Regisseurin Eva Vitija | © Martin Guggisberg

Interview | Eva Vitija

Publiziert am 17. Januar 2022

«Das Narrativ einer ‹Liebesbiografie› interessierte mich am meisten.»

Auf der Suche nach einer «obsessiven» Frauenfigur stiess die Regisseurin Eva Vitija auf die weltberühmte Schriftstellerin Patricia Highsmith. Eine Autorin, der zu Unrecht das Image anhaftete, eigenwillig zu sein. Vitija widerlegt dieses Bild und zeigt in «Loving Highsmith» eine sehr private Seite: ihr Liebesleben. Anhand Gesprächen mit ihren Liebhaberinnen, ihrer Familie, ihren Tage- und Notizbüchern – 8000-seitige Manuskripte, die in ihrem Tessiner Haus aufgefunden wurden.
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Die Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Vitija ist 1973 in Basel geboren, machte 2002 in Berlin ihr Diplom als Drehbuchautorin und schrieb zahlreiche Spielfilmdrehbücher fürs Kino und Fernsehen. 2015 machte sie im Rahmen eines Masterstudiums an der Zürcher Hochschule der Künste ihren ersten langen Dokumentarfilm als Regisseurin. Der Film «Das Leben drehen – Wie mein Vater versuchte, das Glück festzuhalten» gewann 2016 den Prix de Soleure an den 52. Solothurner Filmtagen und konnte noch viele weitere nationale und internationale Preise verzeichnen.

«Loving Highsmith» wurde produziert von Ensemble Film (Franziska Sonder und Maurizius Staerkle Drux). Der Dokumentarfilm ist eine Koproduktion von Ensemble Film (Zürich), Lichtblick Film- und Fernsehproduktion (Köln) sowie ZDF, Arte, SRF Schweizer Radio und Fernsehen und RSI Radiotelevisione Svizzera.

Eva Vitija, woher die Idee für Ihren Film «Loving Highsmith», der die Solothurner Filmtage eröffnen wird?
Lustigerweise ging mir, als ich 2016 nach der Vorführung meines letzten Films «Das Leben drehen», von Solothurn nach Hause fuhr, durch den Kopf: Nun hab ich einen Film über einen obsessiven Mann gemacht, meinen Vater. Eigentlich würde ich gern mal einen Film über eine obsessive Frau machen. Da tauchte wenig später der Name Patricia Highsmith auf – und ich fand: Das könnte es sein! Ich begann zu lesen, habe gemerkt, dass es noch keinen Kinofilm über sie gab. Und erfuhr dann von ihren unpublizierten Tage- und Notizbüchern im Literaturarchiv. Ich vertiefte mich in deren Lektüre – und wurde unmittelbar in Bann gezogen. Auch wenn Highsmith nicht meine Lieblingsschriftstellerin war, hatte ich schon einiges von ihr gelesen und ein gewisses Bild von ihr. Sie galt vor allem als schwierig. Als ich aber in ihren «Notebooks» las, kam mir so jemand anders entgegen. Ich lernte sie als schwärmerischen Teenager kennen, die sich ständig verknallte und von andern Autoren begeistert war. Diese Diskrepanz faszinierte mich. Auch hiess es, dass sie keine Interviews gab und sehr zurückgezogen im Tessin lebte. Auch das war falsch: Sie absolvierte zum einen ihre Pressearbeit zuverlässig – zum andern hatte sie einen grossen Freundeskreis. Aber das Stereotyp hielt sich beharrlich. Mich interessierte, wie es zu so einem Negativ-Image kommen konnte. Faszinierend war aber auch, dass – immer wenn ich dachte, nun hätte ich sie verstanden – etwas zum Vorschein kam, was alles wieder auf den Kopf stellte. Die Frage blieb: Wer ist Patricia Highsmith wirklich?

Was macht Ihre persönliche Faszination für Patricia Highsmith aus?
Es ist das Unfassbare, Mysteriöse, das sich auch während der Recherchen nie verlor. Nebst ihrer geheimnisvollen Anziehung. Sie war aber auch ein unglaublicher Freigeist: Sie stammt aus einem eher konservativen Milieu, lebte aber, wie sie es für richtig befand. Sie reiste, bestritt ihr Auskommen, lebte ihr lesbisches Liebesleben sehr frei. Und doch war sie gezwungen, bis zu einem gewissen Grad ein Doppelleben zu führen.

Wie verliefen die Recherchen für den Film?
Von Anfang an war klar: Das mit den Rechten würde nicht einfach. Als Erstes kam ich im Rahmen einer Festivalreise mit «Das Leben drehen» nach Texas, wo Nachkommen ihrer Familie lebten. Highsmith war deren Tante bzw. Grosstante. Die Familie war am Anfang skeptisch, empfing mich aber bald herzlich und übergab mir sogar Schachteln mit Fotos, darunter wahnsinnig schöne Bilder aus Pats Kindheit. Das war dann wie der Startschuss für den Film. Gleichzeitig kristallisierte sich in den zwei, drei Jahren der Recherche heraus, dass mich das Narrativ einer «Liebesbiografie» am meisten interessiert und es für mich am spannendsten sein würde, ihre Freundinnen zu interviewen.

