Er war einer der kreativsten Köpfe der Zürcher Jungunruhen: Frey Meier

Zürcher Jugendunruhen | Interview | Fredy Meier

Publiziert am 19. Januar 2021

Er war einer der kreativsten Köpfe der Zürcher Jugendunruhen vor rund 40 Jahren: Der Linksaktivist Fredy Meier.

Im Film «Der Spitzel und die Chaoten», der an den Solothurner Filmtagen gezeigt wurde, trifft Fredy Meier nach Jahrzehnten auf seinen ehemaligen Widersacher, den Polizeispitzel Willy Schaffner. Wie haben Meiers ehemalige Mitstreiter*innen auf den Film reagiert und was macht der unerschrockene Politaktivist heute? arttv.ch hat nachgefragt.
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Welche Projekte verfolgt Fredy Meier aktuell?
Ich arbeite an einem Film über Rudolf Minger. Der Arbeitstitel lautet: Bundesrat Minger und die Frauen. Wenn wir Fotos aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges anschauen, kommen da meist Männer in Uniform und Politiker vor. In der Zeit der Grenzbesetzung gab es Hunderttausende von Frauen, die die Höfe gemanaget haben. Die Apotheke, die Bäckerei usw., Frauen leisteten eine grosse Arbeit. Wir könnten auf die Idee kommen, nach dem Krieg hätten die Frauen das Stimm- und Wahlrecht bekommen. Als Anerkennung für ihren Einsatz. Wir wissen, es war nicht so. Es dauerte noch 25 Jahre, bis sie politisch gleichberechtigt waren. Dem möchte ich nachgehen. Welche Initiativen gab es, wie wurden die Forderungen unterdrückt? Ich werde mit feministischen Historikerinnen zusammenarbeiten.

Die zweite Sache, an der ich arbeite, ist ein Buch über sexuelle Fantasien. Es werden mir rund mir 40 Menschen ihre Fantasien zur Verfügung stellen. Im Buch wird nicht ersichtlich sein, von wem welcher Beitrag ist. Die Leute entscheiden, ob sie im Vorspann namentlich auftreten wollen. Für mich ist es wichtig, dass neben der ganzen Pornoladung die eigenen Fantasien einen Platz haben. Wir sollten uns das nicht nehmen lassen. Für eine gute Sexualität sind die eigenen Fantasien sehr wichtig. Und wenn wir es dann einmal schaffen, in unseren Beziehungen zu diesen Fantasien zu stehen, könnte es für beide Partner aufregender werden. Die Gespräche mit den möglichen Autor*innen sollen nicht nur spannend sein, sondern auch vieles zu lachen bieten.

Fredy Meier, Sie begegnen dem Undercover-Polizisten Willy Schaffner mit viel Goodwill, Loyalität, ja sogar Menschenliebe. Diese Haltung hat uns beeindruckt. Konnten alle Ihre Mitstreiter*innen der damaligen Zeit Ihre versöhnliche Haltung nachvollziehen?
Kategorisch NEIN! Einige finden auch heute noch, dass man zusammen mit einem «Schmier» einfach keine Filme macht. Für die ist das nach wie vor ein No Go!

Aber es gab auch andere Reaktionen?
Ja sicher, überrascht hat mich insbesondere die Reaktion einer Kollegin, die damals in der Szene sehr militant unterwegs war. Sie fand, der Film sei ein gutes Dokument der damaligen Geschehnisse und die Annäherung von zwei sehr unterschiedlichen Menschen habe sie berührt. Ihre Haltung hat mich überrascht.

Wie empfanden Sie nach all den Jahren die Begegnung mit Willy Schaffner, dem Polizeispitzel?
Sehr angenehm. Willy hat über die Jahre viel reflektiert und seine damalige Haltung hinterfragt, da hat seine Frau Margrith einen sehr positiven Einfluss gehabt. Am Ende seiner beruflichen Tätigkeit wurde er immer mehr zum Vermittler, z. B. wenn es um Hausbesetzungen ging.

War der Film die erste Annäherung zwischen Ihnen beiden?
Nein, ich hatte schon zuvor das Buch von Tanja Polly gelesen, das sie über Willy geschrieben hat (Das Doppelleben des Polizisten Willy S. | Wörterseh Verlag). Nach der Lektüre bin ich sofort ins Urnerische Gurtnellen gefahren und habe Willy und seine Frau besucht. Es war alles sehr herzlich. Ich bin dann grad vier Tage dort geblieben.

Sie hatten keine Berührungsängste?
Ich bin in der Schweiz vermutlich der einzige linke ehemalige Kampf-Anarchist, der keine Berührungsängste hat, auch mit konträr Anders-Denkenden nicht.

