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Rezension | Alice Schwarzer

Publiziert am 28. März 2022

Ein Porträt über die Feministin, Journalistin und Intellektuelle Alice Schwarzer, die damals wie heute polarisiert.

Ihre Bücher, ihre Frauenzeitung Emma und ihre Person an sich waren für viele Frauen zündende Funken auf dem Weg zu Selbstbefreiung und Emanzipation. Als bekannte Fernsehpersönlichkeit hat Alice Schwarzer im deutschsprachigen Raum Ehepaare auf dem Sofa entzweit und Frauen zur Emanzipation ermutigt. Der Film zeigt eine Seite von Schwarzer, die über die einflussreiche Feministin und Journalistin hinausgeht, die wir aus ihrer Autobiografie kennen.
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Synopsis

Legendär bleibt bis heute das Fernsehduell zwischen Alice Schwarzer und Esther Vilar, das Familienzwistigkeiten in deutschen und österreichischen Wohnzimmern auslöste. Weltberühmt wurde Alice Schwarzer mit ihrem Buch «Der kleine Unterschied», in dem Frauen offen über ihr Sexualleben sprachen. Mindestens ebenso bedeutend und folgenschwer war ihr Einsatz für die Legalisierung der Abtreibung in Deutschland. Ein im Magazin Stern abgedruckter Artikel mit dem Titel «Wir haben abgetrieben» gab ihrer gleichnamigen Kampagne breite Aufmerksamkeit und war ein zündender Funke für die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs. Letztere galt in den letzten Jahrzehnten als Selbstverständlichkeit, doch wird sie in einigen Ländern heute wieder in Frage gestellt. Der Film wandelt mit Montagen zwischen den Zeiten und bedient in seinem historischen Anspruch informative und ästhetische Aspekte gleichermassen. Geprägt wurde Alice Schwarzer durch ihre Kindheit bei den Grosseltern in Wuppertal, ihre Jugendzeit in Frankreich, das Leben mit ihrem damaligen Lebensgefährten Bruno und ihr Eintritt in die französische Frauenbewegung MLF. Heute lebt Alice Schwarzer in Köln, im Bergischen und in Paris. Sie schreibt Bücher, verlegt seit 1977 die Frauenzeitschrift Emma und greift jedes heisse Eisen im Zusammenhang mit den Machtfragen zwischen den Geschlechtern auf. Nach wie vor befindet sich die Streitbare im Brennpunkt heftiger Diskussionen. In Zeitdokumenten und aktuell gedrehtem Material erleben wir die Ikone bei ihrer Arbeit und im Privaten. Im Film kommt Bettina Flitner, Fotografin und Alices Ehefrau, zu Wort, ebenso sehen wir Interviews mit Wegbegleiter:innen wie Élisabeth Badinter, Peter Merseburger, Jenny Erpenbeck, Jasmin Tabatabai, Franziska Becker, Anne Zelensky und Sonja Hopf, sowie Archivaufnahmen, unter anderem mit Henri Nannen, Rudolf Augstein, Margarete Mitscherlich, Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre.

Text: Frenetic

Warum wir noch kämpfen müssen

Regisseurin Sabine Derflinger über Feminismus

Kein Mensch soll länger wegen seines Geschlechts benachteiligt werden. Es gibt mehr als nur Mann und Frau als Geschlecht, sondern Geschlecht in seinen vielfältigsten Definitionen. Diese Erkenntnis darf im Kampf der Frauen um ihre Gleichberechtigung aber nicht verloren gehen. Das Zauberwort heisst ‹und›, statt ‹entweder – oder›. Ich denke, es ist Zeit, dass Feminist:innen sich wieder auf das Verbindende besinnen, statt auf dem Trennenden zu beharren. Es gilt die Geschichte der Frauen wahrzunehmen, daran anzuschliessen und eigene Wege zu gehen. Und es gilt die Frauen zu ehren, die vor uns da waren und uns mit ihrem Kampf den Weg geebnet haben und all das möglich gemacht haben, was heute ist.

Ich halte es für wichtig, anzuerkennen, dass Frauen, die aus unterschiedlichen Milieus kommen, verschiedene Geschichten haben, aufgrund ihrer Herkunft anders an die ‹Frauenfrage› herangehen, verschiedene Bedürfnisse haben. Die Einhaltung der Menschenrechte muss für uns an oberster Stelle stehen. Wir Frauen dürfen uns irren, dürfen unvollkommen sein, dürfen auch verschiedene Meinungen haben. Und doch suchen wir die Punkte, wo sich unsere Anschauungen berühren und wir zu möglichen Übereinstimmungen kommen, um endlich die Gewalt gegen Frauen zu beenden. Was ich für das grösste zu lösende Problem halte. Mehr Gemeinsamkeit erreichen wir, wenn wir Frauen akzeptieren, dass Frauen, die sich theoretisch, akademisch mit der Frauenfrage beschäftigen, möglicherweise zu anderen Schlussfolgerungen kommen als Frauen, die mit ihren Gedanken auf die Strasse gehen und ihre Gedanken in ihrer tagtäglichen Arbeit überprüfen müssen.

So kann es sein, dass die totale Freiheit, die in der Theorie zu fordern ist, in der Praxis den blanken Horror verursacht, siehe die Ansichten über Prostitution oder Pornografie. Nur durch Austausch der verschiedenen Denk- und Lebensschulen schaffen wir das Grössere, nämlich die Aufhebung der Geschlechterdifferenzen im Sinne von Benachteiligungen. Auf diesem Weg dürfen wir unterschiedliche Haltungen und Lösungsansätze zu den grossen Frauenthemen haben und dürfen auch unsere Haltungen erweitern, weiterentwickeln, revidieren und andere mit unseren Argumenten überzeugen und vor allem andere Meinungen akzeptieren. Und wir dürfen Humor haben und Spass haben, uns als Frauen fühlen, gängigen Klischees entsprechen, Männer ins Boot holen oder auch nicht. Wenn wir Frauen solidarisch sind, können wir alles erreichen.