Patricia Highsmith hatte eine Vielzahl an Liebhaberinnen. Wie kam es zur Auswahl für den Film?
Ein entscheidendes Kriterium war sicher, wer überhaupt noch lebt. Highsmith hatte ja vor allem in den Vierzigern bis Mitte Fünfziger ein wildes Liebesleben mit vielen Affären. Eine Frau etwa habe ich sehr lange gesucht, die in den Tagebüchern und Biografien anonymisiert war – und dann ist der Name jemandem entschlüpft. Aber sie war soeben verstorben. Das war bitter. Ich hatte sie verpasst…

In Ihrem Film nun «Caroline»…
Genau. Das war überhaupt eine Knacknuss bei den Recherchen: Der Zusammenhalt war gross, und der Kodex lautete: Niemand wird geoutet. So hatte ich zwar eine lange Liste von Frauen, von denen aber viele anonymisiert waren oder Allerweltsnamen trugen wie «N. Smith». Es war also richtiggehende Detektivarbeit, um auf die Frauen zu stossen, die nun auch im Film sind und die bereit waren mitzumachen.

Wie war das mit dem Archivmaterial: War es schwierig, da dranzukommen?
Die Interviews sind praktisch alle aus TV-Beiträgen aus Deutschland, Frankreich, England, den USA, der Schweiz. Die Homemovies erhielt ich von der Familie als Filmrollen, die ich erst digitalisieren musste, um den Inhalt überhaupt anschauen zu können, teils waren sie aber nicht mehr verwendbar. Auch das Rodeo-Material stellte mir Highsmith’ Familie zur Verfügung, die eng mit dem Rodeo verbunden ist.

Highsmith’ Tage- und Notizbücher wurden nach ihrem Tod 1995 in ihrem Haus im Tessin entdeckt. Was brachten diese für Sie zutage?
Ich habe zuerst die Notizbücher gelesen, die «Cahiers», wie Highsmith sie nannte. Die Tagebücher wurden erst später freigegeben. Es sind sehr emotionale Aufzeichnungen, und Patricia kommt einem sehr nah darin. Auch wenn es in der Mitte ihres Lebens einen Bruch gibt, mit dieser unglücklichen Liebesgeschichte zu einer verheirateten Frau, und der Ton ab dann eher bitter wird.

Wieso dauerte es so lange, bis sie publiziert wurden – 2021, bis zu ihrem 100. Geburtstag?
Ich glaube, weil das editorisch eine Herkulesaufgabe war. Es sind etwa 8000 Seiten, teilweise in anderen Sprachen, in teils lustigem Deutsch oder Spanisch. Nur schon das Entziffern war eine Herausforderung. Der Diogenes-Verlag hat nun beides kombiniert, Tagebücher und Cahiers. Highsmith schrieb in die «Diaries» eher Privates, in die Cahiers eher Berufliches – ohne das strikt einzuhalten.

Ich finde den Flow Ihres Films bemerkenswert: die Interviews, die Bildzeugnisse, die Archivaufnahmen, krakelig geschriebene Manuskripte oder Ausschnitte aus Verfilmungen – dies alles verbindet sich zu einem organischen, spannungsreichen Ganzen. Wie entstand die Struktur dazu? Wie die Montage?
Rebecca Trösch war die Cutterin, und wir sassen fast ein Jahr im Schnittraum, um das viele Material auf 82 Minuten zu bringen. Das Ganze ist nicht ganz unähnlich vom Prozess für meinen letzten Film: die Verquickung von Archiv- mit neu gedrehtem Material. Klar war, dass Highsmith’ Quotes durch den Film führen sollen, quasi als ‹innere Stimme›. Grundsätzlich finde ich, dass in ihrem Werk viel aus ihrem privaten Leben drin ist. Weshalb mir sehr daran lag, die Sequenzen aus den Verfilmungen ihrer Romane eng mit ihrer Person zu verknüpfen, wenn nicht zu verschmelzen.

Eine letzte Frage: Haben Sie ein Lieblingsbuch von Highsmith?
Ich habe wahnsinnig gern «Sweet Sickness» («Der süsse Wahn») gelesen und war sehr fasziniert von der Liebesgeschichte, die darin geschildert wird und die komplett in der Imagination stattfindet: Ein Mann ist in eine Frau verliebt, die nichts von ihm wissen will. Er jedoch kauft eine Wohnung, richtet sie ein – immer in der Annahme, dass er mal mit ihr dort wohnen wird. Diese Illusion einer perfekten Liebe, die einzig in der Vorstellung existiert – das hat für mich viel mit Highsmith zu tun: dieses Verschwimmen der Grenzen zwischen Realität und Imagination.

Ein Interview von Doris Senn

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