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Museum Fram Einsiedeln | Benziger Archiv

Publiziert am 05. Dezember 2021

Einblicke in eine fast in Vergessenheit geratene erfolgreiche Schweizer Verlagsgeschichte

Das in Einsiedeln ansässige, international tätige Verlagsunternehmen Benziger war bis in die 1960-er Jahre eines der grössten Arbeitgeber im Kanton Schwyz. Angefangen hatte alles mit dem Devotionaliengeschäft, der Verlag pflegte an seinen Anfängen einen engen Bezug zur katholischen Kirche und weitete seine Arbeit später auf Belletristik, Jugendliteratur und Schulbücher aus. Heute beherbergt das Museum Fram den vielfältigen Nachlass der einstigen Verlagsdynastie.
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2003 ging das Nachlassarchiv des Benziger Verlags in die Stiftung Kulturerbe Einsiedeln über. Es ist mit rund 700 Laufmetern an historischem Archivmaterial eines der grössten und bedeutendsten Verlagsarchive der Schweiz. Es umfasst neben den Verlagswerken umfangreiche Nachlässe aus der Verlegerfamilie Benziger und der späteren Direktorendynastie Bettschart, Verwaltungsakten, Korrespondenz mit Autoren und Künstlern sowie ein bedeutendes Bildarchiv.

Die Anfänge im Jahr 1792

Die Wurzeln des Benziger Verlags (Verlage) reichen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück, als Vorfahren der späteren Firmeninhaber im Wallfahrtsort Einsiedeln einen kleinen Handel mit Devotionalien und Rosenkränzen betrieben. Im späten 19. Jahrhundert wurde das Jahr 1792 als Gründungsjahr festgelegt. Damals hatte Johann Baptist Karl Benziger-Schädler (1719-1801) sein Devotionaliengeschäft zeitweise mit jenem des Klosters Einsiedeln vereint. 1798 übernahmen Mitglieder der Familie Benziger zusammen mit weiteren Teilhabern überdies den Bücherverlag und die Druckerei des vorübergehend aufgehobenen Klosters, welches diese Gewerbe zuvor kontrolliert hatte. 1818 gründete Josef Karl Benziger den Verlag Josef Karl Benziger, den 1833 seine beiden Söhne Karl und Nikolaus Benziger übernahmen und in eine Kollektivgesellschaft mit dem Namen Gebr. Karl & Nicolaus Benziger umwandelten. Im selben Jahr richteten sie eine erste neue Buchdruckerei ein. Es folgten eine lithografische Anstalt (um 1835), eine fabrikmässig betriebene Buchbinderei (um 1845) sowie eine Stahl- und Kupferdruckerei (1856).

Drucken mit Päpstlicher Anerkennung

Das Verlagsprogramm bestand in erster Linie aus Andachtsbildern, Gebetbüchern und katholischer Volksliteratur. Um 1860 übernahmen je drei Söhne der beiden Inhaber das Verlagsgeschäft und dehnten es weiter aus, unter anderem durch die Integration weiterer Reproduktionsverfahren wie der Zinkografie (1863) und der Xylografie (1866). Das Programm des Verlags wurde um Farbendruckbilder, theologische und kirchenhistorische Werke, katholische Belletristik und Unterhaltungszeitschriften (z.B. Alte und Neue Welt) erweitert. Die Zahl der Angestellten in Einsiedeln stieg zwischen 1850 und 1880 von rund 500 auf bis zu 900 an. Diese Expansion erfolgte in regem Austausch mit kirchlichen Institutionen. 1867 erhielt der Verlag die offizielle päpstliche Anerkennung «Typographen des Heiligen Apostolischen Stuhls».

Expansion nach Amerika

1853 gründete der Benziger Verlag in New York eine erste überseeische Filiale, nachdem Kontakte in die USA schon ab den 1830er Jahren über Auswanderer aus der Region sowie deutschsprachige Missionare geknüpft worden waren. Es folgten weitere Niederlassungen in Cincinnati (1860), St. Louis (1875), Chicago (1887), San Francisco (1929) sowie vorübergehend in Mexiko-Stadt (1912). In den USA vertrieb der Verlag zunächst vor allem volkstümliche katholische Literatur unter den deutschsprachigen Einwander*innen. Ab den 1870er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend auf ein englischsprachiges Programm. Ertragreich war überdies der Import von Kirchenornamenten, religiösen Statuen und Paramenten aus Deutschland und Frankreich. 1894 bezog die Firma in Brooklyn eine eigene Fabrik zur Herstellung von Gegenständen für die Kirchenausstattung wie Kreuzen, Kelchen oder Kandelabern. Die organisatorische Trennung des Einsiedler Mutterhauses und der amerikanischen Filialen wurde 1897 vollzogen.

