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Schweizerische Nationalbibliothek | Jetzt wählen! Über das Recht auf eine Stimme

Publiziert am 07. September 2021

Die Schweizerische Nationalbibliothek geht der politischen und kulturellen Teilhabe in der Schweiz auf den Grund

Die Ausstellung widmet sich dem Thema der politischen und kulturellen Partizipation in der Schweiz und den Menschen, die kein Recht auf eine Stimme hatten bzw. haben oder dieses nicht wahrnehmen: Frauen, Menschen ohne Schweizerpass, unter 18-Jährige, als unmündig Erklärte und Wahlabstinente. Im Zentrum stehen die Schriftstellerin Alice Ceresa, die Autorin Mariella Mehr und die Künstlerin Doris Stauffer, drei Schweizerinnen, die sich allen Widerständen zum Trotz Gehör verschaffen konnten.
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Das Recht auf eine Stimme

Die Stimmbevölkerung der Schweiz verdoppelte sich vor fünfzig Jahren auf einen Schlag. Für die eidgenössische Demokratie bedeutete die Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen 1971 den grössten Zuwachs ihrer Geschichte. Heute bleiben Ausländer*innen, Minderjährige und unter Beistandschaft stehende Personen vom eidgenössischen politischen Prozess ausgeschlossen. Gleichzeitig verzichtet rund die Hälfte der erwachsenen Schweizer*innen freiwillig darauf, ihr Stimm- und Wahlrecht auszuüben. Wer besitzt in der Schweiz das Recht auf eine Stimme? Wie hat sich dieses in der Vergangenheit verändert? Und wie entwickelt sich die politische Partizipation künftig? Die Ausstellung «Jetzt wählen!» sucht nach Antworten.

Stimmen im Katalog

Wer sich in der Schweiz eine Stimme verschaffen konnte, zeigen die Sammlungen der Schweizerischen Nationalbibliothek exemplarisch und ermöglichen so einzigartige Einsichten in die Geschichte der Mitsprache in der Schweiz. Fragen wie «Wer publiziert in der Schweiz? Wo und zu welchem Zeitpunkt?» lassen sich mit dem Bestandskatalog der Schweizerischen Nationalbibliothek beantworten. Darin sind fast alle Publikationen aus der und über die Schweiz erfasst. Diese einmalige Sammlung sagt viel darüber aus, wer sich in der Schweiz öffentlich äussern kann und konnte. Um diese Verhältnisse sichtbar zu machen, wurde der Online-Katalog der Schweizerischen Nationalbibliothek von den Digital Humanities der Universität Bern (Walter Benjamin Kolleg) mittels Datenanalyse untersucht. Die innovative Methode erlaubt eine neue Art der Auseinandersetzung mit der Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek und der Gedächtniskultur der Schweiz.

Alice Ceresa – Eine Stimme für Ein- und Auswandererinnen

Neben diesem Blick aufs Ganze zeichnet «Jetzt wählen!» aber auch nach, wie das Recht auf eine Stimme erkämpft werden musste. Im Zentrum der Ausstellung stehen deshalb Alice Ceresa, Mariella Mehr und Doris Stauffer, drei Schweizerinnen, die sich allen Widerständen zum Trotz Gehör verschaffen konnten. Alice Ceresa (1923–2001) war eine schweizerisch-italienische Schriftstellerin. Sie wuchs in Basel und Bellinzona auf. Als junge Frau erhielt sie Zugang zu Exilantenkreisen in Zürich. Ab 1945 arbeitete Ceresa für die Weltwoche und die NZZ als Auslandkorrespondentin in Italien und Frankreich. 1950 wanderte sie nach Rom aus. Sie arbeitete als Journalistin, Übersetzerin und Lektorin für den Verlag Longanesi und zusammen mit Ignazio Silone für das italienische Komitee für die Kulturfreiheit. «Das einzige Argument, das mich beim Schreiben interessiert, ist die Frauenfrage», hielt Ceresa fest, und verknüpfte dieses mit der Suche nach innovativem weiblichen Schreiben. Mit ihrem experimentellen Erstlingswerk «La figlia prodiga» (1967) wurde Ceresa als Kultautorin des italienischen Feminismus bekannt. In der deutsch- und französischsprachigen Schweiz wurde sie – als im Ausland lebende und schreibende Frau – erst in den 1990er-Jahren mit der Übersetzung des zweiten und letzten Romans «Bambine. Geschichte einer Kindheit» bekannt. Alice Ceresa schrieb zeit ihres Lebens, publizierte aber nur wenig – «Non scrivo per scrivere, ma perché devo.»

