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Rezension | Tout s'est bien passé

Publiziert am 24. Januar 2022

Eine authentische und einfühlsame Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema der Sterbehilfe

François Ozon ist einer der produktivsten Regisseure seiner Generation und bekannt dafür, vor kontroversen Themen nicht zurückzuschrecken – und doch zögerte er mit der Umsetzung dieses Films. Das Familiendrama widmet sich einer Vater-Tochter-Beziehung, die auf die Probe gestellt wird, als der Vater einen letzten Wunsch einfordert. Eine berührende Filmadaption, die auf der persönlichen Erfahrung der verstorbenen Autorin Emmanuèle Bernheim beruht, mit der Ozon eng befreundet war.
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Tout s’est bien passé | Synopsis

Im Alter von 85 Jahren wird Emmanuèles Vater nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert. Als er aufwacht, teilweise gelähmt und auf Hilfe angewiesen, bittet er seine geliebte Tochter, ihm beim Sterben zu helfen. Emmanuèle und ihre Schwester sind geschockt; sie tun alles, damit ihr Vater wieder Freude am Leben hat. Jedes noch so kleine Zeichen gibt ihnen Hoffnung. Aber letztendlich müssen sie sich der Tatsache stellen, dass er seine Meinung nicht ändern wird. Ihr Einsatz wird zu einem letzten, wunderbaren Beweis ihrer Liebe. François Ozons bewegendster Film nach der gleichnamigen Erzählung der Autorin Emmanuèle Bernheim (1955 – 2017), die 2013 bei Gallimard veröffentlicht wurde und 2014 den Grand Prix des lectrices du magazine ELLE gewann.

Rezension

von Madeleine Hirsiger

«Alles ist gut gegangen.» Das ist der letzte Satz, der im neusten Film des 55-jährigen Franzosen François Ozon gesagt wird. Bis es so weit ist, muss vor allem Emmanuèle einen dramatischen und leidensvollen Weg gehen. Ein Schlaganfall ihres 85-jährigen Vaters bringt sie und ihre Schwester Pascale an ihre Grenzen. Er ist ein Patriarch, Industrieller und Kunstsammler, dieser André Bernheim, der es zu Geld gebracht hat, dem alle gehorchen müssen und niemand widersprechen darf. So sind die beiden Schwestern aufgewachsen: ohne Liebe und einer strengen Erziehung.
Und nun liegt er im Spital, einseitig gelähmt, abhängig von Ärzt:innen und Pflegepersonal.

Die glaubhafte Erzählweise

Diese Art von Geschichten wurden schon einige erzählt. Aber Ozon gelingt es, eine genaue Analyse dieser familiären Verstrickungen aufzuzeigen, in einer atmosphärischen Dichte und mit einer Detailgenauigkeit, die fasziniert. Zu Beginn des Films, als Emmanuèle an ihrem Schreibtisch die telefonische Mitteilung bekommt, ihr Vater liege im Spital, steht sie auf, nimmt Jacke und Handtasche, rennt die Treppe hinunter und sieht alles verschwommen: Sie hat ihre Linsen vergessen, rast wieder in die Wohnung, setzt ihre Linsen ein und dann geht es los. Solch kleine Geschichten geben der Figur Persönlichkeit und der Geschichte eine Vielschichtigkeit.

Wohlhabend und dysfunktional

Die beiden Schwestern sind sich nah – aber nur die Hauptfigur Emmanuèle, die täglich ins Spital geht, wird in kurzen Rückblenden in die Kindheit genauer gezeichnet, immer zusammen mit ihrem alles überwachenden Vater. Man versteht die Ambivalenz, die sie in dieser Situation zu ihm hat, aber ihre Schwester Pascale steht ihr zur Seite: wenn es darum geht, ihm eine Vollmacht zum Unterschreiben zu geben oder wenn es um die Verlegung in ein anderes Spital geht. Und dann ist da noch die resignierte Mutter Claude, eine Künstlerin, an Parkinson erkrankt, die schon lange nichts mehr mit ihrem Ehemann zu tun hat, obwohl sie immer noch in einem grossen Haus unter einem Dach wohnen. Doch der Schlaganfall ihres Mannes geht sie nichts an. Es taucht auch immer wieder ein gewisser Gérard auf, der ins Spital stürmt und unbedingt zu André will, der aber immer wieder abgewiesen wird. Und über alldem ist der unerschütterliche Wunsch von André, in die Schweiz zu reisen, um zu sterben. Und hier kommen die Schwestern an ihre Limiten, realisieren aber, dass sie ihm diesen letzten Wunsch nicht abschlagen können.

Der Cast

Eine starke Leistung erbringen alle Schauspieler:innen, François Ozon hat hier hochkarätige Leute zusammengebracht, die ihre Rollen hervorragend interpretieren: Allen voran Sophie Marceau als Emmanuèle, der man jede Geste, jede Regung, jede Verzweiflung abnimmt, Géraldine Pailhas als ihre Schwester Pascale, die sehr gut mit Emmanuèle harmoniert, den nicht wiederzuerkennenden André Dussolier als gelähmter André Bergheim, die unglaubliche Charlotte Rampling als verbitterte Ehefrau, die am Stock geht und zuletzt die wunderbare Hanna Schygulla als Vertreterin einer Sterbehilfe-Organisation aus der Schweiz.

Fazit: «Tout s’est bien passé» – ein vielschichtiger Film über ein virulentes Thema, hervorragend gespielt und inszeniert und einem nie kalt lässt. Ein Kinoerlebnis erster Güte.

Tout s’est bien passé | Weitere Stimmen

«Dies ist nicht Ozons grösster Film, aber er ist ein liebevolles Dokument des Mitgefühls und der Solidarität für die Tapferkeit seiner verstorbenen Freundin.» – David Rooney, Hollywood Reporter | «Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas versteht es Ozon, in seiner gewohnt zärtlich-leichtfüssigen Art zu erzählen.» – ZFF | «‹Tout s’est bien passé› ist der Titel des Buches und des Filmes. Und am Ende auch der entscheidende Satz, der via Telefon aus Bern kommt – in seiner ganzen Ambivalenz so schillernd, konkret und stark wie der Film.» – Sennhausers Filmblog

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Tout s’est bien passé | Regie: François Ozon | Drama | 113 Minuten | Frankreich, 2021 | Verleiher: Filmcoopi

Kinostart
Deutschschweiz: 14. April 2022
Französische Schweiz: 29. September 2021

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