Neue Alben | The Legendary Lightness | Bis Doch Froh

Publiziert am 18. Oktober 2021

Weltmusik aus Zürich für weite Sphären

The Legendary Lightness schlagen ein neues Kapitel auf und veröffentlichen zum ersten mal in ihrer 14-jährigen Bandgeschichte ein Album auf Schweizerdeutsch. Der Sprachwechsel stellte alles auf den Kopf. Diese Platte offenbart ein anderes Selbstverständnis, ein neues Rhythmusgefühl und kommt mit einer Leichtigkeit daher, bei der es sich dringend empfiehlt, die Tanzschuhe aus dem Schrank zu graben.
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Züritütsche Beobachtungen

Wie ist es zum Sprachwechsel gekommen? Daniel Hobi, Komponist und künstlerische Leitung bei The Legendary Lightness, schrieb bisher ausschliesslich auf Englisch. Das funktionierte gut. Entstanden sind drei Studioalben und mehrere Tourneen im In- und Ausland. «Das Englische», erzählt Hobi, «hatte dabei aber immer auch etwas Dekoratives.» Die eigene Sprache, der eigene Slang habe gefehlt, wodurch es schwer gefallen sei, das tagtägliche Treiben auf der Strasse einzufangen. Genau das ist die Stärke des neuen Albums und es wirkt so, als hätten The Legendary Lightness nie etwas anderes gemacht. Vielleicht weil Daniel Hobi seine Heimatstadt so präzise und mit viel Sorgfalt beobachtet («s hätt Falte und Narbe und gheimi Laschter und ä Muetter butzt ihrem Chind dä Bagge mit Speuz»), auf Plattitüden verzichtet («Dini Liebi isch ä Muetprob chasch nu hoffe dass es hebt wännd dra hangsch») und sich dabei nicht zu ernst nimmt («Es hätt Fleisch gäh mit Sosse, es hätt ja gar niemer Striit gha, Pfirsich us dä Dose und keis Wort übers Klima»).

Grosse Melodien und verspielte Beats

Wie sehr ein Sprachwechsel das Gesamtgefüge auf den Kopf stellen kann, zeigt sich hier ab der ersten Sekunde. Diese Band spielt mit neuer Haltung und klingt, wie sie bisher nicht geklungen hat. Grosse Melodien werden nicht gescheut, die Beats (tanzbar!) sind verspielt bis ausufernd, die Solos bewegen sich nahe dem Exzess und gesungen wird immer wieder wohltuend euphorisch im Chor. In der Summe ergibt sich ein wildes, dadaistisches Treiben, bei dem man nicht so recht weiss, was einem als nächstes blüht. Glaubt man das Muster durchschaut zu haben, schiesst ein Saxophon-Solo aus dem Boden («Gschider bliibe») oder man wird sanft zugedeckt mit der vermutlich schönsten züritütschen Ballade seit Campari Soda («Wett wüsse wo du hii bisch»).

Kreative Multiinstrumentalisten

Die Unberechenbarkeit und Wandelbarkeit liegt vermutlich auch an der unkonventionellen Bandzusammenstellung. Zum bestehenden Kernpersonal um Dominik Huber, Daniel Nievergelt und Daniel Hobi gesellten sich vor vier Jahren die beiden Jazzmusiker Sha und Kaspar Rast, die unter anderem beim Pianisten Nik Bärtsch mitmischen. Auch wenn The Legendary Lightness in dieser Konstellation bereits ihr zweites Album veröffentlichen, scheint es jetzt so richtig zu funken. Hier ist ein vielseitig talentiertes Kollektiv mit mehreren Multiinstrumentalisten am Werk, das jahrelange Erfahrung mitbringt, seine Experimentierlust und Neugier am Neuen aber nie abgelegt hat.

Und sonst noch…

Produziert wurde das Album in Daniel Hobis Dachstockstudio in der Binz, dem «Atelier für Ton und Musik». Das Recording und Mixing übernahm er dabei selbst. Hobi beherrscht sowohl Inhalt als auch Technik, was auch der Grund sein dürfte, weshalb die Schweizer Filmszene regelmässig in der Binz vorbeischaut. Der Zürcher konnte sich in den letzten Jahren einen Ruf als Sounddesigner und Filmkomponist erarbeiten. Demnächst kommen gleich zwei Filme unter seiner Mitwirkung in die Schweizer Kinos: «Spagat» von Christian Johannes Koch und «Sami, Joe und ich» von Karin Heberlein. Und noch andere schöne Dinge entstanden im Atelier für Ton und Musik. Zum Beispiel die Podcast-Serie “Ungefiltert” der «Republik» oder Kollaborationen mit dem Zürcher Theater- und Musikschaffenden Rio Wolta für sein neues Album “Belle Epoque” oder für die Musik zur Tanzperformance “Bluebeard” für Provincial Dances in Russland. Dass Daniel Hobi neben all dem, ohne Burnout-Erscheinungen noch Zeit für seine Band findet, ist eigentlich ein Wunder. Eines, dem wir gerne zuhören.

Daniel Hobi: vocals, guitars, bass, synths, additional drums
Dominik Huber: guitars, piano, harmonium, additional drums
Daniel Nievergelt: guitars
Sha: bass clarinets and saxophones
Kaspar Rast: drums and percussions

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