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Rezension | Drii Winter

Publiziert am 20. Januar 2022

Berglerdrama zwischen Western und griechischer Tragödie

Er war für viele der Favorit im Wettbewerb der Berlinale und wurde dann aber bei der Preisverleihung nur mit einer ‹lobenden Erwähnung› bedacht: «Drii Winter», der zweite Spielfilm des in Berlin lebenden Schweizer Regisseurs und Drehbuchautors Michael Koch («Marija», 2016) ist dennoch die Entdeckung der Berlinale. Jetzt kommt er endlich in die Schweizer Kinos – ein Film, der dringend auf der grossen Leinwand gesehen werden sollte!
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Drii Winter | Synopsis

In einem entlegenen Bergdorf, hoch in den Schweizer Alpen, wird die noch junge Liebe zwischen Anna und Marco auf die Probe gestellt. Anna ist im Dorf aufgewachsen und hat eine Tochter aus einer früheren Beziehung, während Marco als Aussenseiter ins Tal gekommen ist, um mit den Bauern bei der harten Arbeit an den steilen Hängen zu helfen. Zusammen erfahren sie das Glück einer neuen Liebe und einer kleinen Familie. Doch als Marco plötzlich die Kontrolle über seine Impulse verliert und sein Verhalten immer unberechenbarer wird, brechen alte Spannungen in der Dorfgemeinschaft wieder auf. Im Wechsel der Jahreszeiten und gegen alle Widerstände kämpft Anna um Marco und bewahrt sich dabei eine Liebe, die selbst den Tod überstrahlt.

Drii Winter | Stimmen

«Es ist ein Heimatfilm, ohne Kitsch, dafür bildgewaltig und einnehmend.» – Filmbulletin | «Ein starkes, berührendes, manchmal rätselhaftes, hervorragend gestaltetes Kunstwerk.» – Screendaily | «‹Drii Winter› stach als dichteste Erzählung weit aus dem Wettbewerb heraus.» – Der Spiegel | «Ein Schweizer Film wie ein wortkarger Bergler. Kraftvoll und heimatverbunden, gemächlich und ohne ein Wort zu viel, strotzt er den Widrigkeiten des Lebens mit seinem Herz am rechten Fleck.» – Outnow | «Die Perle im diesjährigen Berlinale-Programm.» – SRF Kultur | «Eine meditative Studie über die Liebe.» – The Hollywood Reporter

Michael Koch wurde 1982 in Luzern (Schweiz) geboren. Von 2003 bis 2008 studierte er an der Kunsthochschule für Medien in Köln und arbeitete parallel als Schauspieler in diversen Fernseh- sowie Kinofilmen. Seine Kurzfilme liefen weltweit auf über 100 internationalen Filmfestivals und wurden mehrfach ausgezeichnet. Für seinen Diplomfilm «Polar» erhielt Koch auf der Berlinale 2009 eine ‹Lobenden Erwähnung› und gewann den Deutschen Kamerapreis sowie den Deutschen Kurzfilmpreis in Gold. Es folgten zwei Regiearbeiten für das Theater Kaserne Basel und die Entwicklung seines Langfilm-Debüts «Marija» (2016). Der Film hatte seine Premiere im internationalen Wettbewerb des Locarno Film Festival. Er lief erfolgreich auf zahlreichen weiteren Festivals wie Toronto, Busan, Göteborg und Angers und gewann nationale sowie internationale Preise. «Drii Winter» (A Piece Of Sky) ist sein zweiter Spielfilm.

Drii Winter | Rezension

Geri Krebs

Es gab vor rund zehn Jahren im Schweizer Film einmal eine wahre Welle von (Dokumentar-)Filmen über bäuerliche Lebensformen und Traditionen. Ein Kritiker spottete damals über «filmischen Landdienst». Titel wie «Die Kinder vom Napf», «Die Wiesenberger», «Alpsegen», «Silvesterchlausen» oder – einige Jahre zuvor – die Filme des selbsternannten Chronisten ländlichen Lebens, Erich Langjahr, zeigten eine bäuerliche Schweiz und bewegten sich dabei meist zwischen Idyllisierung, Brauchtumsbewahrung und moderater Zivilisationskritik. Irgendwann war diese Zitrone dann so weit ausgepresst, dass sich seither der Schweizer Film nur noch vereinzelt in diese Welt gewagt hat.

