Familienbande
© Salvatore Vitale «Familienbande»

Pasquart Photoforum Biel | Salvatore Vitale «Familienbande»

Publiziert am 17. März 2017

Salvatore Vitale begibt sich auf eine Reise zurück in die Kindheit, zurück zum Vater, zurück nach Sizilien, wo er ursprünglich herkommt. Sie führt ihn fotografisch ins Dunkel von schwach beleuchteten Zimmern, Strassen, Nächten – Zeichen der Begegnung mit seinem alt und fremd gewordenen Vater.
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Erforschen der Entfremdung
Salvatore Vitale (*1986, lebt und arbeitet in Lugano) zeigt mit der Serie «The Moon was Broken», dass durch Fotografie nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch Erinnerungslücken gefüllt werden können. Nachdem Salvatore Vitale mit 18 Jahren sein Elternhaus in Caronia, einem kleinen Dorf im Norden Siziliens, verlassen hatte, kehrte er nur noch für wenige Wochen pro Jahr an den Ort seiner Kindheit am Tyrrhenischen Meer zurück. Im Jahr 2014 entschied sich Salvatore Vitale, der Entfremdung zwischen ihm und seinem Vater auf den Grund zu gehen.

Konfrontation mit der eigenen Geschichte
Wenn sich Salvatore Vitale an seine Kindheit und Jugend erinnert, beschreibt er seinen Vater als typisches sizilianisches Familienoberhaupt: Ein wortkarger Mann, der sich ungern über Gefühle austauschte. Dennoch fühlten sich Vater und Sohn immer eng miteinander verbunden. Während zwei Jahren besuchte Salvatore Vitale seinen Vater regelmässig und versuchte in aufreibenden Gesprächen herauszufinden, warum sie sich zunehmend entfremdet hatten. Dieser schmerzhafte Prozess brachte Reuegefühle an die Oberfläche, aber auch Erinnerungen und Erklärungen: letztendlich bedeutete er für Salvatore Vitale die Konfrontation mit seiner eigenen Geschichte.

Unheilsamer Vorbote
Alle Symbole, Orte und Themen verkörpern in seinen Bildern Möglichkeiten, etwas wieder zu entdecken. Er beschreibt eine Sammlung verschiedener Gefühlszustände, die sich in der Ausstellung über drei verschiedene Räume zu einem atmosphärischen Gewebe verdichten. Das Gefühl von Verlust steht zu Beginn der Serie «The Moon was Broken» und zieht sich als roter Faden durch den ganzen Werkkörper hindurch: Als der kleine Junge Salvatore, auf dem Heimweg von einem Jahrmarkt, er war fünf, den wolkenverhangenen Mond entdeckt, beginnt er zu weinen. Die zerbrochen wirkende Oberfläche betrübt ihn zutiefst. Was als kindliche, zauberhaft traurige Beobachtung gelesen werden kann, bedeutet für Vitale aus heutiger Sicht einen unheilsamen Vorboten. Kurze Zeit später überlebte sein Vater einen schweren Autounfall nur mit viel Glück.

Das lange Warten
Salvatore Vitale verwendete unterschiedliche Techniken: Das Licht verbindet Bildebenen miteinander, etwa das sanfte Mondlicht und das metallene Licht der Autoscheinwerfer als zentrales Gestaltungselement. Das Einfangen des Lichts, die Zeit, die es dafür braucht, ist ein bestimmender Faktor für das Medium der Fotografie. Die zwei Jahre, während denen Salvatore Vitale an «The Moon was Broken» arbeitete, waren geprägt vom Warten: Warten auf seinen Vater, der stumm neben ihm sass, vielleicht um eine Antwort zu verzögern oder zufrieden, nichts sagen zu müssen. Vom Warten bis die Belichtungszeit um ist, alleine auf einer Strasse inmitten steiniger Landschaft. Die Ausdehnung von Zeit, die sich immer dann fast klebrig zäh anfühlt, wenn wir uns der Erinnerung hingeben oder uns auf die Suche nach Erinnerungsfragmenten machen.

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Salvatore Vitale «Familienbande» | Pasquart Photoforum Biel | bis 23. April 2017.

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