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Film-Tipp «Islam of My Childhood» von Nadia Zouaoui

Arab Film Festival Zurich | Interview | Michel Bodmer

Publiziert am 11. November 2020

Das Arab Film Festival Zurich findet vom 19. bis 29. November zum fünften Mal statt und gibt Einblick in das aktuelle Filmschaffen aus dem arabischen Raum. Doris Senn hat für arttv mit Michel Bodmer, dem Co-Leiter des Festivals, gesprochen. Er verrät, wieso es so viele gute arabischstämmige Regisseurinnen gibt und welcher der vielen inspirierenden Filme des Programms exemplarisch den innerislamischen Diskurs repräsentiert.
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Film-Tipp des Festival Co-Leiters Michel Bodmer:

Islam of My Childhood
Nadia Zouaoui, 1988 als 19-Jährige aus Algerien nach Montréal ausgewandert, spürt in ihrer Heimat jenem toleranten Islam nach, den sie als Kind erlebte, der aber seither von radikaleren Ausprägungen verdrängt wurde. Bei den Alten findet sie Spuren des Islamverständnisses von früher, bei manchen Jungen Kritik am Salafismus. Eine differenzierte Diskussion einer Religion mit vielen Facetten.

Das Arab Film Festival Zurich (AFFZ) feiert sein erstes kleines Jubiläum – worauf dürfen wir uns besonders freuen?
Freuen darf man sich natürlich auf die Filme: eine starke Auswahl, deren Titel fast alle aus den letzten zwei Jahren stammen. Und freuen darf man sich nach heutigem Stand auch auf einige Gäste, die Begegnungen und Gespräche ermöglichen werden. Das Mini-Jubiläum zeigt, dass das Festival sich nach vier Durchführungen etabliert hat und akzeptiert wird, Zuspruch erfährt – seitens der Filmschaffenden, aber auch des Publikums. Seit der ersten Ausgabe des zweijährlich stattfindenden AFFZ 2012 (nach der ersten Protestwelle des Arabischen Frühlings 2010) konnte man verfolgen, wie die Filmschaffenden sich mit den Entwicklungen seither auseinandergesetzt haben.

Wie zeigt sich der Umgang mit den Folgen des Arabischen Frühlings an den Titeln des diesjährigen Festivals?
Es gibt Filme, die sehr direkt Kritik am System üben und den Freiheits- oder Emanzipationsgedanken der Protestbewegung weitertragen. Etwa «Sofia» der marokkanischen Regisseurin Meryem Benm’Barek, die zeigt, wie zweitrangig die Stellung der Frau noch immer ist. Dabei geht es um ausserehelichen Sex, der nach wie vor strafbar ist, und darum, dass eine Frau kein Kind zur Welt bringen kann, ohne den Namen des Vaters zu registrieren. Den Widerstand gegen die traditionellen Moralvorstellungen und rückständige Gesetze inszeniert der Film dabei sehr präzis. Andererseits ein Werk wie der tunesische «Tlamess» von Ala Eddine Slim, in dem ein junger Soldat – dazu abgeordert, die ‹Rebellen› zu verfolgen – aus dem ‹Apparat› und der Zivilisation aussteigt und sich in die Wälder zurückzieht. Eine kuriose Parabel mit der klaren Botschaft: Dieses System taugt so nicht! Natürlich geht es auch um Bürgerkriegssituationen, wie sie immer noch herrschen, etwa im syrischen Film «Between Two Brothers» von Joud Said, der die Auseinandersetzung explizit als «Bruderkrieg» inszeniert.

Die Auswahl umfasst 36 Titel aus neun Ländern, fast die Hälfte davon von Regisseurinnen. Ist das der Auswahl zu verdanken oder einer unvermutet progressiven arabischen Filmlandschaft?
Wir vom Filmpodium haben eine Vorauswahl erhalten seitens des Programmteams des Vereins IAFFZ, der die Festivals besucht und die Selektion anhand von Qualitätskriterien macht. Aber es ist sicher nicht zufällig, dass so viele starke Regisseurinnen darunter sind. Es gibt in verschiedenen Ländern nicht nur die Möglichkeit, als Frau gefördert zu werden, sondern auch einen grösseren Antrieb, sich Ausdruck zu verleihen. Dafür spricht zudem, dass es auch in Filmen von Regisseuren viele starke Frauenfiguren gibt. Meiner Meinung nach ein Zeichen des Fortschritts, wirkt man doch über die indirekte filmische Auseinandersetzung an einer Veränderung gewisser Wertvorstellungen im entsprechenden Kulturraum mit.

Im Fokus des Festivals sind dieses Jahr gleich zwei Länder – was prägt die Filme aus Marokko, was jene aus Tunesien? In welchem Dialog oder Kontrast stehen die beiden Schwerpunktländer?
In Marokko sind die Verhältnisse noch sehr viel konservativer als in Tunesien. Tunesien gilt als Vorzeigeland des Arabischen Frühlings – das Land hat sich wahrscheinlich am meisten verändert, auf demokratische Art, ohne Gewalt. So befinden sich tunesische Filme, in deren Fokus eher «moderne» Probleme stehen (die uns im Norden/Westen aus unserem Alltag vertraut sind) an einem ganz anderen Ort in Bezug auf Kultur und Politik als etwa marokkanische Filme, die (noch) die alten Gesetze und Wertvorstellungen hinterfragen (müssen). Es gibt also eine gewisse Phasenverschiebung im Vergleich der beiden Länder.

