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Portätserie Get Going! | Michael Künstle

Publiziert am 10. September 2019

«Orchestral Spaces» – wenn Musik beim Hören räumlich fassbar wird
Der Komponist Michael Künstle setzt sich in seinem Werk mit dem Wechselspiel von klanglicher Dramaturgie und dramaturgischen Klängen auseinander. Sein Wirken ist vielfältig, vom Klangkünstler über den Singer-Songwriter bis hin zum Filmmusikkomponisten, etwa für «Sohn meines Vaters» oder dem neuen Film von Sabine Boss.

Initialzündung

Als Michael Künstle 2012 den Internationalen Filmmusikwettbewerb des Zurich Film Festivals gewann, kam dies für den damals erst 21-jährigen völlig überraschend. «Ich stand damals erst am Anfang meines Studiums», sagt er heute und fügt gleich hinzu: «Ich begreife erst jetzt die Bedeutung dieses Preises. Er war eine Art Initialzündung. Auch, weil er bis heute eine Kompetenzauszeichnung ist, die einem niemand wegnehmen kann.» Künstle setzte sich damals gegen 144 Mitbewerber*Innen aus 27 Ländern durch, die alle die Vertonung des Kurztrickfilms «Evermore» von Philip Hofmänner zur Aufgabe hatten. Wer sich Künstles Filmversion heute ansieht, kann erahnen, was die Jury damals beeindruckt haben mag. Er verblüffte mit subtilen Klängen, die sich ganz in den Dienst der filmischen Erzählung stellten. Von Gabriel Baurs «Glow» über Jeshua Dreyfus Film «Sohn meines Vaters» bis zu «Cadavre Exquis» von Viola von Scarpatetti, die Liste der Filme, in denen Künstle für den Soundtrack verantwortlich war, wird immer länger.

Wie die Grossen

«Das Tolle an Filmmusik ist, dass sie das Resultat eines engen Austausches mit anderen ist. Ein Film ist ein Zusammenspiel von unzähligen Leuten. Es gilt sämtliche Aspekte wie Kameraführung, Farbsetzung und Ausstattung zu berücksichtigen», erklärt Künstle seine Faszination für das Genre. Die grösste Herausforderung für ihn sei, mit der Musik die Dinge zu sagen, die durch das Visuelle oder das Gesprochene noch nicht gesagt wurden. Dinge, die massgeblich wichtig seien, um die Geschichte richtig zu Ende zu erzählen. Die Begeisterung mit der Künstle sein Fachwissen vermittelt zeugt von Wissensdurst und wirkt im Gespräch ansteckend. Er sprich gerne über das kompositorische Wissen eines Bernard Herrmanns oder über John Williams, dessen Werke ohne Film klar wie Orchesterwerke klängen, und dennoch perfekt auf den Film abgestimmt seien. Künstle weiss: «Das ist unglaublich schwierig zu bewerkstelligen, weil die symphonische Musik traditionellerweise dichtere Erzählstrukturen erlaubt als ein Film.»

Formen des Komponierens

Obwohl er in seiner eigenen Arbeit zwischen Konzertmusik und Filmmusik klar unterscheidet, gibt er zu, dass man das eine, wenn man das andere macht, nie gänzlich abstellen könne. Elemente, die er in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Gabriel Baur für den Film «Glow» erarbeitet hatte, flossen in das Stück «Résonance» ein, das 2016 vom «Trio Eclipse» aufgeführt wurde. In seiner Konzertmusik ginge es aber hauptsächlich um kompositorische Formen und strukturelle Idee, die sich im Film nicht umsetzen liessen. Aus einem anderen wichtigen Aspekt in Künstles Schaffen ist letztlich auch die Idee für das Projekt entstanden, das nun von der FONDATION SUISA im Rahmen von «Get Going!» mitfinanziert wird. Künstle verfolgt eine Philosophie des «Echten». Dazu gehört für ihn eine möglichst genaue Abbildung einer Aufführung durch modernste Aufnahmemöglichkeiten.

Get Going!

Gemeinsam mit seinem Arbeitspartner Daniel Dettwiler, der in Basel das Studio «Idee und Klang» leitet und seit Jahren an neuen Aufnahmemöglichkeiten forscht, möchte Künstle versuchen, eine Raum-Komposition zu schaffen, mit der Klang und Raum auf eine noch nie da gewesene Weise auditiv erlebbar werden. «In der zeitgenössischen Musik setzt man den Raum oft mit anderen kompositorischen Elementen, wie Motiv oder Rhythmus, gleich. Der Raum geht als wesentlicher Aspekt in der Aufnahme häufig verloren», erläutert er den Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Er will erreichen, dass man den dreidimensionalen Raum, der vom Orchester während der Aufnahme ausgefüllt wurde, mit Kopfhörern so hört, als könne man die Musik förmlich anfassen. Lange Jahre war die Erforschung und in gewisser Weise auch die Eroberung des «Orchestral Spaces» für Künstle nur eine Idee. Künstle betont, man könne es nur in einem Studio mit dem bestmöglichen Klang und den besten Mikrophonen umsetzen. Dank «Get Going!» wird nun dieser nächste Schritt in dieser audiophilen Revolution Realität, und zwar in den altehrwürdigen Abbey Road Studios in London mit einem 80-köpfigen Orchester. Dafür wird Künstle eine Komposition schreiben, in der der Aufnahmeraum eine zentrale Rolle spielt. «Ich möchte den Kompositionsprozess umdrehen», unterstreicht er das Anliegen seines Projektes. Das sei wie bei der Filmmusik, fügt er noch an. Auch dort gehe man zuallererst vom Gehörten aus. Womit der Kreis wieder geschlossen wäre.

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