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Tanzszene Schweiz | Marine Besnard | Von der Tänzerin zur Choreografin

Publiziert am 15. November 2019

Tanzen war ein Hobby, eine grosse Leidenschaft und wurde zu ihrem Beruf – doch was kommt nach der Tänzerinnenkarriere?
Profitänzerin Marine Besnard entdeckte das Choreografieren für sich. Mit ihrer Arbeit schlägt sie eine Brücke in andere Arbeitswelten, ebenso schätz sie an ihrer neuen Ausrichtung die interdisziplinäre Zusammenarbeit hinter der Bühne. «2038 – Female Frequency», heisst ihr aktuelles Stück. Es hinterfragt die Rolle der Frau in Gesellschaft, Wissenschaft und Ökonomie.

Das Portrait über Marine Besnard entstand im Rahmen der Serie «Tänzer*innen im Wandel», die dank Unterstützung der Else v. Sick Stiftung realisiert werden konnte. Darin werden Protagonisten*innen der Schweizer Tanzszene portraitiert, die den ständigen Wandel der Szene als Herausforderung annehmen.

Aussergewöhnliche Aufführungsorte
Im Zürcher «Kraftwerk» an der Selnaustrasse erwachen die Co-Working Spaces zu ungewohntem Leben. Vier Tänzerinnen verwandeln die hippe Bürolandschaft aus aufeinandergestapelten Baucontainern und Brockenhaus-Mobiliar in die Vision einer gar nicht so fernen Zukunft, in der Frauen mit grösster Selbstverständlichkeit über technische Tools gebieten. «2038 – Female Frequency» heisst das zeitgenössische Tanzstück, das in der ehemaligen Transformatorenhalle das Publikum in seinen Bann zieht. Bespielt wird der ganze Raum; die Zuschauenden wandern durch Korridore, alte Steuerzentralen, Bürocontainer und entdecken gleichzeitig mit der Tanzinterpretation die versteckten Ecken des aussergewöhnlichen Aufführungsorts.

Diskutieren statt interpretieren
Die Genfer Choreografin Marine Besnard will mit den Mitteln des Tanzes zum Nachdenken anregen. Ihre Arbeiten gehen weit über die Interpretation von Bewegungsabläufen hinaus. Dass Frauen heute in der Wissenschaft und in den Technologiebranchen wenig vertreten sind, findet sie problematisch. Es brauche den Einfluss beider Geschlechter, um die Entwicklung sinnvoll zu gestalten. Ihr Stück soll Diskussionen über die Rolle der Frau in Gesellschaft, Wissenschaft und Ökonomie provozieren. Nach jeder Aufführung findet darum ein Publikumsgespräch mit geladenen Fachleuten statt.

Vom Hobby zur Leidenschaft
Wie viele Mädchen ging auch Marine als Kind gerne ins Ballett, doch Tanzen war für die Genferin lange nur eine Freizeitbeschäftigung. Später wurde es zur Leidenschaft. Dass sie den Tanz auch zu ihrem Beruf machen könnte, schloss Marine Besnard zunächst aus. Zu schwierig wäre diese Laufbahn, und zu beschränkt die Möglichkeit, genügend Geld zum Leben zu verdienen. Und doch liess der Traum sie nicht los.

Der Mut kam mit der Ausbildung
Erst in Grossbritannien, an der «Northern School of Contemporary Dance» in Leeds, nahm der Traum konkrete Formen an. Für ihre Abschlussarbeit in «Arts Management» erarbeitete Marine Besnard ein Konzept zur Gründung einer Tanzcompagnie mittels Crowdfunding. Sie fasste den Mut, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Seit 2014 choreografierte sie mit Erfolg eigene Stücke, von denen die Schaufensterproduktion «Seethrough» in Genf, Winterthur und Zürich bisher am meisten Aufmerksamkeit erhielt. Daneben tanzte sie auch selbst in Stücken erfolgreicher Choreograf*innen wie Akram Khan, James Cousin oder Lea Anderson – neben vielen anderen.

Kein Ersatz, sondern eine Ergänzung
Mehrere Verletzungen zwangen Marine Besnard immer wieder, tänzerisch kürzerzutreten. Das Choreografieren sieht sie dennoch nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung ihrer Laufbahn. Der Wechsel von der Tänzerin zur Choreografin entspricht ihrer persönlichen Entwicklung. In ihren ersten eigenen Stücken tanzte sie noch selbst mit. Heute geniesst sie es, sich ganz auf die Arbeit mit ihren Protagonist*innen zu konzentrieren. Die Kreation, die jetzt stärker aus dem kollaborativen Prozess mit den Tänzer*innen entsteht, ist aber nur ein Teil ihrer Arbeit. «Eine Aufführung entsteht immer im Zusammenspiel mit anderen Spezialist*innen für Licht, Dramaturgie, Kostüm und Musik», betont Marine Besnard. Das sei den Zuschauenden oft weniger bewusst. Dabei sei es gerade diese Vielfalt, die sie an ihrem Beruf so schätze.

Zeigen, was sich nicht sagen lässt
Das Organisieren liegt ihr. Darum produziert sie längst auch Stücke für andere Compagnien und mit weiteren Choreograf*innen. Daneben arbeitet sie als Produktionsleiterin eines (noch) kleinen Start-ups. Denn so weit, dass sie nur von ihren eigenen Kreationen leben könnte, ist sie noch nicht. Ihr Traum wäre es, mit ihrer Arbeit auch im unternehmerischen Kontext Fuss zu fassen. Die Idee hat sie aus England: «Dort gehört der Tanz viel selbstverständlicher zum Alltag als in der Schweiz», erzählt die Choreografin. Statt lange Schriftstücke über die Beweggründe des Managements abzugeben, wäre es eingängiger, Veränderungsprozesse in Tanz umzusetzen. «Tanz spricht die Menschen auf einer emotionalen Ebene viel direkter an», weiss Besnard und ergänzt: «Über die Bewegung kann man Dinge ausdrücken, die sich nur schwer in Worte fassen lassen». Genau das sei die Arbeit, die sie als Choreografin leiste. Wenn sie damit Verständnis erreicht, ist sie glücklich.

Text: Nina Scheu

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