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Ottilia Giacometti – Ein Porträt
Ottilia Giacometti – Ein Porträt |

Kunsthaus Zürich | Ottilia Giacometti – Ein Porträt

Publiziert am 25. November 2019

Die Ausstellung ermöglicht, das Leben der Tochter von Giovanni Giacometti und der Schwester von Alberto Giacometti chronologisch nachzuempfinden.

«Ottilia Giacometti – Ein Porträt» stellt die am wenigsten bekannte Figur der berühmten Künstlerfamilie ins Zentrum. Dank Gemälden, Plastiken und Zeichnungen aus der Hand ihres Vaters und Bruders begegnen die Ausstellungsbesucher*innen einer Frau, deren Leben bereits mit 33 Jahren endete, die aber dank den einzigartigen Kunstwerken ihrer Familienangehörigen unsterblich bleibt. Besonders berührend sind die Werke, die Ottilia auf ihrem Sterbebett zeigen. Mehr lesen

Mädchen aus gutem Haus
Ottilia (1904–1937) war die einzige Tochter von Giovanni Giacometti und Annetta Stampa und die Schwester von Alberto, Diego und Bruno. Sie ist das am wenigsten bekannte Mitglied dieser Familie, die nicht nur wegen der zahlreichen Künstler, die sie hervorgebracht hat aussergewöhnlich war, sondern auch wegen der grossen Liebe und Harmonie, die in ihr herrschten. Die Erziehung der Eltern konzentrierte sich darauf, ihren Kindern alle Möglichkeiten zu bieten, damit sie ihr Leben erfolgreich zu meistern vermochten. Sie konnten eine Ausbildung absolvieren und wurden bei ihren Entscheidungen finanziell unterstützt: Alberto und Diego darin, in Paris eine künstlerische Laufbahn und Bruno, in Zürich eine Karriere als Architekt einzuschlagen, während Ottilia die Erziehung eines Mädchens aus gutem Hause erhielt, erst in einem Internat in Horgen, dann an der Frauenarbeitsschule in Bern und schliesslich in einem Pensionat in Lausanne.

Ein Leben zwischen Stampa, Maloja und Genf
Ottilia, die eine gute Schneiderin und geschickt am Webstuhl war – eine Beschäftigung, der viele Frauen im Bergell nachgingen – sammelte Arbeitserfahrungen in Paris, Ascona und Chur. Ihr Vorbild war die Mutter, eine praktisch veranlagte, tiefgläubige Frau. Da Ottilia bei ihren Eltern lebte, begleitete sie diese oft auf ihren Reisen. In Maloja begegnete sie Francis Berthoud, einem Genfer Arzt, der ein passionierter Bergfreund und Kunstliebhaber war, und verliebte sich in ihn. Das Paar heiratete am 22. März 1933 in Maloja und zog nach Genf. Dieser Moment des Glücks endete abrupt durch den plötzlichen Tod Giovannis im Juni 1933. Im März 1934 begaben sich Ottilia und Francis anlässlich ihres ersten Hochzeitstags auf eine Mittelmeer-Kreuzfahrt, die sie nach Italien, Griechenland und Ägypten führte. Im März 1937 traf die frohe Nachricht ein, dass Ottilia ein Kind erwartete, und alle sahen freudig dem Tag der Geburt entgegen. Am 10. Oktober, an Albertos Geburtstag, wurde zur grossen Freude aller Silvio Berthoud geboren. Die von der Geburt erschöpfte Ottilia starb jedoch einige Stunden später. Ihr Tod war eine Tragödie für die Familie, aber da war Silvio, ein neugeborenes Menschenwesen, das Zuwendung brauchte. Annetta verliess sogleich ihr Tal, um in Genf zu leben und ihren Enkel aufzuziehen.

Strahlende Schönheit
Giovanni weist eine besondere Sensibilität in den Bildnissen seiner Kinder auf; er beobachtet fasziniert, wie sie heranwachsen und porträtiert alle vier, besonders im Kindesalter, viele Male. Überdies setzt er sich immer wieder mit dem Thema Mutterschaft auseinander und greift, wie im Gemälde «Die Mutter», auf das Kompositionsschema der Madonnen des Quattrocento zurück, um Annetta darzustellen, Ottilia in den Armen haltend, zu ihren Füssen Alberto und Diego. Das Gemälde «Die Lampe» zeigt, wie sehr Giovanni die Intimität seines häuslichen Lebens schätzte. Die Porträts Ottilias, die er in festlicher Kleidung oder in einem Moment der Ruhe darstellt, bringen seine tief empfundene Freude über ein Leben zum Ausdruck, das im Begriff ist, sich zu entfalten, bis hin zu den Porträts von 1923/24, die eine erwachsene Ottilia von strahlender Schönheit zeigen.

Gipsbüste der Schwester
Auch der Sohn Alberto begann seine künstlerische Arbeit im Kreis der Familie. Es war allerdings sehr viel anstrengender und unangenehmer, für ihn, der absolute Bewegungslosigkeit forderte, Modell zu stehen, als für den Vater. Ottilia wird von ihrem Bruder häufig bei alltäglichen Beschäftigungen oder zusammen mit den anderen Familienmitgliedern dargestellt. Je mehr Albertos Fähigkeiten wachsen, desto intensiver und reifer wird der künstlerische Dialog mit dem Vater, seinem ersten Lehrer. In den Porträts Ottilias, die gegen 1925 entstanden sind, ist zu erkennen, dass er viel von seinem Vater gelernt hat. Seine Gipsbüste der Schwester weist mehr Gemeinsamkeiten mit dem Werk Charles Despiaus als mit dem Antoine Bourdelles auf, seinem Professor an der Kunstakademie. In den 1930er-Jahren, als er in der Pariser Szene schon ein anerkannter Künstler war, setzte er bei seinen Besuchen im Tal seine Studien zur menschlichen Figur fort. Interessant sind die nicht umgesetzten Skizzen für die Einladung zur Hochzeit von Ottilia und Francis, während das wohl gegen 1934 wieder aufgenommene Porträt Ottilias schon die Zeichen einer neuen Figuration in sich trägt, einer künstlerischen Suche, die im Februar 1935 zu seinem Ausschluss aus der surrealistischen Bewegung führen wird.

Tod und Leben
Der berührendste Teil der Ausstellung sind die mit dem Tod Ottilias verbundenen Werke. Dramatisch ist der Kontrast zwischen dem stillen Gesicht Ottilias auf dem Totenbett und den Skizzenheften mit den Porträts von Silvio in der Wiege, die sich zart und liebevoll diesem neuen Lebewesen zuwenden, das nichts von dem Schmerz weiss, der es umgibt. Ein Kopf Ottilias, dem sich Alberto gleich nach seiner Rückkehr nach Paris bis zum März 1938 widmete, war der letzte Versuch, seine Schwester darzustellen. Er arbeitete nach der Erinnerung, von Fotografien unterstützt, die Gesichtszüge sind undeutlicher und das erste Mal ist die Verkleinerung zu beobachten, ein Merkmal, das alle seine Werke von 1939 bis in die Nachkriegszeit auszeichnet. Drei Skulpturen von Silvio aus den Jahren 1943 bis 1945 verkörpern diese fast obsessive künstlerische Suche, mit der er sich während seines unfreiwilligen Aufenthalts in Genf beschäftigte, als er wegen des Krieges nicht nach Paris zurückkehren konnte. Am Ende der Ausstellung bezeugt eine Kinderzeichnung Silvios den Fortgang des Lebens.

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