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Filmporträt | Adolpha Van Meerhaeghe | Ich habe meinen Mann getötet!

Publiziert am 08. September 2019

Adolpha Van Meerhaeghe hat ihren Mann umgebracht, weil er sie jahrelang missbrauchte. «Die Kunst hat mich gerettet», sagt die nur 150 Zentimeter grosse Frau. Sie malt, schreibt ein Buch und spielt im Film «Les invisibles» wortwörtlich die Rolle ihres Lebens. arttv Filmredaktor Geri Krebs hat Van Meerhaeghe und den Regisseur des Filmes, Louis-Julien Petit, anlässlich des Kinostarts in Zürich getroffen. Mehr lesen
Les Invesibles

Adolpha wird zu Chantal
Die obdachlose Chantal bringt ihre Sozialarbeiterin Audrey zur Verzweiflung. «Ich habe meinen Mann umgebracht, weil er mich immer geschlagen hat», sagt sie während eines Vorstellungsgesprächs. Audrey will Chantal einen kleinen Job bei einer befreundeten Familie verschaffen. «Ich repariere Haushaltsgeräte. Das habe ich im Gefängnis gelernt», erzählt Chantal. «Hör’ auf mit deiner Geschichte», bittet Audrey die korpulente kleine Frau. Die potenziellen Arbeitgeber haben ihnen zuvor entsetzt die Türe vor der Nase zugeschlagen. «Nein, man muss reden» erwidert Chantal und gibt sich überzeugt: «Wer nicht redet, wird depressiv». Die Szene in «Les invisibles», in der Chantal sich um Kopf und Kragen redet, ist eine Schlüsselszene im tragikomischen Sozialdrama von Louis-Julien Petit, das gegenwärtig in unseren Kinos läuft. Im Film werden rund ein Dutzend obdachlose Frauen gezeigt, die zu grossen Teilen sich selber spielen. Chantal ist in Wirklichkeit Adolpha Van Meerhaeghe, 1948 im nordfranzösischen Lille geboren. Die Geschichte von der Tötung ihres Mannes entspricht der Realität. Ihre Reparaturkünste dagegen sind Fiktion, sie wurden für ihre Filmfigur Chantal erfunden.

Die Kunst als Lebensretter
Im Foyer eines Zürcher Hotels treffen wir an einem Septembermorgen Adolpha Van Meerhaeghe zusammen mit Regisseur und Dehbuch-Co-Autor Louis-Julien Petit. Letzterer sagt zur Motivation seines Filmprojekts: «In Frankreich leben 10 Millionen Menschen in Armut, bei einer Gesamtbevölkerung von 67 Millionen – und das in einem der reichsten Länder der Welt. Das ist eine Schande.» Der Regisseur weiss wovon er spricht, sein erster Film, «Discount», spielte im Milieu der miserabel bezahlten Angestellten internationaler Grossdicouter wie Lidl und Aldi. Auch sein zweiter Film «Carole Mathieu», ein Thriller um einen Arbeitsmediziner mit Isabelle Adjani, war eine starke soziale Anklage. Doch so wie es sich schon bei diesen beiden Vorgängerfilmen um alles andere als todernste Dramen handelte, so kommt auch in«Les invisibles» der Humor nicht zu kurz. Adolpha Van Meerhaeghe strahlt Fröhlichkeit aus. Auf die Frage, wie sie sich in der Welt des Films fühle, antwortet sie mit breitem Grinsen: «Bien, très bien». Aber es sei nicht das Kino gewesen, das sie gerettet habe, «es ist die Kunst ganz allgemein». Van Meerhaeghe schrieb ein Buch über ihr Leben, «Une vie bien renger» kam vor zwei Jahren auch auf die Theaterbühne. Noch vor dem Schreiben widmete sie sich der Malerei; «Art brut», wie sie stolz erklärt. Ihre Kunstwerke zeigt sie in Ausstellungen in ihrer Heimatregion Lille. «Und ich arbeite in Workshops mit Frauen, die wie ich früher auf der Strasse lebten. Ich darf mich jetzt Kunsttherapeutin nennen. Und das bleibe ich solange ich lebe».

