Regisseurin Steffi Giaracuni - fasziniert vom Leben in Lehmbauten.

Dokumentarfilm «Didi Contractor» | Interview mit Regisseurin Steffi Giaracuni

Publiziert am 30. November 2017

«Es ist schwierig in Worte zu fassen, aber der Aufenthalt in einem Lehmhaus fühlt sich anders an, als alles, was ich vorher kannte.»
Schon bei ihrer ersten Begegnung mit Didi Contractor wusste Steffi Giaracuni, dass sie einen Film über die auf Lehmhäuser spezialisierte Architektin machen wollte. 14 Jahre später kommt ihr Film nun endlich ins Kino. Warum es so lange dauerte und was Giaracuni so fasziniert an der 86jährigen Architektin und deren Bauten, verrät die Basler Filmemacherin im arttv Interview.

Steffi Giaracuni studierte Mediengestaltung an der Bauhaus Universität Weimar sowie Kamera für Dokumentarfilm an der ZeliG, Schule für Dokumentarfilm, Fernsehen und Neue Medien in Bozen. Seit 2006 Jahren lebt und arbeitet sie in Basel und realisiert Dokumentarfilmprojekte als Regisseurin, Cutterin und Kamerafrau. «DIDI CONTRACTOR – Leben im Lehmhaus» ist ihr erster langer Kinodokumentarfilm als Regisseurin und Produzentin.

Wie sind Sie auf dieses Filmthema gekommen?
Auf einer Trekkingtour durch Teile des Himalayas habe ich vor 14 Jahren eine österreichische Ärztin getroffen, die mich einlud, ihr Spital anzuschauen. Es war der erste grosse und vor allem öffentliche Lehmbau von Didi Contractor. Ich wohnte einen Monat lang im Dachgeschoss der Klinik und dokumentierte Alltag. So habe ich auch Didi Contractor kennengelernt. Sie lud mich ein, weitere ihrer Häuser kennenzulernen, die alle im selben Dorf stehen. Es war eine unglaubliche Erfahrung, diese riesigen Häuser aus Erde, Licht und Luft zu betreten und auch darin zu leben.

Weshalb?
Ich hatte noch nie zuvor Häuser aus Lehm gesehen und noch viel weniger darin gelebt. Es ist schwierig in Worte zu fassen, aber der Aufenthalt in einem Lehmhaus fühlt sich anders an, als alles, was ich vorher kannte. Zugleich waren mir aber die Gestaltung der Häuser, das Design und die Formensprache sofort sehr vertraut. Als ich mit Didi darüber sprach, fanden wir heraus, dass wir eine starke gemeinsame Verbindung haben, die in der Bauhaus Schule der 20er Jahre wurzelt: Didi selbst ist Tochter zweier Bauhaus-Künstler. Sie wuchs inmitten der Künstlergruppe um Josef Albers, Kokoschka und Schlemmer auf. Ich wiederum hatte an der Weimarer Bauhaus Universität studiert und mich im Besonderen für die Anfangszeit des Bauhaus und dessen Mitglieder und Künstler interessiert.

Hat Didi Sie zu diesem Film ermutigt?
Ganz im Gegenteil. Ich ging über mehrere Jahre immer wieder zu ihr. Es entwickelte sich eine Freundschaft und ein steter Austausch darüber, was und vor allem wie sie baute. Ich war begeistert von ihrer Philosophie und dem erlebbaren Ergebnis ihres Schaffens, so dass ich von Anfang an einen Film über sie und ihre Architektur machen wollte. Didi hingegen war skeptisch. Es war eine lange Reise der Annäherung, bis dieser Film entstehen konnte.

Was fasziniert Sie am Menschen Didi Contractor?
Faszinierend ist für mich die Intensität, mit der sich Didi jedem ihrer Projekte zuwendet. Sie durchlebt geistig und emotional jedes Haus noch bevor es gebaut wird, und sie kann ihre ganze Energie in ein winziges Detail stecken. Auch fasziniert mich Didis Kindlichkeit, die sie sich bis ins hohe Alter behalten hat. Sie ist heute 85 und immer noch jeden Tag intensiv und glücklich am Arbeiten. Ihr erstes Lehmhaus hat sie mit 60 gebaut. Es braucht wohl eine Menge kindliche Energie und Freude, um mit 60 noch einmal so richtig zu starten!

Ihr Film geht über das Porträt hinaus, erinnert in punkto Aesthetik und Poesie oft an ein Essay.
Ich habe immer gehofft, eine filmische Sprache zu finden, die meiner Wahrnehmung von Didis Architektur entspricht. Da sind natürlich stille Beobachtungen in sehr ausgewogenen Bildern, die die Kamerafrau Maria Rank mit grosser Feinfühligkeit umgesetzt hat. Es ist aber auch der Arbeit der Cutterin Britta Kastern zu verdanken, dass wir diesem ästhetischen Anspruch bis zum letzten Schnitt folgen konnten. Insofern kann ich von einer Ästhetik und Poesie sprechen, die wir im Team gesucht und gefunden haben. Wenn Sie sagen, der Film sei mehr als ein Porträt, würde ich das insofern bejahen, als ich Didi immer als Insel innerhalb eines riesigen, welt-umspannenden Netzwerkes verstanden habe. Diese Erfahrung sollte der Film ebenfalls vermitteltn. Aus meiner Erfahrung heraus ist es nie nur ein Mensch allein, der oder die eine Veränderung bewirkt.

Ihr Film erscheint zu einem guten Zeitpunkt: Urban Gardening & Co. — noch nie gab es eine so starke Bewegung zurück zur Natur wie in der digitalisierten Welt von heute.
Der Film ist noch nicht angelaufen und wir haben schon jetzt fast 2’000 Followers auf unserer facebook Seite. Wir bekommen Feedback von so vielen Menschen in der Schweiz, die auf unseren Film aufmerksam machen wollen, weil ihnen das Thema ein Anliegen ist. Ich denke, Urban Gardening ist eine Mini-Form von dem, was Didi mit ihrer Architektur in Indien ausleben kann. Es ist unmöglich, hier genauso zu bauen, wie Didi es in Indien tut. Und trotzdem wollen auch hier viele Menschen diesen Weg zurück zu Einfachheit und Natur. Es wird nach Formen gesucht, die auch hier machbar und möglich sind – wie eben Urban Gardening. Jeder Mensch kann sich mit etwas Erde und ein paar Samen ein Stück Natur zurückholen und sein Lebensumfeld gestalten.

Ihr nächstes Filmprojekt?
Ich denke, mein nächstes Filmprojekt wird mich finden, genauso wie mich Didi zufällig gefunden hat. Ich wünsche mir im Moment einen guten Start in der Schweiz für diesen Film und viele Menschen, die sich von Didis Energie und Ideen anstecken lassen. Thematisch interessiert mich immer noch und immer wieder die Frage – so wie es auch im Film über Didi Contractor anklingt – was wir den nächsten Generationen hinterlassen. Was bleibt, was liegt in unserer Verantwortung, was möchten wir wie übergeben?
Interview: Silvana Ceschi

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