Das zeigt sich auch an Ihrem neuen Projekt.
Genau, ich bin an einem Film über den legendären Bundesrat Rudolf Minger (1881 bis 1955), Mitglied der Bauernpartei, heute SVP. Für mein Projekt habe ich auch Christoph Blocher angefragt, denn ich bin sicher, er hätte viel Essenzielles zur Geschichte beizutragen. Minger und Blocher haben erstaunliche Parallelen, sie sprechen beide eine Sprache, die verständlich ist. Es sind beide grosse Redner, beides Menschen, die sehr authentisch wirken.

Zurück zu den Jugendunruhen. Sie traten zusammen mit Hayat Jamal Aldin, der Schwester des Filmregisseurs Samir, in einer Politdiskussion des Schweizer Fernsehens auf. Dieser legendäre TV-Moment ist vermutlich den meisten bekannt. (siehe Link zur Sendung). In der Rolle als Herr und Frau Müller provozierten Sie das ganze Land. Wie kam es dazu?
Wir wurden demokratisch von der Bewegung ausgewählt. Statt das zu vertreten, was wir dachten, sagten wir in der Sendung genau das Gegenteil: Man solle statt des ‹harmlosen Tränengases› Napalm-Gift verwenden, alle Aktivisten nach Moskau abschieben oder sie an die Wand stellen und erschiessen. Das hat natürlich irritiert.

Sie organisierten auch Nackt-Demos und bestellten einmal als falscher Uni-Professor acht Kubikmeter Sand auf Kosten der Universität Zürich. Was hatte diese Aktion mit den Jugendunruhen zu tun?
Heinz Niggi, damals Teil des Lehrkörpers, filmte die Krawalle vor dem Opernhaus. Er zeigte seine Aufnahmen an der Uni. Der damalige Erziehungsredaktor Alfred Gilgen liess den Film aber beschlagnahmen. Darauf wurde eine Protestaktion von den Student*innen gestartet, die sie «Spieltag» nannten. Statt zu studieren wurde «Gejasst» oder Frisbee gespielt. Ich fand das alles etwas brav. Darum rief ich als falscher Professor ein Kieswerk an, sie sollen sofort eine Ladung Sand liefern. Das wurde gemacht und die Leute fingen an, in der Aula Sandburgen zu bauen. Eine Gruppe kreierte ein riesiges Fabeltier.

Aus mehr als 40 Jahren Distanz, wie beurteilen Sie Ihre damaligen Aktionen?
Ich blicke entspannt zurück und finde noch heute, es waren gute und richtige Aktionen. Allerdings waren nicht alle so friedlich wie die mit dem Sand und es gab auch viele gähnend langweilige Diskussionen. Da haben ich mich jeweils abgesetzt und diese Zeit lieber für Sex mit meiner Freundin genutzt.

Für Letzteres mussten Sie ja sicher nicht ich den Knast. Für was waren die 14 Monate, die Ihnen das Geschworenengericht aufgebrummt hat? Das wird nicht grundlos gewesen sein?
Doch! Nach der Müller-Sendung war mein Bild auf jedem Polizeiposten in Zürich präsent. Es wurden ungefähr zehn Leute als Rädelsführer betrachtet. Ich war einer davon.

Waren wirklich alle Anklagepunkte falsch?
Nein, zugegebenermassen einer der Anklagepunkte war richtig: Benutzung von öffentlichem Luftraum zu politischen Zwecken. Wir hatten über dem Eingang zur Strafanstalt Regensdorf ein Transparent angebracht mit der Inschrift: Isolationshaft ist Folter. Aber alle anderen Punkte, die man mir vorgeworfen hat, waren haltlos: Gewalt und Drohung gegen Beamte, Anzünden von Containern usw. insgesamt ungefähr zehn Dinge. Selbst rechtsgerichtete Richter meinten später, auch wenn ich das alles wirklich gemacht hätte, wäre nur eine bedingte Strafe angezeigt gewesen.

Das tönt nach Staatsversagen?
Ja, aber noch viel schlimmer empfand ich, dass der damalige SP Staatsanwalt Marcel Bertschi von mir forderte, ein Schuld- und Reuebekenntnis abzulegen, nur dann hätte er für einen Bedingten plädiert. Darauf bin ich natürlich nicht eingegangen. Das mit Bertschi hat mein Vertrauen in die Linke ziemlich erschüttert.

Zum Schluss: Für was würden Sie sich heute nochmals so bedingungslos engagieren?
Klar fürs Klima! Ich war an einigen Demos, da habe ich auch Mitstreiter*innen von damals getroffen, aber leider nur sehr wenige. Viele andere von früher sagten mir: «Wir haben unser Dings gemacht, jetzt sollen sich die Jüngeren engagieren.» Diese Haltung kann ich nicht nachvollziehen.

Interview: Felix Schener arttv.ch

Ein ausführliches Porträt über Fredy Meier finden Sie im Magazin des Tagesanzeigers von 8. November 2020.

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Der Film «Der Spitzel und die Chaoten – Die Zürcher Jugendbewegung 1980» des Regisseurs Felice Zenoni lief im Rahmen der Solothurner Filmtage 2021

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