Berlinale 2017 | Joseph Beuys | Der Mann mit dem Hut

Publiziert am 17. Februar 2017

Wer an deutsche Männer mit Hüten denkt, kommt am Musiker Udo Lindenberg und dem Künstler Joseph Beuys nicht vorbei. Andres Veiels Dokumentarfilm «Beuys» setzt letzterem ein Denkmal. Das war nicht nur überfällig, sondern ist auch äusserst gut gelungen.

«Beuys» von Andres Veiel | Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 107 Min | Der Film läuft im Wettbewerb der 67. Berlinale.

Die Berlinale findet vom 9. bis 19. Februar 2017 statt.

Mehr als Filz und Fett
Er ist der berühmteste deutsche Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Joseph Beuys. Was Günter Grass für die Literatur in dieser Zeit darstellte, das war Beuys für die bildende Kunst. Sehr präsent, aber auch etwas sperrig. So kennt man ihn auf alle Fälle. Jeder der schon einmal ein Museum für moderne Kunst von innen gesehen hat weiss, dass Filz und Fett zu Beuys gehören. Dass Beuys aber nicht nur künstlerisch viel mehr war, zeigt der sehr sehenswerte Dokumentarfilm von Andres Veiel. Wir erfahren, wie Beuys im 2. Weltkrieg mit dem Flugzeug abgestürzt ist, warum er seine Professur verlor, welche Demütigung ihm die Grüne Partei antat, und wie die Kunstaktion «Tausend Eichen» über die Bühne ging. Aber es gibt in diesem grossartigen Film noch viel mehr zu entdecken – Beuys als Menschenfreund und gleichzeitig Menschenfänger, Beuys als Provokateur, Beuys als Humorist, Beuys als Zweifler, Beuys als Todkranker – für einmal ohne Hut.

Die Frage nach der Kunst
Was der Film von Veiel aber intelligenterweise unterlässt, ist danach zu fragen, was Kunst ist und was nicht. Bei Beuys wäre eine solche Fragestellung, vom Standpunkt eines Laien aus betrachtet, zwar durchaus denkbar. «Das könnte ich auch», oder «Das ist eklig», sind die üblichen Kommentare. Dass Veiel nicht darauf eingeht, ist begrüssenswert. Für den Regisseur ist der Ausgangspunkt klar: Beuys war ein grosser Künstler! Punkt! Darum greift der Film auch nicht berühmte Anekdoten auf, etwa jene der beiden Frauen, die Gläser spülen wollen und dafür einen Wasserbehälter brauchen. Diesen finden sie in Form einer Badewanne. Unwissend, dass es sich dabei um ein Kunstwerk von Beuys handelt, putzen die beiden Frauen erstmal alles Fett weg. Oder der Hausmeister eines Museums, der ein Werk von Beuys einfach wegputzt, natürlich in der Meinung, seiner Pflicht als Reinigungskraft Genüge getan zu haben.

Zum Film
Joseph Beuys, der Mann mit dem Hut, dem Filz und der Fettecke. Dreissig Jahre nach seinem Tod erscheint er uns als Visionär, der seiner Zeit voraus war und immer noch ist. Als erster deutscher Künstler erhält er eine Einzelausstellung im Guggenheim Museum in New York, während zu Hause sein Werk mehrheitlich noch als «teuerster Sperrmüll aller Zeiten» gilt. Gefragt, ob ihm solche Urteile gleichgültig seien, sagt er: «Ja. Ich will das Bewusstsein der Menschen erweitern.» Andres Veiel erteilt dem Künstler selbst das Wort. Aus zahlreichen bisher unerschlossenen Bild- und Tondokumenten montiert er ein assoziatives, durchlässiges Porträt, das, wie der Künstler selbst, eher Ideenräume öffnet als Statements verkündet. Beuys boxt, parliert, doziert, erklärt dem toten Hasen die Kunst und fragt: «Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?» Doch man erlebt auch den Menschen, den Lehrer und Grünen-Kandidaten. Einmal, kurz vor seinem Tod, lässt er sich auch ohne Hut fotografieren. Die Widersprüche und Spannungsfelder, in denen Beuys’ Gesamtkunstwerk entstanden ist, werden sichtbar. Sein erweiterter Kunstbegriff führte ihn mitten in bis heute relevante gesellschaftliche, politische und moralische Debatten.

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