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«Tolerant? Sind wir selber #1» von Angelina Maccarone und Carolin Emcke

Interview | Pink Apple Festival Award | Angelina Maccarone

Publiziert am 12. April 2022

Eine Regisseurin, die in ihren Filmen beeindruckende Frauen ins Zentrum stellt und Wegweisendes für das lesbische Filmschaffen geleistet hat.

Der Blick – auf eine Person, eine Geschichte, die Leinwand – ist als inhärentes Element des Films unabdingbar. In «The Look» (D 2011) beleuchtet Angelina Maccarone das Leben Charlotte Ramplings aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Regisseurin selbst sagt, es sei unter anderem diese Ambiguität eines Blicks, die sie interessiere: Aktiv und passiv zugleich, beobachtend und beobachtet bewegen wir uns durch die Welt.
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Die deutsche Filmregisseurin und Drehbuchautorin Angelina Maccarone schrieb schon 1995 Lesbenfilmgeschichte, als ihr Filmdebüt «Kommt Mausi raus?!» zur besten Sendezeit auf ARD ausgestrahlt wurde. Seiner Zeit voraus war auch das Liebesdrama «Alles wird gut» (1998), und «Fremde Haut» (2005) wiederum thematisierte Migration und Gender. In ihren Werken verknüpft Angelina Maccarone Identität und Fremdheit, Politisches und Privates, Feminismus und lesbische Liebe. Ihre Filme liefen auf internationalen Filmfestivals, wo sie diverse Preise gewann, so zum Beispiel den Goldenen Leoparden in Locarno. Ihr erster Dokumentarfilm «Charlotte Rampling: The Look» – über und mit Schauspielerin Charlotte Rampling – feierte 2011 in Cannes Premiere. Im selben Jahr war sie mit «Kommt Mausi raus?!» Gast am Pink Apple. 2014 schrieb und produzierte sie gemeinsam mit Carolin Emcke eine Internet- und Kinokampagne gegen Homophobie: «Tolerant? Sind wir selber!». Angelina Maccarone lebt in Berlin, wo sie ihren nächsten Kinospielfilm «Klandestin» vorbereitet. Für das Drehbuch wurde sie mit dem Deutschen Drehbuchpreis Lola ausgezeichnet. Seit 2014 ist sie zudem Professorin für Regie an der Filmuniversität Babelsberg. Wir dürfen uns am 25. Pink Apple also auf tolle Filme dieser bemerkenswerten Filmschaffenden freuen.

Angelina Maccarone im Interview

von Doris Senn

Angelina Maccarone, Ihr allererster Film, für den Sie das Drehbuch und die Co-Regie gemacht haben, war ein beachtlicher Erfolg: Das Erste Deutsche Fernsehen strahlte 1995 «Kommt Mausi raus?!» zur besten Sendezeit aus. Ist diese charmante Coming-out-Story einer jungen Frau, die von der tiefen Provinz nach Hamburg zieht, ihre ersten Schritte in der Szene tut und dann ihr Lesbischsein nicht nur ihrer Mutter, sondern irgendwie auch dem ganzen Dorf mitteilt – eine autobiografische Geschichte?
«Kommt Mausi raus?!» enthält durchaus autobiografische Elemente – so, wie Geschichten auf einer tieferen Ebene vielleicht immer autobiografisch sind. Selbst in einer Mainstream-Komödie. Es war auf jeden Fall die Geschichte, die ich damals sehen wollte. Der Weg aus dem Kleinkaff [A.M. stammt aus Pulheim in der Nähe von Köln, Anm. der Red.] nach Hamburg war für mich tatsächlich ein grosser Schritt. Natürlich hab ich mein Leben nicht eins zu eins aufnotiert, sondern verdichtet. Aber «Mausi» hat durchaus verschiedene Aspekte, die sehr nah an meiner Erlebniswelt damals sind.

