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Stadttheater Bern | Medea

Publiziert am 01. Juni 2008

Cherubinis viel zu selten aufgeführte Oper mit einer überragenden Titelheldin: ELZBIETA SZMYTKA. Spannender, unter die Haut gehender Abend! Mehr lesen
Medea

Kritik:
Mit dramatischer Intensität setzt die Ouvertüre ein, hervorragend gespielt vom Berner Symphonie-Orchester und subtil gestaltet durch den Dirigenten Sroljub Dinić, der das Werk mit viel Verve und nie erlahmender Spannung dirigierte und eine ausgezeichnete Balance von Singstimmen und Orchester erreichte.
Quasi in letzter Minute, drei Tage vor der Premiere, musste die Sängerin der anspruchsvollen Titelpartie ersetzt werden. Leandra Overmann war gezwungen, wegen einer akuten Kehlkopfentzündung abzusagen, Elzbieta Szmytka sprang für sie ein, probte beinahe Tag und Nacht und konnte zu Recht einen grossen Triumph feiern. Die sauber geführte, mit der notwendigen Durchschlagskraft ausgestattete Stimme, die alle Regungen der Medea, von der liebenden Mutter zur rachsüchtigen Furie, von der schmeichlerischen Gattin zur sarkastischen Asylantin, von der erniedrigten, verletzten Ex-Frau zur verschlagenen Schlange restlos überzeugend darstellen und vor allem singen konnte, verlieh dieser antiken Frauengestalt trotz ihrer zierlichen Figur eine überragende Grösse. Nur schon ihr Auftritt, wenn die petrolblaue, liliengeschmückte Seidentapete unter Donnergrollen aufreisst, ein erkalteter Lavastein gleich einem schwarzen Eisberg durch die Wand bricht und Medea mit Sonnenbrille und Rothaarperücke auf die Bühne tritt, ist von ungeheurer Kraft. Regisseur Jakob Peters-Messer beschert uns einen spannenden, packenden Abend. Im Bühnenbild von Markus Meyer und den Kostümen von Sven Bindseil entwickelt sich eine grausige Spirale von Erniedrigung, Gewalt und unerbittlicher Rache. Medea bleibt die verachtete Aussenseiterin an diesem uniformen, ganz in kalten Petrolfarben gehaltenen, sektiererischen Hof. Nur ihre Vertraute Neris hält zu ihr, ganz hervorragend gesungen von der jungen Mezzosopranistin Qin Du, welche ihre grosse, so wunderbar vom Fagott begleitete Arie im zweiten Akt berührend gestaltet. Die dritte Frauenrolle, Glauce, erfährt durch Hélène Le Corre eine nicht minder anrührende Interpretation. Mit zartem Vibrato und sicherer Höhe gestaltet sie ihre Auftrittsarie, zeigt das Wechselbad ihrer Emotionen, ihre Angst vor der neuen Rolle als Stiefmutter von Medeas Kindern und ihre aufrichtige Liebe zu Giasone. Der ist nun wahrlich kein Sympathieträger in dieser Oper. Thomas Ruud macht das Beste aus dieser undankbaren Tenorpartie. Mit angenehm timbrierter, heller und kraftvoller Stimme singt er den ungetreuen Dandy, der sich vor seinen Söhnen vergangener Heldentaten brüstet. Einige stimmliche Unausgeglichenheiten werden sich bestimmt im Verlauf der (leider nur wenigen geplanten) Aufführungen legen. Carlos Esquivel ist ein solider Sektenführer Creonte und Anne-Florence Marbot und Silvia Oelschläger ergänzen als wunderschön singende Mägde das Ensemble. Ein grosses Lob gebührt den Darstellern von Medeas Kindern, Demian Morf und Xavier Sägesser, die sich von den raufenden und mit Pistolen spielenden Knaben zu den Mordopfern ihrer Mutter vollkommen in die Rollen hineinleben. Die pantomimische Alptraumszene zu Beginn des dritten Aktes, in der Medea alle Tötungsarten an ihren Kinder ausprobiert, verlangt mit Sicherheit emotional einiges von den Darstellern ab.
Am Schluss wird es dunkel auf der Bühne. Glauce und die Knaben liegen ermordet vor Giasone, Medea gibt Giasone den Kuss zurück, den er ihr verächtlich zu Beginn der Oper auf den mit Lippenstift verschmierten Mund gedrückt hatte und schreitet langsam dem sich erhellenden Zuschauerraum entgegen. Gänsehaut …

Musikalische Höhepunkte:
O Amore, vieni a me!, Arie der Glauce, Akt I
Dei tuoi figli la madre, Arie der Medea, Akt I
Solo un pianto, Arie der Neris, Akt II
Del fiero duol, Arie der Medea, Akt III
E che? Io sono Medea, Finale Akt III

Fazit:
Unbedingt hingehen – Elzbieta Szmytka ist eine schlichtweg grandiose Medea, ein junges Ensemble unterstützt sie in einer klugen, packenden Inszenierung.

Werk:
Cherubini war ein von vielen grossen Komponisten der Romantik hoch geschätzter Komponist, ein Bindeglied zwischen Gluck und Mozart und den frühen Romantikern Carl Maria von Weber und Spontini. In seiner Formgestaltung und Expressivität weist er bereits auf Meyerbeer. Médée, in französischer Sprache komponiert und ursprünglich der Gattung Opéra comique angehörend, also mit gesprochenen Dialogen, stand mit ihrer unerbittlichen Geradlinigkeit und ohne den moralischen Gehalt (sprich Happy End) der Rettungsoper à la FIDELIO quer zur Nachrevolutionszeit. Der Uraufführung war kein nachhaltiger Erfolg beschieden. Mitte des 19. Jahrhunderts ersetzte der Komponist Franz Lachner die gesprochenen Dialoge durch begleitete Rezitative. Diese Fassung legten Toscanini und Carlo Zangarini ihren Aufführungen in der Scala zu Grunde. Mitte der 50er Jahre erweckte Maria Callas das Werk zu neuem Leben, doch trotz namhafter Nachfolgerinnen wie Dame Gwyneth Jones oder Leonie Rysanek bleibt das Werk ein zu seltener Gast auf den Spielplänen. In Zürich war es letztmals 1972 unter Nello Santi und mit der unvergesslichen Antigone Sgourda in der Titelrolle zu sehen.

Inhalt:
Nach dem Raub des Goldenen Vlieses verhilft Medea ihrem Gemahl Giasone zur Flucht nach Korinth an den Hof des Königs Creonte. Dort wird ihr der Gatte jedoch untreu, er will die Mutter seiner Söhne verlassen und Glauce, die Tochter des Königs heiraten. Vergeblich versucht Medea ihn zurückzugewinnen. Medea, die Aussenseiterin, wird vom König ins neuerliche Exil geschickt. Er gewährt ihr jedoch einen Tag Aufschub. Diesen nutzt Medea zur Rache. Sie tötet erst Glauce mit einem vergifteten Brautschleier, der von ihrer Vertrauten Neris überbracht wird und ermordet anschliessend ihre beiden Söhne.

für art-tv: © Kaspar Sannemann, 1. Juni 2008

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