Samir und sein Ensemble in Bagdads Schatten:(von links): Samir, Waseem Abbas, Zahraa Ghandour und Haytham Abdulrazaq | © © Rolf Breiner

Baghdad in My Shadow | Irakis im Exil - Fluchtpunkt London | Das Interview

Publiziert am 29. November 2019

Filmjournalist Rolf Breiner traf Autor und Regisseur Samir und seine Hauptdarstellerin Zahraa Ghandour zu einem Gespräch.

Warum ist das Café in Samirs neustem Film nach dem arabischen Dichter Abu Nawas benannt? Warum spielt «Baghdad in My Shadow» in London? Wird der Film auch im Irak zu sehen sein? Durfte der Regisseur die homoerotischen Szenen in Kairo zeigen und wie reagierte das Publikum an den Hofer Filmtagen?
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Samir lässt sein Heimatland Irak nicht los. So schildert er in seinem jüngsten Spielfilm, wie Emigranten in London versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Sie treffen sich im Café Abu Nawas, benannt nach einem arabischen Dichter aus dem 8. Jahrhundert. Das Café wird von einem kurdischen Aktivisten geführt. Dort arbeitet auch die Architektin Amal (Zahraa Ghandour). Stammgäste sind etwa der Dichter Taufiq (Haytham Abdulrazak) und der homosexuelle IT-Spezialist Muhanad (Waseem Abbas). Sie alle haben ihre Geheimnisse und mussten untertauchen. Der öffentliche Sammelpunkt ist gefährdet, als Taufiqs fanatischer Neffe Nasseer (Shervin Alenabi) einem radikal-islamischen Prediger mehr glaubt als seinem Onkel. Als dann noch Amals Ex-Mann als Kulturattaché auftaucht, wird’s lebensgefährlich für die «Gottlosen».

Cafés sind beliebte Sujets, Synonyme für Kommen und Gehen, Abschied und Aufbruch, für flüchtige und feste Bekanntschaften und auch für Hoffen und Bangen – wie das berühmte «Rick’s Café» im Filmklassiker «Casablanca». Ein idealer Schauplatz für deinen Film?
Samir: Natürlich denkt man auch an «Rick’s Cafe». Nur bestehen hier gravierende Unterschiede. Damals, zur Nazizeit in Casablanca flüchten Menschen, brachen auf und hofften auf eine bessere Zukunft. Das Café Abu Nawas in London hingegen, ist eine feste Begegnungsstätte, ein sicherer Hafen und Endpunkt. Ein solches Café hat sich angeboten – ein Ort an dem Menschen verschiedener Generationen aufeinandertreffen, die in anderen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen den Irak verlassen mussten. Sei es aus politischen Überzeugungen, wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektiven oder wegen ihrer sexuellen Orientierung. Ein Café Abu Nawas gab es vor etwa zwanzig Jahren tatsächlich – allerdings in Berlin.

Das Café ist nach dem arabischen Dichter Abu Nawas benannt. Was hat es damit auf sich?
Er ist einer der weniger, aber wichtigen arabischen Dichter. In der westlichen Welt wurde er nie richtig rezipiert, denn es gibt keine Übersetzung. In der arabischen Welt ist er dagegen ein Klassiker. Seine Spezialität sind Liebesgedichte, erotische Gedichte auch über die Schönheit der Jünglinge.

Der Schauplatz deines Spielfilms ist London. Das hat sicher Gründe?
Etwa vier Millionen Iraqis leben im Exil, davon allein drei Millionen in Grossbritannien, 700 000 davon in London. Da ist es schon natürlich, dass der Film dort spielt und nicht in Zürich.

Du suchst nach Authentizität, wolltest für die massgeblichen Rollen «echte» Iraki. Wie schwierig war das?
Das war in der Tat eine grosse Herausforderung, denn ich wollte unbedingt Darsteller, die sowohl den irakischen Dialekt als auch Englisch beherrschen. In London suchte ich vergebens und eine irakische Filmindustrie gibt es nicht mehr. Der Hauptdarsteller Haytham Abdulrazaq stammt aus Kirkuk. Es war letztlich ein Glücksfall, denn er ist Professor an der Schauspielakademie in Bagdad und ein Star im Irak. Trotz aufwendigem Casting unter den jungen Schauspielern in Bagdad fanden wir keinen Darsteller, der einen Homosexuellen spielen wollte. Zum Glück trafen wir dann in England Wasseem Abbas, einen jungen Schauspiel-Absolventen mit irakischen Eltern, der kein Problem mit der Rolle hatte.