Benziger & Co – und die Frauen

In Europa waren Deutschland und in zweiter Linie Frankreich die mit Abstand wichtigsten Absatzmärkte. Der Verlag errichtete Filialen in Waldshut (1887), Köln (1894), Paris (1899) und Strassburg (1912). Er bediente aber auch andere Sprachregionen; bis zum Ersten Weltkrieg erschienen bei Benziger Bücher in über 20 Sprachen. Die Buch-, Stein- und Stahldruckereien (grafisches Gewerbe) gehörten um 1900 zu den grössten und fortschrittlichsten der Schweiz. Um die Jahrhundertwende druckte Benziger im Auftrag der Kantone und später des Bundes auch Banknoten. 1883 nahm die Firma die Form einer Kommanditgesellschaft an, 1887 änderte sie den Namen in Benziger & Co. und 1897 wurde sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Dem siebenköpfigen Verwaltungsrat gehörten zunächst ausschliesslich Angehörige der Besitzerfamilie an. Die Frauen übernahmen in der Anfangsphase des Familienunternehmens wohl wie ihre männlichen Verwandten verschiedene Aufgaben im Geschäft. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird ihre Mitarbeit weniger fassbar, mit Ausnahme des Devotionalienhandels, der bei Benziger eine ausgeprägte Frauendomäne darstellte. Ab 1897 waren weibliche Mitglieder der Familie auch als Aktionärinnen an der Firma beteiligt.

Ein Wandel, der das Ende bedeutete

Der Erste Weltkrieg bedeutete eine tiefe Zäsur in der Firmengeschichte. Zu Beginn der 1920er Jahre stand der Benziger Verlag vor dem Konkurs und musste von Grund auf saniert werden. Die Zahl der Angestellten halbierte sich in wenigen Jahren auf weniger als 300. Die Familie Benziger zog sich nach fünf Generationen aus dem operativen Geschäft zurück und wurde von der Familie Bettschart abgelöst. Unter der Direktion von Oskar Bettschart und Gustav Keckeis und später deren Söhnen Oscar Bettschart und Peter Keckeis erhielt das Verlagsprogramm in den 1930er Jahren und dann vor allem in der Nachkriegszeit ein neues Gepräge. Der traditionell wichtige Bilderverlag verlor an Bedeutung, während Belletristik, Jugendliteratur und Schulbücher in den Vordergrund rückten. Grosse Ausstrahlungskraft erlangte das fortschrittliche theologische Programm, mit dem der Benziger Verlag in den 1960er Jahren dem vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestossenen kirchlichen Aufbruch Rechnung trug. Zu Beginn der 1980er Jahre geriet der Benziger Verlag in finanzielle Schieflage, 1984 wurde er von der Rheinpfalz Verlagsgruppe in Ludwigshafen aufgekauft. Es folgten weitere Übernahmen und die Trennung des Verlagsgeschäfts von den technischen Betrieben. 1995 wurde der Standort Einsiedeln definitiv geschlossen. Der Benziger Verlag war im 19. Jahrhundert ein Motor der regionalen Entwicklung und während rund 150 Jahren der grösste Arbeitgeber Einsiedelns. Er errichtete 1876 das erste Gaswerk in der Region und förderte den Anschluss Einsiedelns an das Bahnnetz, der 1877 erfolgte. Der ökonomische Erfolg basierte auf der Einbindung in transnationale katholische Netzwerke. Die Verleger arbeiteten mit bekannten katholischen Literaten, Künstlern und Theologen zusammen und profitierten in mehrfacher Hinsicht von der Unterstützung kirchlicher Institutionen und Würdenträger.

Nauer, Heinz: “Benziger Verlag”, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 10.12.2019. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/058085/2019-12-10/, konsultiert am 06.12.2021.

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Benziger Archiv | Museum Fram Einsiedeln

Buchtipp | Fromme Industrie – Der Benziger Verlag Einsiedeln 1750-1970 | Autor: Heinz Nauer | Erscheinungsjahr: 2017 | 396 Seiten | ISBN: 978-3-03919-433-9 | Verlang: Hier und Jetzt

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