1997 folgte «Alles wird gut», eine Produktion für den NDR – wieder eine Lesbenstory, diesmal mit schwarzen Protagonistinnen und einer forschen Thematisierung von Rassismus. Zudem gab es viel Nacktheit, viel Sex – wie waren die Reaktionen des TV-Publikums?
Es gab wie auch bei «Mausi» eine grosse Zustimmungswelle: sehr viele positive Reaktionen von jungen Frauen, die sich darin wiedergefunden haben. Aber es gab auch einige ‹Hate Mails› – in Papierform: als Briefe oder Postkarten an den Sender. Und anscheinend gab es auch innerhalb des Rundfunks eine gewisse Irritation: Die Redakteurin musste vor den Rundfunkrat wegen sogenannter ‹expliziter Szenen› – weil Schamhaare zu sehen waren und eine Hand in der Nähe … Der Film wurde leider bisher nur ein einziges Mal gesendet. Obwohl der Film damals – ohne dass das Wort schon geläufig war – «Intersektionalität» abbildete. Das heisst: eine lesbische Geschichte und das mit zwei schwarzen Frauen. Es wäre toll, wenn die ARD den Film aus den Untiefen erlösen und ihn noch mal zeigen würde. Jetzt wäre die Zeit perfekt dafür.

Die Neunzigerjahre sind die Jahre des New Queer Cinema in den USA – der Entstehung eines unabhängigen Kinos, in dem Filmschaffende im Zug der LGBT-Emanzipation ihren Alltag aus ihrem ganz persönlichen Erleben auf die Leinwand brachten. Haben Sie sich davon inspirieren lassen?
Ich glaube, dass ich mit «Mausi» ziemlich weit vorne dabei war. Als ich anfing, am Drehbuch zu schreiben, 1991, war der Begriff noch gar nicht da. Was mich damals vor allem umtrieb, war das Fehlen von lesbischer Repräsentation – das war mein Motor für den Film.

Wie sehen Sie die Veränderungen in Bezug auf LGBT-Filmprojekte seither?
Ich sehe vor allem viele queere Nebenfiguren. Bekomme aber mit, dass – wenn die Hauptfiguren queer sind – unweigerlich angenommen wird, dass das als eigenes Thema im Zentrum steht. Leider scheinen einige sogenannte Entscheider:innen noch nicht so weit beziehungsweise bereit zu sein – wir wären es ja schon lange –, dass es Protagonist:innen gibt, die wen immer lieben und wie auch immer unterwegs sind, ohne dass das ständig der Hauptfokus der Geschichte sein und erklärt werden muss. Aber das Prinzip von: Diese Figur «happens to be» lesbisch, schwul, bi, trans, was auch immer – davon sind wir leider immer noch weit entfernt.

Haben Sie denn selbst in jüngerer Zeit ein LGBT-Projekt vorangetrieben und entsprechende Erfahrungen gesammelt?
Ich versuche seit einigen Jahren, einen Film mit dem Arbeitstitel «Klandestin» zu finanzieren, für den ich 2017 den Deutschen Drehbuchpreis für das «beste unverfilmte Drehbuch» erhalten habe. Da warten wir genau zum jetzigen Zeitpunkt auf eine letzte Förderentscheidung, von der abhängt, ob wir den Film überhaupt drehen können. Dabei wurde in Besprechungen immer wieder kritisch bemerkt, dass es darin eine schwule Figur gibt – ein älterer Mann, der einen sehr viel jüngeren begehrt. Ich habe mich oft gefragt, ob dies auch so problematisiert worden wäre, wenn es sich um eine sehr junge Frau handeln würde. Es ist ja kein Geheimnis, dass es gerade sowieso schwierig ist, Kino zu machen – und damit ist leider auch die Bereitschaft wieder kleiner geworden, Figuren jenseits des Mainstreams zu erzählen.