Mariella Mehr – Eine Stimme für Entmündigte

Mariella Mehr wurde 1947 in Zürich geboren. Als Angehörige der Jenischen war Mehr von der Aktion «Kinder der Landstrasse» betroffen. Dieses, von der Stiftung Pro Juventute geleitete «Hilfswerk», nahm zwischen 1926 und 1973 rund 600 Kinder ihren Eltern weg. Mit einer falsch intendierten Fürsorge beabsichtigte die Pro Juventute, die nicht-sesshafte Lebensweise auszulöschen und griff damit grundlegend in die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Familien ein. Mehr wuchs bei Pflegefamilien, in Heimen und in Anstalten auf. Als Minderjährige wurde sie wiederholt in die Psychiatrie eingewiesen, als 18-Jährige «administrativ versorgt». Mit diesen massiven behördlichen Übergriffen setzte sich Mehr ab 1975 als Journalistin und Autorin auseinander. 1981 publizierte sie ihren ersten Roman «Steinzeit». Auf der Grundlage ihrer eigenen Akte schuf Mehr die «Kinder-der-Landstrasse Show», die 1986 uraufgeführt wurde. Mehr hat eine Vielzahl von Lyrik, Prosa- und Theatertexten veröffentlicht. Sie setzte sich auf politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene für die Rechte der Roma ein. Aufgrund von Anfeindungen und Angriffen lebte sie zeitweise in Italien. Für ihre schriftstellerische und politische Arbeit erhielt Mehr diverse Auszeichnungen, darunter die Ehrendoktorwürde der Universität Basel. Mehr lebt heute wieder in Zürich.

Doris Stauffer – Eine Stimme für die Frauen

Doris Stauffer (1934–2017) besuchte an der Kunstgewerbeschule Zürich die Fachklasse Fotografie. 1968/69 präsentierte sie im Zürcher Club Bel Etage, in der Kunsthalle Bern und in der Kunsthalle Düsseldorf eine Auswahl ihrer ersten Werke: «Assemblagen» oder «Objektbilder», geschaffen aus Materialien aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Mit sieben weiteren Frauen gründete Stauffer 1969 die Frauenbefreiungsbewegung FBB. Das feministische Engagement liess sie auch in ihren Unterricht an der Kunstgewerbeschule Zürich einfliessen. Der Kurs «Teamwork» stiess bei der Direktion auf Abwehr und wurde bald abgesetzt, worauf der gesamte Lehrkörper kündigte. 1971 gründete Stauffer die private «F + F Schule für experimentelle Gestaltung» mit. Die kritische Auseinandersetzung mit dem weiblichen Alltag und den vorherrschenden Geschlechterrollen prägte weiterhin massgeblich Stauffers Schaffen. 1977 führte sie an der F + F den ersten «Hexenkurs» durch, 1978 eröffnete sie die «Frauenwerkstatt»: «Wir setzen uns auseinander mit Feminismus und Kreativität, dem männlich orientierten Kulturbegriff, sexistischen Tendenzen in der Kunst. Wir entdecken und realisieren unsere Vorstellungen von Kreativität, unsere eigene Sprache, unsere Anliegen und was wir als Frauen mitzuteilen haben.»

Sammlungsintervention der Künstlerinnen Gawęda Kulbokaitė

Das international renommierte, von Basel aus wirkende Künstlerinnenduo Gawęda Kulbokaitė (Dorota Gawęda: *1986 in Polen, Eglė Kulbokaitė: *1987 in Litauen) entwickelte für die Ausstellung eine Videoarbeit, die eine Brücke von den historischen Positionen zur Gegenwart schlägt. In ihrer Sammlungsintervention setzen sie sich mit Doris Stauffer und ihren Arbeiten zu Hexen auseinander. Ihre Arbeit konfrontiert die Besucher*innen mit den brüchigen Grenzen zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen Fiktion und Realität. Sie ist eine Fortsetzung ihres Projekts «Mouthless», das sie 2020 in Freiburg erstmals präsentiert haben.

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Jetzt wählen! Über das Recht auf eine Stimme | Schweizerische Nationalbibliothek | 9. September 2021 bis 14. Januar 2022

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