziehen.
Und doch: Krieg und Kultur in einem Atemzug zu nennen, ist gar nicht so falsch. Denn es gibt mancherlei Bezüge. Was ist besser – Krieg oder Kultur? Diese rhetorische Frage verlangt nach Rhetorik.
In Zeiten von Diktaturen, Zensur und Krieg, versuchen Machthabende gerne, Kultur zu verbieten. Und weil dies schlecht gelingen kann, dann doch wenigstens einzuschränken, zu kontrollieren und zu manipulieren. Warum?
«Die Kunst ist das Gewissen der Menschheit», formulierte im 19. Jahrhundert der deutsche Dramatiker Friedrich Hebbel. Oder anders ausgedrückt: Kultur bietet der Zivilgesellschaft einen Denkraum. Hier können politische und gesellschaftliche Vorgänge überprüft, ausprobiert und auch verworfen werden. Mit Theater, Literatur, Tanz und Kunst ist eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen möglich. Denken, Weiterdenken ist Macht. Und Macht macht Angst. Vor allem den Mächtigen. Deswegen blüht die Kultur in krisengeschüttelten Ländern oft im Verborgenen. In den Ruinen des Krieges.
Kulturschaffende brauchen zum Ausüben ihrer Tätigkeit Mut. Wenn sie das Gewissen der Menschheit hervorbringen sollen, so brauchen sie zumindest eine gehörige Portion Courage. Ohne die Kultur fehlt der sozialen Gemeinschaft ihr Regulativ. Das Pflänzchen Kultur muss gehegt und gepflegt werden, damit es saftige Wurzeln schlägt und einer Gesellschaft Halt geben kann – auch in stürmischen Zeiten. Und mit ihm ihre Gärtner, die Kulturschaffenden.
Wie beängstigend Kultur sein kann, ist gerade wieder aktuell auch in Syrien zu erleben. Der Islamische Staat hat vor ein paar Tagen einmal mehr das Weltkulturerbe in Palmyra, genauer: das Amphitheater, mit Sprengstoff zerstört. Natürlich, Menschenleben wiegen schwerer als ein paar Denkmäler. Gerade im Bürgerkrieg in Syrien. Dennoch: Was die Islamisten in Palmyra anrichten, ist der Versuch, die nationale Identität auszulöschen. Nimmt man einem Land seine Kultur, dann zerstört man sein Fundament. Dies ist eine weitere Facette der Kultur: Sie gibt Nationen ein Gesicht, verankert sie auf der Landkarte der Geschichte.
Was ist besser – Krieg oder Kultur? Krieg, um es profan zu sagen, ist Unkultur. Ein anderer deutscher Denker, Friedrich Nietzsche, hat gesagt: «Krieg ist ein Winterschlaf der Kultur.» Wer schläft, ist weiterhin existent. Im Winterschlaf funktioniert der Organismus auf Sparflamme. Um danach gestärkt in den Frühling zu starten.
Hoffen wir, dass die Kultur in Kriegsgebieten in der düsteren Nacht des Krieges gut regeneriert, um in der Morgendämmerung des Friedens zu voller Grösse zu erwachen. Krieg transformiert in diesem Sinne die Kultur. Transformation ist Veränderung, im besten Falle sogar Verbesserung.

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