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Pay Streeming | I'll be your mirror

Publiziert am 19. April 2021

Für ihre künstlerische Entwicklung würde Johanna Faust ihre Kinder und ihren Mann gerne zurücklassen.

Der eintönige Alltagstrott zu Hause hat sie schliesslich immer tiefer in die Einsamkeit geführt. Doch jetzt, wo eine konkrete Einladung für ein Kunststudium in Oxford auf dem Tisch liegt, regen sich Zweifel: Waren da nicht unterdrückte Erinnerungen aus der Kindheit von Johannas Mutter? Musste diese nicht bereits erleben, was Johanna nun ihren Kindern antun möchte? Der radikale und schonungslose Film geht der Frage nach, wie weit sich Mutterschaft und Selbstverwirklichung vereinbaren lassen?
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Wie weit lässt sich Mutterschaft und Selbstverwirklichung vereinbaren?

Stimmen
Gerade weil der Film nicht gewohnten Sehmustern folgt und weil die Künstlerin Johanna Faust einen radikalen Seelenstriptease vorführt, ist der Film aussergewöhnlich sehenswert. Der schonungslose Umgang mit ihrer eigenen Mutter und der unorthodoxen Art über Mutterschaft nachzudenken, mag gewöhnungsbedürftig sein, ist aber gerade eine Stärke des Films. Für mich einer der mutigsten und radikalsten Filme am Zurich Film Festival 2020.» – Felix Schenker, arttv.ch | «Die Schweizer Künstlerin und Regisseurin Johanna Faust wagt sich in beispielloser Art an das Thema Mutterschaft – mit grosser Ehrlichkeit und viel Mut.» – Muriel Del Don, www.cineuropa.org | «Die 1973 geborene Basler Künstlerin betreibt in ihrem Erstling eine familiäre Spurensuche in erster Person. Die Mutter dreier Kinder stellt als Ausgangspunkt ihres radikal ehrlichen Films die Frage, ob sie für die künstlerische Tätigkeit ihre Familie für längere Zeit verlassen könne, und stösst dabei auf die Geschichten ihrer Mutter und ihrer Grossmutter – und ­wiederum deren Mutter – in den USA. Je mehr sie erkennt, dass sich in diesen Biografien ihre eigene Geschichte spiegelt, findet sie schliesslich zu einer Entscheidung über ihr eigenes zukünftiges Leben.» – Geri Krebs, NZZ am Sonntag | «I’ll Be Your Mirror“ verblüfft durch die radikale Ehrlichkeit, mit welcher die Regisseurin ihr Dilemma auslotet. Als dokumentarisches Roadmovie die USA mit Mexiko und der Schweiz verbindend, vermittelt der fünf Generationen umfassende Film auch einige historisch interessante Einblicke. Zudem bietet er einige mutige Denkanstösse zur Frage, wie sich das Selbstverständnis von Frau und Mann verändern müsste, damit Kindererziehung tatsächlich Aufgabe beider wäre.» – Irene Genhart, cineman.ch

Johanna Faust
Johanna Faust wurde 1973 in Basel geboren und ist Mutter von drei Kindern. Bereits als Jugendliche widmete sie sich der Malerei und besuchte verschiedene Malschulen. 2001 erhielt sie den Master of Fine Arts der Visual Art School Basel. Anschliessend machte sie ihr Diplom an der Höheren Fachschule für Farbestaltung in Zürich. 2014 begann eine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Film. Sie besuchte verschiedene Filmworkshops und Masterclasses in Zürich, Berlin und Los Angeles. «I’ll be your mirror» ist ihr erster Film.

Director’s Statement

Als ich zwanzig Jahre alt war, brachte ich mein erstes Kind zur Welt: eine radikale Erfahrung.
Ich wurde von der Mutterschaft überrollt und habe mir dabei nicht viel gedacht. Der Vater meiner Tochter erkrankte an Multipler Sklerose. Meine Tochter wuchs zur Hälfte bei ihrer Grossmutter auf, während ich Malerei studierte. Ich realisierte sehr schnell, dass ich als Mutter nur überleben würde, wenn ich auch meine künstlerische Seite entwickeln kann. Dafür brauchte ich Raum. Meine Mutter sagte mir immer: «Du kannst alles werden, was du willst» Doch dies hat sich nur als eine halbe Wahrheit herausgestellt. Als Frau geboren worden zu sein, erschien mir ein Hindernis. Im Konflikt zwischen Mutterschaft und Künstlerin-Sein fühlte ich mich zerrissen, und die beiden Lebensweisen stellten sich als unvereinbar heraus. Kinder und Kunst beanspruchen genau dieselbe seelische Aufmerksamkeit. Sich als Mutter den Raum für die Kunst zu nehmen, ist in unserer Gesellschaft immer noch schwierig, erst recht wenn damit kein Geld verdient wird.

Mitte dreissig bekamen alle um uns herum Kinder. Ich dachte, nun wäre auch ich bereit, ganz für meine Familie da zu sein, und glaubte, darin Erfüllung zu finden. Mit meinem neuen Partner bekam ich noch zwei Söhne. Wir zogen nach Berlin. Es war abenteuerlich und inspirierend. Ich war ganz für die Kinder da, während mein Freund Kunst studierte. Obwohl äusserlich alles stimmte, überkam mich plötzlich eine grosse Leere. Ich war ratlos. Dieses Gefühl der Leere verstand ich nicht. Woher kam es? Was war plötzlich los mit mir? Die Leere war unkontrollierbar und lastete schwer auf mir. Mir war klar, dass ich so nicht weiterleben konnte. Zu stark war die Sehnsucht, mich wieder voll und ganz in meine künstlerische Arbeit zu vertiefen. Ich entschloss mich, einen Master in Kunst nachzuholen. Ich bewarb mich für ein Studium in England – für einen besonderen Lehrgang in «social sculpture research», den weltweit nur die Universität Oxford anbietet. Und tatsächlich wurde ich in die Klasse aufgenommen. Für meinen Freund war es selbstverständlich, dass er mit den Kindern in Berlin zurückbleiben würde. Doch in unserem Umfeld gab es Frauen, die meinen Plan, die Kinder zu verlassen, unmöglich fanden. Die Reaktionen waren so stark, dass ich mich zu fragen begann, ob mit mir etwas nicht stimmte.