Rezension

von Madeleine Hirsiger

Der Name Alice Schwarzer ist das Synonym für das bedingungslose Engagement für die Rechte der Frauen. Die einflussreiche Journalistin und Autorin ist die Ikone des Kampfes für die Gleichberechtigung. Der gelungene Dokumentarfilm, der ihr aufreibendes Leben nachzeichnet, beginnt 1975 mit einem heftigen Disput mit ihrer Gegenspielerin Esther Vilar, die als Autorin von «Der dressierte Mann» (1971) mit Alice Schwarzer im Fernsehstudio sitzt. Vilars These: Nicht die Frau wird unterdrückt, sondern der Mann. Das konnte nicht gut gehen und es ist nicht klar, ob Vilar, nach dem sie die scharfzüngige Schwarzer als Sexistin und sogar Faschistin bezeichnete, das Fernsehstudio verlassen hat. Als «High noon am deutschen Fernsehen» wurde das Duell auch betitelt – und Alice Schwarzer mit einem Schlag berühmt.

Weggefährt:innen

Die Dokumentation der österreichischen Regisseurin Sabine Derflinger zeichnet Alice Schwarzer Leben nach. Als uneheliches Kind wuchs sie bei ihren Grosseltern in Wuppertal auf, der gelebte Widerstand gegen die Nazis sei für sie prägend gewesen. Ihren Grossvater bezeichnet Schwarzer als «sehr mütterlich», ihre Grossmutter als «sehr politisiert mit hohem Gerechtigkeitssinn». Ihr grosser Freiheitsdrang sei von ihrer Grossmutter immer akzeptiert worden. Nach der Handelsschule begann sie als Volontärin bei den «Düsseldorfer Nachrichten» – von da an ging es nur noch bergauf. Ende der 1960er verbrachte Schwarzer fünf Jahre in Paris, die sie politisch noch weiter prägten. Die Frauenbewegung nahm Fahrt auf und Alice Schwarzer freundete sich mit den Philosophen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre an, publizierte Bücher mit «Weggefährtinnen», darunter auch mit der Psychoanalytikerin Margareta Mitscherlich oder der Schauspielerin Romy Schneider.

Die polarisierende Figur

In Deutschland hingegen löste ein «Stern» Cover medial und gesellschaftlich einen Skandal aus, unter dem Titel «Wir haben abgetrieben» bekannten sich betroffenen Frauen aus allen sozialen Schichten erstmals öffentlich. Eine überfällige Debatte wurde angestossen, auf welche die Medien hässliche Antworten fanden. Als der Stern Mitte der 1970er-Jahre mehrmals sexistische Titelbilder publizierte, verklagte Alice Schwarzer kurzerhand die Herausgeber. Sie – die Benennerin von Missständen – wurde in den Medien als «Männerschreck» tituliert. Doch blieb sie als polarisierende Kraft auf allen Fernsehkanälen präsent, immer klar, klug und humorvoll debattierend. Weitere Meilensteine waren sicherlich Alice Schwarzers erstes Buch, «Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen» (1975), das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, sowie der emanzipierende Paukenschlag, als der ihr Frauenmagazin «Emma» 1977 wahrgenommen wurde. Doch zeigt die Dokumentation auch die nachdenkliche Alice Schwarzer, etwa wenn sie sich an den Anstoss ihres Interesses für die Frauenbewegung zurückerinnert: Es sei die erste internationale Frauenbewegung um 1900er-Jahre gewesen, die für die fundamentalen Rechte der Frauen gekämpft hat – eine Bewerbung, die völlig in Vergessenheit geraten sei.

Der Film

Der 59-jährigen Regisseurin glingt es, uns die heute 80-jährige Alice Schwarzer in all ihren Facetten näher zu bringen. Sabine Derflinger verwendet Archivmaterial aus unzähligen TV-Auftritten, aber auch aktuelle Interviews, mit Weggefährtinnen und mit ihr selbst. Die Regisseurin arbeitet sich nicht linear durch Schwarzers Leben, was für Spannung und Überraschung sorgt. Durch die Anordnung und die gelungene Montage des Materials bekommt der Film einen abwechslungsvollen Rhythmus. Was auch bemerkenswert ist: Alice Schwarzer ist keine Männerhasserin, wie es ihr immer wieder vorgeworfen wird. Sie sagt: «Es geht nicht um die Ausrottung der Männer, es geht um die Vermenschlichung von Frauen und Männer». Sie zeigt mit Humor, Gelassenheit und Verständnis, dass es für eine gesellschaftliche Veränderung immer wieder Zeit braucht. Am Schluss des Films steht sie vor dem Badspiegel, schminkt und beschreibt sich selbst dabei: Sie habe eine grosse Fähigkeit, mitzuleiden, sei verantwortungsbewusst, emotional und intellektuell stark. Der Dokumentarfilm «Alice Schwarzer» ist ein unterhaltendes und informatives Lehrstück über eine unabhängige, starke Persönlichkeit, die für die Frauen viel erreicht hat. Ein Film für Frauen und Männer.

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Alice Schwarzer | Regie: Sabine Derflinger | Dokumentation | 100 Minuten | Deutschland, 2022 | Verleiher: Frenetic

Kinostart
Deutschschweiz: 12. Mai 2022
Französische Schweiz: -

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