Wie steht es um die Finanzierung: Gibt es eine nennenswerte Filmförderung in den arabischen Ländern? Und was für eine Rolle spielt die staatliche Zensur?
In Marokko gibt es eine staatliche Kunsthochschule in Marrakesch, die ESAV, die von einer Schweizer Stiftung gegründet wurde. Dort findet seit einigen Jahren eine systematische Ausbildung von Filmschaffenden statt – das diesjährige Plakat des Festivals wurde von Studierenden der ESAV kreiert. Ebenso gibt es viele Koproduktionen – etwa mit Frankreich, aber auch anderen Ländern, die vermehrt Projekte aus dem arabischen Raum unterstützen – was wiederum zu einer breiteren Rezeption der Filme führt. Eine spezielle Position hat Syrien inne, wo man ausschliesslich mit staatlicher Förderung Filme drehen kann. Der syrische Regisseur Joud Said etwa, von dem wir schon mehrere Filme gezeigt haben und der dieses Jahr mit «Between Two Brothers» am Festival teilnimmt, operiert sehr vorsichtig, wenn es darum geht, die Kriegssituation zu thematisieren, ohne die staatliche Filmförderung zu gefährden. Das Thema Zensur lauert dabei ständig im Hintergrund bei seinem Schaffen.

Apropos internationale Koproduktionen: Hat dies Auswirkungen auf die Erzählweise in den Filmen, auf deren Inhalt?
Zumindest teilweise ist das sicher so. Etwa bei der britisch-amerikanisch-syrisch-dänischen Produktion «We Are Not Princesses» der US-Filmemacherin Bridgette Auger und der in London lebenden Syrerin Itab Azzam über eine Theateraufführung von «Antigone» durch syrische Flüchtlingsfrauen in Beirut. Das ganze Projekt wurde vom Westen initiiert und getragen, und doch wirkt der ‹westliche› Dokumentarfilm dank der Erzählungen der Frauen sehr, sehr authentisch. Doch man muss abwägen: So ist die monumentale ägyptische Produktion «Diamond Dust» des hochgelobten und erfolgreichen Regisseurs Marwan Hamed, basierend auf dem Bestseller eines ägyptischen Autors, erzählerisch hoch professionell gemacht, ein Thriller, wie ihn Hollywood realisieren könnte, und doch extrem verwurzelt in der ägyptischen Geschichte und Politik – nämlich eine taffe, unerbittliche Chronik darüber, wie der ägyptische Staat seit Jahrzehnten versagt. Andererseits gibt es Filme, die man diesbezüglich als dezidiert «arabisch» wahrnimmt: etwa der marokkanische «The Healer» von Mohamed Zineddaine über eine Heilerin und eine merkwürdige Dreiecksbeziehung. Ein Film, der in seiner ‹Urtümlichkeit› in dieser Form im Westen nicht gemacht werden könnte. Andererseits haben wir aus demselben Kulturraum Ali Essafi und sein «Before the Dying of the Light» über die Unterdrückung der kulturellen Aufbruchsbewegung in den 70ern – eine hochmoderne Collage.

Ägypten ist, was Filmproduktion, Filmmarkt und Starsystem angeht, das «Hollywood» im arabischen Raum. Was bedeutet das für die anderen arabischen Länder und ihre Filme?
In der Distribution gibt es sicher Rivalitäten. Doch gerade durch internationale Koproduktionen gibt es für die Filme aus anderen arabischen Ländern Start- und Schützenhilfe in einem: Sei es, dass sie vermehrt an internationale Festivals geladen werden oder international sogar ins Kino kommen.

Welchen Titel aus dem reichhaltigen Programm möchten Sie dem Publikum besonders ans Herz legen?
Ein Mustsee ist für mich «Islam of My Childhood»: Nadia Zouaoui ist eine algerischstämmige Filmemacherin, die – nach Montreal ausgewandert – in ihr Ursprungsland zurückkehrt, um dem Islam den Puls zu fühlen. In ihrer Kindheit erfuhr sie ihn als weltoffene, tolerante Religion, bis der Salafismus aufkam. Sie interviewt in der Folge Menschen aus der Generation ihrer Eltern oder Zeitgenoss*innen, die von früher erzählen – andererseits junge Leute, auch aus eher konservativen ländlichen Regionen, die nunmehr eine kritische Haltung gegenüber dem Salafismus einnehmen. Wenn immer wieder nach einer innerislamischen Diskussion gerufen wird, um die Radikalisierung zu überwinden – dieser Film führt sie exemplarisch vor Augen: nicht nur im Hinblick darauf, wie vielfältig der Islam ist, sondern auch, was die unterschiedlichen Meinungen dazu bis hin zu den allerjüngsten Entwicklungen und Öffnungen im Islam betrifft.

Interview: Doris Senn

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International Arab Film Festival Zurich | Filmpodium Zürich | 19. bis 29. November 2020

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