Die Toten Hosen mit Regisseurin Cordula Kablitz-Post anlässlich der Berlinale 2019

Die Toten Hosen auf Tour | Interview zum Film

Publiziert am 22. März 2019

Cordula und Campino, Gratulation zu diesem temporeichen und energiegeladenen Film!
Campino, das Aushängeschild der Toten Hosen, über einen kurzen Ausraster, seinen Hörsturz und eine illegale nächtliche Wasserparty in einem öffentlichen Schwimmbad. arttv Chefredaktor Felix Schenker hat Sänger Campino und die Regisseurin des Films, Cordula Kablitz-Post, im Rahmen der Berlinale 2019 getroffen.

Der Film läuft gegenwärtig in den Schweizer Kinos

Campino, ein dramatischer Moment in «Weil du nur einmal lebst – Die Toten Hosen auf Tour» ist dein Hörsturz. Wie geht es Dir?
Campino: So weit ist alles wieder okay.

Du flippst im Film ziemlich aus, nachdem der Toningenieur, statt dich zu schonen, den Pegel am Ende des Konzertes extra hochdreht.
Campino: Ja, es ist doof gelaufen an diesem Abend. Normalerweise hat jeder Musiker Spass, wenn er zum Schluss nochmals 10 Prozent drauf kriegt. Aber in diesem Fall war das eine ganz andere Situation.

Ist dir das peinlich, diesen Ausraster auf der Leinwand zu sehen?
Nein, nicht wirklich, das ist ja nur ein kurzer Moment.

Cordula, wie ist es zum Film gekommen?
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit Campino zusammenarbeite. Ich habe ihn vor 10 Jahren im
Rahmen der TV-Reihe «Deutschland, deine Künstler» schon mal portraitiert.

Campino: Wir hatten gemeinsam als Band den Entschluss gefasst, diese Dokumentation zu
machen. Priorität hatten aber die Konzerte. Wir haben Cordula nicht an die Hand genommen
und gesagt, «bei Stück 18 springt einer von uns ins Publikum, halte da drauf!». Sie musste selber schauen, wie sie zu ihren Inhalten kommt.

Der Film zeigt nichts vom Privatleben der Bandmitglieder.
Campino: Ja das war von Anfang an so definiert, um unsere Familien zu schützen. Ich zum Beispiel habe einen vierzehnjährigen Sohn, den kann ich da nicht vorführen und mich später wundern, wenn ihm anschließend die Paparazzi auflauern.

Cordula, hattest du ein Konzept, wie du das Publikum über das rein Musikalische hinaus ansprechen willst?
Ja, ich wollte vor allem die Bandchemie ergründen und verstehen, wie sie es schaffen, nach 37 Jahren immer noch so erfolgreich und trotzdem befreundet zu sein. Dazu filmten wir hinter den Kulissen den Tour-Alltag vor und nach den Konzerten. Die Songauswahl folgte der Dramaturgie des Films und thematisiert die Geschichte der Band anhand ihrer 15 größten Hits, denn jeder Song steht für eine andere Facette der Toten Hosen. Die Stadionhymne „Tage wie diese“ kommt ebenso vor wie ein politisches Lied wie «Willkommen in Deutschland» oder «Pushed again», aber auch eine Rarität wie «Frühstückskorn», eines der sogenannten «Sauflieder» aus den Punk-Anfängen der Band, das wir im Berliner SO36 drehten. In Luzern habe ich mich für den «Bo-Frost-Mann» entschieden, das hat sich bei den Proben spontan ergeben und war dann unglaublich, wie mitreissend die Stimmung beim Schweizer Publikum war.

Campino, kannst du dich an dein erstes Konzert erinnern?
Ja, das war mit 13 oder 14 in London, «Count Bishops», eine Punkband. Damals hatte mich schon begeistert, wie das Publikum durchdreht. Die Energie im Raum war elektrifizierend. Dieses Körperliche, der Schweiss, das enge Zusammenstehen, eine eingeschworene Gemeinschaft zu sein, das hat mich geprägt. Deshalb sind die Toten Hosen wohl auch so eine körperliche Band.

Das vermittelt der Film ausgesprochen gut! Cordula, im Film arbeitest du mit dem Regisseur Paul Dugdale zusammen, er hat die Live-Konzertaufnahmen gedreht.
Das war eine Vorgabe der Toten Hosen, und das ist sicherlich ein Glücksfall. Dugdale hat auch einen Film über die Rolling Stones gemacht. Wir haben uns im Vorfeld darauf verständigt, dass wir sehr nah dran sind und die Band möglichst authentisch drehen wollen, er war verantwortlich für die Bilder bei den Konzerten. Ich wollte, dass sich unsere Bilder von Konzert und der Doku wie aus einem Guss anfühlen, so dass intimere Momente wie im Backstage und im Tourbus zu den Konzertbildern passen.

Campino, hattet ihr ein Vetorecht was den Film betrifft?
Theoretisch hatten wir das, aber so ein Projekt muss von gegenseitigem Respekt und Vertrauen begleitet sein. Es gab einen einzigen Moment, wo für mich der Spass zu Ende war: Am Tag, als ich meinen Hörsturz hatte und Cordula mich fragte, ob sie mich mit der Kamera ins Krankenhaus begleiten könne. Mein Nein hat sie aber sofort akzeptiert. Wie eben auch, dass unser Umfeld nicht im Film vorkommen wollte, um nicht zusätzlich in den Sog der Öffentlichkeit zu geraten.

Cordula, eine lustige Szene ist, als die Band mitten in der Nacht in ein Schwimmbad eindringt und baden geht. Die habt aber gar nicht Ihr gedreht?
Stimmt! Ich konnte ja nicht davon ausgehen, dass mich Campino um zwei Uhr morgens anruft und fragt, ob wir baden kommen. Glücklicherweise hat ein Freund der Band diesen Anlass mit dem Handy dokumentiert. Ich glaube, wir hätten mit unseren schweren Profikameras ohnehin nicht über den Zaun klettern können.

Campino, die Toten Hosen sind bekannt für ihr politisches Engagement gegen rechten Hass. Andere Bands sind da weniger klar und mutig.
Ich schreibe den anderen nicht vor, was sie tun und lassen sollen. Für mich ist es aber eine Frage des Anstands, dass ich mich da zu Wort melde. Das bin ich auch meinen Eltern schuldig.

Vielen Dank für das Gespräch | Interview: Felix Schenker

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