Gewalt und Elend
Elf Monate war Adolpha Van Meerhaeghe im Jahr 1987 wegen der Tötung ihres Ehemannes, mit dem sie fast zwanzig Jahre verheiratet war, im Gefängnis. Eine kurze Haftzeit, denn sie konnte vor Gericht Notwehr geltend machen. Ihre Ehe muss die Hölle gewesen sein. Immerhin sind vier Kinder aus dieser Beziehung hervorgegangen, sie sind heute zwischen 46 und 53 Jahre alt. Van Meerhaeghe hat noch eine dreissigjährige Tochter von einem Mann, mit dem sie eine kurze Beziehung hatte, nachdem sie aus dem Gefängnis gekommen war. Danach lebte sie auf der Strasse, während fast 15 Jahren. Alkoholismus, Gewalt, die ganze Palette an Elend hat sie erlebt. Und ihre Kinder? «Die haben sich abgewandt von mir, als ich so im Elend lebte», erzählt sie und lachend fügt sie an: «Heute sind sie stolz darauf, eine so berühmte Mama zu haben». Sie sagt das nicht ohne bitteren Unterton. Man merkt, dass sie nicht mehr dazu sagen möchte, ausser: «Die Beziehung zu meinen Kindern ist immer noch schwierig».

Selfie mit dem französischen Präsidenten
«Les invisibles» feierte seine Premiere vor gut einem Jahr am Filmfestival von Angoulême, danach wurde er in zahlreiche Länder verkauft, beispielsweise nach Japan und Amerika. «Für die USA konnte ich kürzlich sogar die Rechte für ein Remake» verkaufen, erzählt Regisseur Louis-Julien Petit – worauf Adolpha Van Meerhaeghe fragt: «Ein was?» Petit erklärt es ihr. «Seht ihr! Ich bin trotz allem noch nicht so vertraut mit der Welt des Films» bemerkt die kleine Frau grinsend. Stolz erzählt sie, dass sie dank des Films bis den Élysée-Palast gekommen sei. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat sich «Les invisibles» angeschaut und daraufhin Crew und Cast in seinen Regierungssitz eingeladen. «Was halten Sie vom französischen Präsidenten, wie haben Sie ihn erlebt?», wollen wir wissen. «Er singt gut», lacht sie und nimmt dann ihr Handy hervor, zeigt ein Foto von Macron und ihr. Louis-Julien Petit meint, dass er die berechtigte Hoffnung habe, sein Film werde in der Politik etwas bewirkt. Erste Spuren glaubt er zu erkennen. Nach ihrem Besuch im Élysée wurde das Rathaus von Paris als Schlafplatz für 50 besonders bedürftige obdachlose Frauen hergerichtet. Macron habe ausserdem verfügt, dass im ganzen Land Sitzbänke und andere Schlafgelegenheiten nicht mehr so verändert werden dürfen, dass sie das Liegen verhindern. Eine Anfangsszene in «Les invisibles» zeigt, wie Spitzen und Haken an Parkbänken angebracht werden, daher sieht der Regisseur hier einen Zusammenhang.

Zum ersten Mal im Ausland
Für Adolpha Van Meerhaeghe ist ihr Aufenthalt in Zürich eine Weltpremiere: «Ich bin das erste Mal im Ausland und ich bin auch zum ersten Mal geflogen – und ich hatte gar keine Flugangst», lacht sie. Dass sie zuvor noch nie im Ausland war, hat vor allem damit zu tun, dass sie bis vor Kurzem keinen Pass hatte, erklärt Louis-Julien Petit. Ausserdem ist die Schweiz bisher das einzige Land, wohin sie eingeladen worden sei. Dass sie sich in der Fremde offensichtlich wohl fühlt, zeigte sich beim Publikumsgespräch, das der Vorpremiere von «Les invisibles» folgte. Sie habe da noch etwas für das Publikum, sagt die kleine Frau zum Schluss und beginnt a capella zu singen: «Non, je ne regrette rien». Im Film haben die meisten der obdachlosen Frauen einen Künstlerinnennamen, benennen sich nach Frauen, die sie besonders beeindrucken: Brigitte Macron, Lady Di, La Cicciolina oder Salma Hayek. Adolpha Van Meerhaeghe hätte sich gerne Edith Piaf genannt – leider war der Name schon von einer anderen Mitwirkenden im Film besetzt.

Text: Geri Krebs

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Das Gespräch mit Adolpha Van Meerhaeghe und Louis-Julien Petit fand im September 2019 in Zürich statt.
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