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Kunsthaus Baselland | Online-Führung | Stefan Karrer

Publiziert am 08. April 2020

Original und Reproduktion – Stefan Karrer übersetzt eines der ewigen Themen der Kunst in die digitale Gegenwart.

Regelmässig dürfen junge Positionen das Kunsthaus Baselland für sich einnehmen, die Online-Führung gibt einen Einblick in die «Solo Position» mit Stefan Karrer.
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Stefan Karrer (*1981 in Basel, CH), lebt und arbeitet in Wien. Er studierte Musik und Medienkunst (BA) sowie Contemporary Arts Practice (MA) an der Hochschule der Künste Bern. Er ist Träger des Basler Medienkunstpreises 2017 und war 2019 Stipendiat der Atelier Mondial Residency in Johannesburg und Kapstadt.

Bildlegende: Stefan Karrer, oO., 2020, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2020. Foto: Gina Folly

Die Höhle der Kalypso
«Keine Höhle, aber schöne Aussicht» — Die mediale Kommunikation über einem der einst wichtigsten mythologischen Orte auf der maltesischen Insel Gozo, die Höhle der Kalypso, zeugt von Enttäuschung. Seit 2012 ist die Höhle, in der laut Legende die Nymphe Kalypso Odysseus sieben Jahre lang als «Liebesgefangenen» hielt, wegen Einsturzgefahr geschlossen; heute dient daher eine zweite Höhle in unmittelbarerer Nähe als Ort der Sehnsucht auf den Social-Media-Kanälen. Auf Instagram ist unter #calypsocave schon längst nicht mehr nur der Ursprungsort gemeint. Das mag an die kulturhistorisch berühmten Höhlen im französischen Lascaux erinnern. Heute firmiert unter dem Namen Lascaux IV bereits die vierte perfekte Reproduktion der seit den 1980er-Jahren geschlossenen Originalhöhle. Auch hier finden sich in den Social Media mehrheitlich Kommentare, die Reproduktion sei ohnehin eindrücklicher als das Original. Das Internet ermöglicht zu Orten wie jenen digitale Touren, wodurch das körperliche Präsenzsein nicht mehr unabdingbar ist. Und überhaupt scheint oftmals eine Enttäuschung einzusetzen in jenem Moment, in welchem man dem digital millionenfach bereisten, kommentierten, fotografisch veränderten Ort, der Landschaft, Stadt, Ausstellung oder auch Person dann tatsächlich gegenübersteht. Ist die im Netz verbreitete Welt inzwischen verführerischer als das Original?

Original und Reproduktion
Hier setzt Stefan Karrer an. In seinem Parcours durch die raumgreifende und die Besucher*innen einnehmende Video- und Soundinstallation im Kunsthaus Baselland ist es einerseits eine von ihm erstellte Website, die unter #calypsocave als Loop eine im Netz gefundene Auswahl von Fotos und Bildunterschriften zeigt. Bilder, Kommentare, aber auch variierende Kurzbeschriebe zum Mythos der Höhle der Kalypso — die schon lange nicht mehr nur den Ursprungsort meinen. Die Installation zeigt daher, so Karrer, den möglicherweise stattfindenden Transfer des mythologischen Orts auf die andere Seite der Bucht aufgrund dieser Instagramability — ein Zurechtrücken der Wirklichkeit zugunsten ihres digitalen Abbilds im sozialen Netzwerk. 2019 entstanden auf Veranlassung der Inselbehörde 3D-Scans der «originalen» Kalypso-Höhle um diese zu renovieren und erneut zugänglich zu machen. Bislang entsprachen die Resultate jedoch nicht den Erwartungen. Hat man sich bereits an andere Bilder gewöhnt?

!Ping
Einen Schritt weiter im Raum begegnen wir «!Ping», einem digitalen Assistenten, der sich noch in der Entwicklungsphase befindet. Die von Karrer in den Räumen präsentierte Website zeigt nun den digitalen Begleiter im Zustand der Entwicklung. Was im ersten Moment drollig, helfend und unterstützend anmuten mag, sollte – denkt man dieses «Produkt» zu Ende — eher in Unruhe versetzen: «!Ping» kann aus den Dateien, die im Suchfeld geladen sind, oder auch aus Spracheingaben einen eigenen Sinn erzeugen. Dies setzt nicht zuletzt voraus, dass er nonstop zuhört, online und mit Systemen und Algorithmen verbunden ist. Erst nach eigener längerer Untätigkeit am Computer verfällt «!Ping» in eine Art Schlafzustand, in dem er, so Karrer, wohl von Dateien, Passwörtern und Internetadressen aus seiner Vergangenheit träume. Die digitale Welt blickt auf uns zurück. Hier liegt denn auch das Besondere im Schaffen von Stefan Karrer. Er ist nicht der Künstler, der in seinen Arbeiten den moralischen Zeigefinger hebt. Vielmehr ermöglichen seine Werke ein Verständnis und eine Sensibilisierung für Phänomene, die längst ihren Lauf nehmen und uns, die wir bereits mehr oder weniger in digitale und virtuelle Welten eingestiegen sind, leiten und unser Handeln teils auch wesentlich bestimmen.

Text: Kunsthauses Baselland, OT

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