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Rezension | Flee

Publiziert am 20. Juni 2022

Ein packender, animierter Dokumentarfilm, der auf der Fluchterfahrung eines Kindheitsfreundes des Regisseurs basiert.

Regisseur Jonas Poher Rasmussen webt einen wunderschönen Wandteppich aus Bildern und Erinnerungen, um die tief bewegende Geschichte eines jungen Mannes zu erzählen, der sich mit seiner traumatischen Vergangenheit auseinandersetzt, um seine Zukunft zu retten. Ein aussergewöhnlicher Film, der in die Kinogeschichte eingeht, als erster, der gleich in drei Kategorien für den Oscar nominiert wurde: als bester internationaler Film, bester Dokumentarfilm und bester Animationsfilm!
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Flee | Synopsis

Amin ist 36 Jahre alt, lebt in Dänemark, ist ein anerkannter Universitätsdozent und wird demnächst seinen Partner heiraten. Doch kurz vor der Hochzeit holt ihn die Vergangenheit ein und lässt ihn die Jahre seiner Jugend nacherleben, als er, in der Hoffnung Asyl zu erhalten, nach einer langen Reise von Afghanistan nach Nordeuropa kam. «Flee» ist die Geschichte einer Flucht, die zu einer Hymne auf das Leben und die Freiheit wird, eine Lebensreise voller Herausforderungen und ansteckender Freude, eine wahrhaftige und poetische Chronik der Suche nach dem Glück, die wir von der eigenen Stimme des Protagonisten erfahren.

Flee | Weitere Stimmen

«‹Flee› ist ein bemerkenswert menschlicher und komplexer Film, der eine oft zu sehr verkürzte Geschichte ausbreitet und vertieft.» – Benjamin Lee, The Guardian | «‹Flee› mag vielleicht nicht der beste Animationsfilm der letzten beiden Jahre gewesen sein, wohl aber einer der wichtigsten. Es gelingt hier, selbst ohne viel Manipulation tiefe Gefühle zu erzeugen.» – Oliver Armknecht, Film-Rezensionen | «Die Animation verleiht ‹Flee› eine Fremdartigkeit, die ein konventioneller Dokumentarfilm nicht haben könnte und die vielleicht Amins eigene Entfremdung widerspiegelt. Er ist nicht unglücklich, aber seine Gesichtszüge scheinen in Melancholie gehüllt zu sein, ein Zustand, den Rasmussen eher mit Sympathie als mit Sentimentalität behandelt.» – A.O. Scott, the New York Times

Rezension

von Doris Senn

«Flee» ist die Geschichte einer Flucht. Eine wahre Geschichte – und gerade wieder von grosser Aktualität. Amin, die Hauptfigur, musste minderjährig in den Neunzigern mit seiner Familie aus Afghanistan fliehen, fand in Russland illegal Unterschlupf, um so dann nach Westeuropa zu gelangen. Dazwischen liegen Todesangst, Gewalt, Übergriffe – unzählige traumatische Erlebnisse. Die Familie, deren Verbundenheit sie das Ganze überhaupt durchstehen liess, wurde schliesslich in alle Himmelsrichtungen versprengt. Seine Geschichte behielt Amin lange für sich. In «Flee» erzählt er sie zum ersten Mal.

Wie sich der Erinnerung stellen?
Der dänisch-französische Regisseur Jonas Poher Rasmussen, der jüdische Wurzeln hat und dessen Familiengeschichte ebenfalls von Flucht und Diaspora geprägt ist, hat für diese Themen eine besondere Sensibilität. Rasmussen kennt «Amin» – ein Pseudonym, um die Beteiligten zu schützen – seit Schulzeiten. Das Projekt, seine Geschichte zu verfilmen, datiert lange zurück – doch erst musste Amin für sich so weit sein, sich zu öffnen, und dann erst verhalf die Idee, einen Animationsfilm zu drehen, zur nötigen Distanz, um die Anonymität der Betroffenen zu gewährleisten (ein Teil der Familie ging zurück nach Afghanistan).

Was bedeutet «Heimat»?
Zu Beginn des Films wird Amin gefragt, was «Heimat» für ihn bedeute. «Sich sicher fühlen», antwortet Amin darauf. Doch wie kann man sich je wieder sicher fühlen nach so traumatisierenden Erlebnissen? «Flee» nutzt für seine Erzählung eine Art therapeutisches Setting, in dem Amin auf einer Couch liegt und erzählt: von seiner frühen Kindheit bis in die Gegenwart als 36-jähriger Wissenschaftler mit Lebenspartner in Kopenhagen. Er gibt Einblick in bisher Ungesagtes und Unverarbeitetes, das bis heute Angst macht und Amin immer wieder verstummen lässt. Für seine Erzählung nutzt der Film hybride Techniken: Youtube-Archivfilme aus den Achtzigern und Neunzigern über Afghanistan und Moskau, die für die Verortung der Schauplätze in der Zeitgeschichte sorgen. Eine konventionelle 2-D-Animation zeichnet die Vergangenheit in Flashbacks nach, gibt Einsicht in Amins aktuelles Leben. Dazwischen immer wieder impressionistische Sequenzen mit flüchtigen Pinselstrichen in Schwarz und Weiss, wenn es um traumatische Erinnerungen, um Verdrängtes geht – Menschen, die durch Schnee und Kälte flüchten, oder Flüchtlinge, eingeschlossen in einem überfüllten Schiffscontainer in Todesangst.

Grossartiges Drama – vielfach ausgezeichnet
«Flee» erhielt mehr als 80 Auszeichnungen und schrieb Oscar-Geschichte – als erster Animationsfilm, der gleich in drei Kategorien nominiert war: als «bester internationaler Film», als «bester Dokfilm» und «bester Animationsfilm». Nicht weniger als zehn Länder waren in die aufwendige Produktion des Werks involviert, des erst dritten langen Dokumentarfilms des 41-jährigen Regisseurs. Virtuos erzählt, vermittelt «Flee» ein ebenso erschütterndes wie authentisches Bild von der Realität heutiger Flüchtlingsodysseen. Aber auch von Hoffnung in die Kräfte menschlichen Überlebens und der Selbstheilung.

Fazit: «Flee» ist ein hochaktuelles Flüchtlingsdrama, brillant umgesetzt als Animationsfilm mit Realfilm-Einsprengseln, und führt einnehmend die traumatischen Erlebnisse einer mehrjährigen Flucht vor Augen.

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Flee | Regie: Jonas Poher Rasmussen | Animation, Dokumentarfilm | 93 Minuten | Dänemark, 2021 | Verleih: Filmcoopi

Kinostart
Deutschschweiz: 21. Juli 2022
Französische Schweiz: 24. August 2022

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