Erinnerungen an meine Mutter kamen in mir hoch. Die Vorstellung dass die Leere, die ich fühlte, etwas mit meiner Mutter zu tun haben könnte, war für mich fast unerträglich. Ich ahnte jedoch schon, dass es so ist. Ich wusste, dass sie nicht bei ihren Eltern aufgewachsen war, kannte aber den Grund nicht. Mir war klar, dass ich mit ihr sprechen musste, bevor ich meine Kinder verlasse. Ich brauchte jedoch etwas, an dem ich mich festhalten konnte, etwas das mir erlaubte, in der Auseinandersetzung mit meiner Mutter Distanz zu wahren. Ich hatte eine Idee: Ich würde eine Kamera mitnehmen. Das würde meine Mutter vielleicht auch daran hindern, der Auseinandersetzung auszuweichen und davonzulaufen. Ich bat eine befreundete Kamerafrau, mir die Kamera zu erklären und die richtigen Settings zu wählen. Doch sie bestand darauf, mich zu begleiten und die Gespräche zu filmen. Anfangs hatte ich keine Ahnung, wozu ich das Material gebrauchen könnte. Bei den Gesprächen fand ich schnell heraus, dass meine Grossmutter wie ich Künstlerin war und die Kunst ihren Kindern vorgezogen hatte.

Die Folgen waren für meine Mutter schlimm; sie haben ihr Leben geprägt. Ich erkannte, dass mein Verhalten offenbar einem familiären Muster folgt. Denn bald erfuhr ich, dass auch meine Urgrossmutter die Kunst wichtiger fand als ihre eigenen Kinder. Lange hatte ich einen Abstand zu Eltern und anderen Verwandten gewahrt, mit dem Gefühl, die Familie sei irrelevant für mich und mein Leben. Nun hielt ich inne und befragte mich selbst. Woher komme ich? Wie ist mein Handeln motiviert? Bin ich in meinen Entscheiden wirklich frei oder folge ich einem Muster, das durch meine Familie vorgegeben ist? Ich hatte so viele Fragen. Wollte mehr erfahren. In den Gesprächen mit meiner Mutter, die nun folgten, konnte ich mich – auch mit Hilfe der Kamera – zum ersten Mal öffnen und zuhören. Ich entschied mich, vorerst nicht nach Oxford zu gehen und stattdessen das Filmprojekt zu meiner künstlerischen Arbeit zu machen. Zudem habe ich mich entschieden, den Film zusammen mit meiner Familie zu drehen, den Konflikt zwischen Mutter-Sein und Künstlerin-Sein ins Werk zu setzen.

Ich habe versucht, diesen Film als Weg des Miteinanders zu realisieren und zusammen neben meinem Partner und meiner grossen Tochter auch die kleinen Kinder auf das Abenteuer mitzunehmen. Dabei wurde die ganz konkrete Dimension eines Konflikts sichtbar, der sich als Hindernis, aber auch als Chance herausstellte.
Dabei mündeten meine ganz persönlichen Fragen und Prozesse in allgemeinere, gesellschaftlich relevante Fragestellungen: Will ich Kunst machen, die sich nur durch Abspaltung von meiner Verantwortung als Mutter verwirklichen kann? Ich sehe mit Blick auf die Geschichte bei Vätern genau diesen Prozess. In meiner Familie waren einige Frauen Künstlerinnen und haben dabei offenbar radikale Entscheidungen getroffen. Gleichzeitig haben sich Männer über Jahrhunderte den unmittelbaren Notwendigkeiten und emotionalen Beziehung zu ihren Kindern entzogen und diese den Frauen überlassen. Ich habe verstanden, dass meine privaten familiären Angelegenheiten eine Bedeutung haben, die über das rein Persönliche hinausgehen.

Wird es uns gesellschaftlich gelingen, die Idee zu überwinden, dass sich Frauen besser um Kinder kümmern können als Männer? Was braucht es, damit sich das Selbstverständnis der Väter verändert? Meines Erachtens geht es nicht darum, die Rollen auszutauschen – auch wenn genau das ein sehr hilfreiches Mittel sein kann – sondern darum geschlechtsbezogene Rollenbilder radikal zu überdenken. Wie mein Film anhand meiner eigenen Familie zeigt, werden positive Erfahrungen, aber auch Traumata transgenerational weitergegeben. Dieser Aspekt spielt oft unterbewusst eine Rolle, wenn es um die Rollenaufteilung geht. Aufzuzeigen, wie diese unterschiedlichen Aspekte verwoben sind, war für mich bei der Arbeit an meinem Film ein wichtiges Anliegen.

Johanna Faust

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I’ll be your mirror | Regie: Johanna Faust | Dokumentarfilm | Schweiz, 2019 | 91 Minuten | Verleih: Cineworx | Der Film kam am 29. April 2021 in die Deutschschweizer Kinos

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