Wie im Western
Nun zeigt Michael Koch mit «Drii Winter», wie viel ästhetisches und erzählerisches Potenzial in dieser Welt der Älpler, Sennen, Bergbauern und Hirten steckt und wie die Schroffheit von Bergen und Abgründen ihren Widerhall in einem Drama finden kann, das es in sich hat. Dabei beginnt der Plot wie das Setting eines Westerns: Ein Fremder ist vor Kurzem in das abgelegene Dorf in den Urner Bergen gezogen, wird von den Alteingesessenen mit Misstrauen und Argwohn beobachtet. Marco heisst er, ein bulliger Kerl mit einem Nacken wie ein Stier, eine Gestalt wie von einem Schwingfest. Er ist aus dem Unterland hierher gezogen, arbeitet bei dem bärtigen Bergbauern Alois als Hilfskraft und man sieht ihn in einer der ersten Szenen, wie er mit dem Vorschlaghammer Zaunpfähle in das steile Wiesenland treibt, die Kamera von Kameramann Armin Dierolf ist ihm ganz nahe, man spürt fast physisch die Kraft, die von diesem Marco ausgeht. Wie auch alle anderen Darsteller:innen in «Drii Winter» ist Darsteller Simon Wisler ein Laie, im realen Leben Bergbauer in Parpan/GR, Vater von zwei halb erwachsenen Söhnen. An der Pressekonferenz in Berlin erzählte er schmunzelnd, wie Michael Koch über ein Jahr gebraucht habe, um ihn zur Mitwirkung in dem Film zu bewegen: «Ich war überzeugt, dass ich doch für die Dreharbeiten nicht so lange wegbleiben konnte von meinem Betrieb.»

Marcos Schicksal
Dieser Marco hat nun im Film vor Kurzem im Dorf seine grosse Liebe gefunden, Anna, die als Serviererin in der Dorfkneipe arbeitet und darüber hinaus auch noch die Post austrägt – man muss in dieser abgeschiedenen Bergwelt meist mehrere Jobs haben, um zu überleben. Auch Anna ist eine Aussenseiterin, sie ist geschiedene Mutter, hat eine kleine Tochter. Als die am Stammtisch versammelten Mannsbilder Anna und Marco beim Turteln beobachten, meint einer verächtlich: «Mal sehen, ob es bei ihr dieses Mal halten wird». Doch es hält, bald heiraten Anna und Marco in der Dorfkirche, das Glück scheint perfekt, auch das Gerede der Leute hört auf. Doch nur für kurze Zeit, denn bald erkrankt Marco schwer, ein Hirntumor wird diagnostiziert, seine Persönlichkeit beginnt sich rapide zu verändern.

Mut zur Tragödie
Eine tieftraurige Geschichte wie die einer griechischen Tragödie nimmt ihren unausweichlichen Lauf: Wortkarg, unspektakulär und immer mit der rauen Natur dieser Bergwelt im Hintergrund, die Michael Koch ganz bewusst wie eine zusätzliche Filmfigur einsetzt. Dabei schafft er es immer wieder, das Kino zu seinen Ursprüngen, dem Erzählen in Bildern, zurückzuführen, denn gesprochen wird in «Drii Winter» nur das Nötigste, gelacht wird nie. Es ist neben seinen ästhetischen und schauspielerischen Qualitäten auch der für einen Schweizer Film ungewöhnlich Mut zur Tragödie, die den Film auszeichnet. Dazu wäre der gemischte Chor, der an mehreren Stellen auftaucht und – ganz griechische Tragödie – das Geschehen kommentiert, vielleicht gar nicht nötig gewesen. Doch sorgt er natürlich für einen willkommenen Verfremdungseffekt in einem Film, der bei allem dokumentarisch erscheinenden Naturalismus Lichtjahre entfernt ist vom filmischen Landdienst.

Fazit: Drii Winter ist ein Schweizer Berglerfilm, wie man ihn in dieser Wucht im einheimischen Schaffen schon lange nicht mehr gesehen hat. Michael Kochs Mut zur Tragödie, das ungemein intensive Spiel des Laienensembles und die grossartige Kameraarbeit von Armin Dierolf machen aus «Drii Winter» ein Kinoerlebnis, das noch lange nachhallt.

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Drii Winter | Regie: Michael Koch | Drama | 137 Minuten | Schweiz und Deutschland, 2022 | Verleih: Frenetics Films
Der Film feierte an der Berlinale 2022 seine Weltpremiere und wurde von der Jury mit einer «Lobenden Erwähnung» honoriert. Für die Schweiz geht er ins Rennen um den Oscar als bester ausländischer Film.

Kinostart
Deutschschweiz: 1. September 2022
Französische Schweiz: -

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