2014 haben Sie zusammen mit Carolin Emcke drei Videoclips zur Akzeptanz von LGBT gemacht: «Tolerant? Sind wir selber». Könnten Sie dazu etwas sagen?
Carolin kam damals auf mich zu – in einer Zeit, als in Talkshows plötzlich wieder Leute sassen, die über Homosexualität redeten, als sei das eine Art Krankheit. Dies, im Zuge einer überängstlichen, homophoben Gegenbewegung gegen die Abbildung von Regenbogenfamilien in Schulbüchern. In den drei Spots, die wir dann in Windeseile produziert haben, stellen wir das Prinzip der Toleranz auf den Kopf. Weil «Toleranz» sonst immer in eine Richtung läuft – von einer (in diesem Fall heterosexuellen) Mehrheit gegenüber einer (lesbisch-schwulen) sogenannten Minderheit, wollten wir den Begriff umdrehen – aus einem Gefühl des Widerstands. Die drei Clips zu realisieren, hat viel Spass gemacht, Carolin und ich haben uns dabei super ergänzt.

In jungen Jahren haben Sie Liedtexte für Udo Lindenberg geschrieben. Im Film «Fremde Haut» von 2005 – einem Migrationsdrama über eine lesbische Iranerin – läuft über dem Abspann ein Lied, das Sie selbst geschrieben haben und singen: «Point of No Return». Wäre Musik auch eine Karrieremöglichkeit gewesen und wieso wurde es dann doch Film?
Ich glaube, dass ich die bessere Regisseurin als Sängerin bin. Aber die Musik ist auf jeden Fall immer noch eine Leidenschaft von mir, gerade in letzter Zeit hab ich das wieder für mich entdeckt. Und ich finde das nach wie vor den absolut tollsten Beruf. Aber ich glaube, es gibt einfach Leute, die das wahnsinnig gut können, nichtsdestotrotz mach ich es immer noch sehr gerne.

Sie haben mit Stars wie Jasmin Tabatabai gedreht, mit Hannelore Elsner und Maren Kroymann. In einem Interview haben Sie mal gesagt, dass Sie wahnsinnig gern mit Gena Rowlands arbeiten würden – tatsächlich entstand dann ein filmisches «Selbstporträt» mit Charlotte Rampling, «The Look» (2011), das auf dem Festival in Cannes lief …Wie kam es dazu und was fasziniert Sie an der Zusammenarbeit mit namhaften Schauspielerinnen?
Alle Genannten finde ich sind tolle Schauspielerinnen, weil sie es schaffen, ihre Figuren zu ver-«körpern» – mit der Aura, die sie mitbringen, und mit einer ihnen eigenen Durchlässigkeit – und so etwas übers Menschsein zu erzählen. Auch wenn das nun vielleicht etwas pathetisch klingt. Ich glaube, die grösste Kunst im Schauspiel ist, sich tief mit den Gefühlen zu verbinden und eine solche Durchlässigkeit zu haben. Das fasziniert mich. Das Wissen um Gefühle, gepaart mit Intelligenz. Die genannten Akteurinnen bringen alle eine besondere Kraft mit und riskieren auch etwas, geben sich voll rein. Sie verkörpern die Figuren, die sie spielen, ganz und gar uneitel und dadurch dann wunderschön.

Was ist Ihr nächstes Projekt?
Ich überarbeite gerade ein Buch, das ich geschrieben habe, eine Autofiktion. Es geht um eine Regisseurin, die versucht, einen Film zu machen und damit scheitert. Das könnte mich nun einholen, was ich nicht hoffe. Es gibt einen Kinofilm, den ich wirklich drehen will, aber die Finanzierung gestaltet sich leider sehr zäh. Wir befinden uns in grossen Umbrüchen, und das gilt auch für das Kino. Im Roman, der auch witzig ist, geht es um meine Erfahrungen in dieser
(Film-)Welt und mein Nachdenken über: Worum gehts eigentlich im Leben? Und: Wer bin ich, wenn ich keine Filme mehr machen kann?

Was wir alle nicht hoffen! Wir drücken die Daumen für die Förderentscheidung – und gratulieren einstweilen ganz herzlich zum Pink Apple Festival Award!

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