Und wie war das mit der Hauptdarstellerin Zahraa Ghandour, die Amal, eine Frau spielt, die ihren Mann in Bagdad verlassen hat?
Ich habe drei Anläufe unternommen. Ältere Schauspielrinnen aus dem Irak kamen nicht infrage, weil sie sich chirurgisch verschönert hatten. Das wollte ich nicht. Dann bin ich ins Ausland gegangen, habe in England auch einige gefunden, doch sie waren zu «white». Ich wollte Frauen, wie ich sie als Kind erlebt habe: Sie waren alle dunkel. Zahraa Gahndour war ideal, sie ist die Frau, wie ich sie im Film postuliere. Und das war auch das Problem. Ihre Realität hat sich übergestülpt, sie hat drei Wochen vor Drehbeginn abgesagt – aufgrund eines Rieseneklats in der Familie. Die Rolle war in diesem Moment vakant, sie stand unter Druck. Zahraa Gahndour kämpft für das, was sie im Film vertritt, und hatte sich zurückgezogen. Ein kritischer Moment. Dann hat sie ihre Absage zurückgenommen.

Wie war das für Sie, Zahraa?
Zahraa Ghandour: Es war eine Herausforderung, aber alles lief gut. Ich habe in meinem Leben dafür gekämpft, ein freier Mensch zu sein. Ich bin eine Frau – gegen das System, aber man ignoriert mich.

Wird der Film auch im Irak zu sehen sein?
Zahraa Ghandour: Ich bezweifele es, denn er behandelt drei kritischen Themen: Korruption, Homosexualität und eine Frau, die ihr Leben in die Hand nimmt und ihren Mann verlässt.»

Samir, was meinst du, besteht die Gelegenheit, dass dein Film im arabischen Raum gezeigt wird?
Samir: Der Film wurde am 20. November in Kairo gezeigt. Er schlägt eine Brücke zwischen Orient und Okzident und hält dem arabischen Publikum den Spiegel vor: Was ist schief gelaufen? Dabei geht mehr als um Toleranz. Wer die Augen davor verschliessen will, lebt nicht in der Realität einer globalisierten Welt.

*Gab es keine Auflagen für Kairo?
Doch, ich musste die Liebesszenen zensieren.

Welche Probleme gab es bei den Dreharbeiten in Bagdad?
Es war schwieriger in London, weil die Auflagen höchst bürokratisch und mühsam waren. Sie haben unseren Fahrplan durcheinandergebracht. Dreharbeiten im Britischen Museum wurden uns beispielsweise verboten. In Bagdad war das Problem, dass dort keine Filmindustrie existiert. Aber die Aufnahmen mit Drohnen über der Innenstadt waren kein Problem, in London wäre das unmöglich.

Samir, deine Film sind an den Hofer Filmtagen aufgeführt worden. Wie war dort die Reaktion?
Grossartig. Die Hofer Filmtage sind ein Publikumsfestival – und zwar in Franken, in der deutschen Provinz sozusagen. Die Zuschauer waren hingerissen. Ich habe alle Filme begleitet. Ein wunderbarer Anlass – sehr familiär zum Schluss. Die Leute waren neugierig und überrascht über die Breite meines Filmschaffens. Kurz darauf am Filmfestival in Washington DC, Sektion «Arabian Sites» habe ich den Zuschauerpreis gewonnen.

Wie wichtig sind solche Anlässe?
Für Deutschland war die Aufführung von «Baghdad in My Shadow» sehr wichtig. Nach der erfolgreichen Aufführung und der enthusiastischen Rückmeldung des Publikums, entschloss sich der Verleih, den Film im April 2020 in Deutschland zu starten.

Interview: Rolf Breiner

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«Baghdad in My Shadow» läuft gegenwärtig in den Schweizer Kinos. Der Film startet am 20. April 2020 auch in Deutschland.

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